Eisbachwelle & das siebenhundertachtundsechzigste Gedicht

Eisbachwelle

Warnung vor der Runde (Die Schöpfer schöner Töne wie der widerlichsten Worte)

Obacht, die Macher schöner Worte
Lungern wieder rum vor Orte
Und die Schöpfer schöner Töne
Stimmen ein in das Geklöne!

Sie lauern auf dich arglos Hör'nden
Hol'n dann aus zum grundverstör'nden
Tunichtguten Timbreschwall
Und: Ja, dies ist ein Überfall!
Met Rumgeballiterationen
Und Triointerpretationen!

Spürst du, wie die Terrorzell'
Schert sich in dein Trommelfell?
Kein Flimmerhaar bleibt ungeschor'n
Beim Spliss bis über beide Ohr'n
Die zupfen und ziehen, die greifen und beißen
Die blasen und schlagen, die rupfen und reißen
Nur genügt's denen nicht, dich massiv zu rasier'n
Die woll'n dich mit Klängen lasziv penetrier'n!

Sie umschwirr'n dich wie zierlichste Cheerleaderchicks
Und bezirzt von der Zierde stilistischer Tricks
Zieht's dich hin zum Geysir ihrer Lautakrobatik
Verwirrt, irritiert ob der schieren Ekstatik
Bis sich glockenklar säuselnd
Und nackenhaarkräuselnd
Zungenzärtlich Schall ergießt
Als Wärmeschwall ins Herz zerfließt
Ein Ohrenmuschelkuschelflaum
Der flauschig, wie durchhaucht von Schaum
Vor schierem Glück verzückt tonal
Dein blümerantes Lendental
Was dich, wiewohl man's anders schreibt
Zu wohligstem Ohrgasmus treibt

Du bist, mein Kind, so unverdorb'n
Drum schütze dich und deine Ohr'n!
Gib dich nie solcher Wollust hin
Denn Unheil ist des Wohlklangs Sinn!
Und lauscht du ihm zu unbekümmert
Wird vom Rausch dein Hirn zertrümmert

Obacht, die Macher schöner Worte
Lungern wieder rum vor Orte
Und die Schöpfer schöner Töne
Stimmen ein in das Geklöne ...
Nu wirste süffig eingesahnt!

Nur sag nicht, du wärst nicht gewarnt!

Hofgarten & das siebenhundertsiebenundsechzigste Gedicht

Hofgarten München

Die ersten Strahlen

Wie, dass jene Morgensonne strahlt und strahlt und wärmt dich nicht?
Wie, dass ihre frühe Gabe nicht erreicht dein Angesicht?
Bist du nicht des Winters müde, mürb geworden in der Zeit
Von dem Übel, das uns rüde einte im verlor'nen Fight?
Sitzen wir nicht Seit an Seite, hier im frühen Tageslicht?
Wie, dass jene Morgensonne strahlt und strahlt und wärmt dich nicht?

Dringt der Aufbruch, den ich fühle
Nicht zu dir und alter Kühle?
Will dein Drang, ab hier zu scheiden
Mir die neue Coolness neiden?

Zeigt dein Spiegel die Entscheidung, noch bevor sie einer spricht?
Wie, dass jene Morgensonne fand den Weg in dies Gedicht?

Garden & das siebenhundertsechsundsechzigste Gedicht

Im Englischen Garten

Die Malhalblangmachungsvorsätze Ellis und ihre Sondierung

Du sonderst dich oft ab, als würd', werte Elli
Ein Grund dieser Welt "Jetzt sei sonderbar!" schrei'n
Doch es gibt auf dem Kreisrund von uns'rem Erdbälli
Schon längst keinen Grund mehr zum Sonderbarsein

Auf Abwegen & das siebenhundertfünfundsechzigste Gedicht

Biergarten am Kleinhesseloher See

Deutsches Museum, Seitentrakt

Dieser taube Wissenszipfel im Abseits
Hat seit Eröffnung des Hauses noch nie int'ressiert
Weshalb dein: "Ach, schau mal hier - wusstest du das?!"
Den rüde Geweckten komplett irritiert

Schattenpflanzen & das siebenhundertvierundsechzigste Gedicht

Schatten im Englischen Garten

Die Streckung

Der Nullmeridian meines Kosmos
Ist schon die nächste Zeile
Komm' grad so mit dem Stift dran

Sonst wart' ich halt 'ne Weile

Wasservögel & das siebenhundertdreiundsechzigste Gedicht

Schwan am Kleinhesseloher See

Das E und Ö des Fliegens

Nun, obschon ja Schwan und Enten
Durch die Lüfte segeln könnten
Dümpeln sie selig auf dürftigen Seen

Geben uns so zu versteh'n:

An den traumumzäunten Segen
- ebenjenes Flugvermögen -
Lässt sich als "Is' nix Besond'ret!" gewöh'n

Man sinniert sich das zu schön:

All der Stress beim Flügeldehnen
Im Gehör das Fahrtwinddröhnen ...
Trüb wird der Wert vom Sichselbererhöh'n

Lieber unten Runden dreh'n!

Um die Ecke & das siebenhundertzweiundsechzigste Gedicht

Alter Nordfriedhof

Entschluss bei Niesel

Ein Wetter, das nach Friedhof riecht
Im Krebsgang durch die Ganglien kriecht

Ich spür, mein Blut ist einsam grau
Und krüppelt dumm herum im Stau

Und der Tag endet einfach, bevor er beginnt
Da marschieren zu Parties, die hoffnungsfroh sind

Doch ehe ich nun ganz verstumm'
Bring' ich diese Welt noch um!

Milde Krähen & das siebenhunderteinundsechzigste Gedicht

Krähen im Englischen Garten

Der Kosmopolit

Immer muss ich tanzen
Mit den alten Schranzen
Und beherrsch' die Schritte
Nur noch bis zur Mitte!

Geb' dann vor, mein Hampeln wär'
Das Know-how vom Laissez-faire

MUC-Skyline & das siebenhundertsechzigste Gedicht

Skyline München

Eine Vorschau auf ein weiteres 2018er-Projekt von mir - ein Liedtext zu Henry Purcells "But ere we this perform"

Streitarie

Du enervierst enorm
Hast jedes Maß verlor'n
Dein überheblich' Selbstgefall'n
Dein egomanes Fäusteball'n
Du hast mein Glück verdorb'n
Als Dank gilt dir mein Zorn

Elisabethmarkt & das siebenhundertneunundfünfzigste Gedicht

Elisabethmarkt Schwabing

Melancholie

Draußen behupt sich der Abendverkehr,
Und ich pups am Schreibtisch, gedankenschwer.
"Bist Du beschwipst?", fragt mein plappernder Muli –
Und reimt sich geschmeidig auf Lapislazuli.

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