Einakter

Alles, was die zwölf Zeilen überschreitet - aber auch noch nicht an die Länge der Slamgedichte/die Vortragsdauer von drei Minuten (oder mehr) heranreicht.

Krumau & das eintausendzweihundertzweiundvierzigste Gedicht

Blick auf Krumau an der Moldau

Reim & Insta

Ich glaube, du könntest auf Insta sehr schön sein!
Es gibt dort entsprechende Filter,
Dass all die ergriffenen Follower stöhn'n ein:
"So sweet, escht! Sin' vollschöne Bilter!"

Die reale Welt bietet nur Ungünstigkeit
Von Winkeln, Momenten und Licht.
Sie zerrt deine Aura zur Unkenntlichkeit -
Ein prosagedrucktes Gedicht.

Aber kundig posiert vor der Linse vom Smartphone
Verwäscht sich die Unförmigkeit der Figur -
Dank Portraitautomatik beglänzet dir zart schon
Feinster Glamsternenstaub deine Hilflosfrisur.

Und glaub' mir, du ließest dich sehr schön bereimen!
Denn gleich Filtern obliegt's mir als Dichter,
Die Grobporigkeit deiner Haut zu entkeimen,
Weichschönend als Wirklichkeitsrichter.

Du siehst, man hat dich falsch geboren -
Du bist zur Schönheit auserkoren!

(Gleichwohl entwertet bald das Bild,
Dass dieses halt für alle gilt.)

Isar & das eintausendzweihundertdreiunddreißigste Gedicht

Am Isarufer bei Thalkirchen

Der alte Fluss

Nun, mir scheint, du bist noch einmal träger geworden
Und ich denke, ich kann das versteh'n.
Nach oben ist Süden und unten ist Norden,
So lang sie die Karte nicht dreh'n.

Aber neuerdings schreit es, man müsse entscheiden,
Ob dein Süden sich richtig verhält.
Für irgendwen nimmst du klammheimlich Partei, wenn
Du sagst, das sei nicht deine Welt.

Du kannst nicht einfach durch zwischen Osten und Westen,
Weil du meinst, das seist du so gewohnt.
Die halten sich nicht nur zum Spaß für die Besten.
Man hat dich sehr lang schon geschont.

Und nun hast du den Drive für die Ufer verloren
Und du hoffst, man wird dich überseh'n,
Wenn Irrtumsimmune nach neuem Plan bohren.
Ich denke, ich kann das versteh'n.

Rochuskapelle & das eintausendzweihundertsiebenundzwanzigste Gedicht

Rochuskapelle bei Bingen

Wegen, wegen, Wegen! (Die Goethe-Ruh am Rochusberg)

Nur wegen Goethe flöte ich,
Der Klötgen Frank (auch: Klöterich),
Auf dem allerletzten Loch -
Und doch die Roch-
Uskapelle hat der Mühen gelohnt
(ich bin nur solch Fußwege nicht mehr gewohnt)!

Mit dem Kirchlein an sich hat es gar nichts zu tun (ich
Find's weder verwegen, noch richtig ruinig),
Denn es hat ja seit meiner schöngeistigen Häutung
Das Geistliche (meist) für mich keine Bedeutung.

Doch durch des Kreuzwegs Schatten schleich ich
Mich lichtungswärts ins wahre Reich, ich
Hocke müd mich hin im Schauen
Auf die Rüdesheimer Auen.
Und in des Rheins und Weines Weiten ...
Da stapeln sich Erhabenheiten.

In solcher Natur wähne ich meinen Segen.

Und bleib' auf der Spur von mir ähnlichen Wegen.

42 Kilometer & das eintausendzweihundertsiebzehnte Gedicht

Arkaden von Bologna

Unter Arkaden

Den Stau der von Marmor geglätteten Kühle
Flattert kühn eine Schwalbe aus Warmluft entzwei,
Ein Wind drängt die schwerfällig dreharme Mühle
Zum Durchwirbeln der zeitlosen Aircraft-Kartei.
Mancher Hauch ist hier auch schon vorm Zeitmaß gewesen,
Riecht kellerdunstschmauchig, jahrhundertbelesen,
Ist vom Blitztakt des Lichtspiels nur passiventzückt,
In platzhirschgebührende Langmut entrückt.

Wie verlahmt schlurft mein Dasein mit latschigem Schritt -
Der gewinnt erst im Nachhall der Architektur!
Die bewahrt ihren Wert und veredelt mich mit -
Ich fühl mich beheimischt trotz Sightseeing pur.

Und geschmeidig befächelt von Grade-Kaskaden,
Ein Lächeln vom Bad in den alten Arkaden,
Bestürmt frühe Anmut die Sehnsucht der Haut -
Ich bin von der Straßen Zug gleichsam erbaut.

Botanischer Garten & das eintausendeinhundertneunundachtzigste Gedicht

Im Botanischen Garten am Münsteraner Schloss

Pista und Patzer

Pizzaboten liefern halt
Nicht in dichten Kiefernwald,
Lassen lieber ihre Pfoten
Von dem Platz, wo Kitze koten,
Die von roten Rickenzitzen
Gierig Rohmilch-Shots stibitzen.

Die Pizzaboten liefern stattdessen
Lieber in Städte die Delikatessen,
Wo bekiffte Showbiz-Spitzen
Schon als Kids sich Botox spritzen -
Zotenreich und witzig motzend
Vor die City-Bauten kotzend -
Wohlumworben von devoten
Pizzabotenidioten.

Waldbewohner wie -besitzer
Warten wie gewohnt auf Pizza.
Deren Boten liefern halt
Nicht in dichten Kiefernwald.

Schloss Suresnes & das eintausendeinhundertzweiundachtzigste Gedicht

Schloss Suresnes in Schwabing vom Garten der Katholsichen Akademie

Endlich Geld (ohne Ende)!

Das Ausrauben von Banken
Bezirzt meine Gedanken.
Wir haben hier nicht ewig Zeit
Und dort haust eine Möglichkeit -
So dreh'n sich die Gedanken
Ums Ausrauben von Banken.

Das Ausrauben von Banken
Heißt "Neue Chancen tanken!"
In dem Spielraum alter Sorgen
Bietet sich kein bess'res Morgen -
Uns bleibt, um aufzutanken:
Das Ausrauben von Banken.

Dem Ausrauben von Banken
Hab ich viel zu verdanken.
Einfach rein und alles nehmen,
Nachher ein klein wenig schämen -
Auch ihr mögt euch erlauben,
Mal Banken auszurauben!

Taubensee & das eintausendeinhundertzweiundsiebzigste Gedicht

Taubensee am Rauschberg bei Ruhpolding

Die Ruhe an ruhigen Orten

Völlig unverdient sonnt der Verkehr sich in Sanftheit,
Wenn sein Lärm sich einwellig im Strandkies verliert.
Hier, wo Lautlosigkeit alles Abendlicht anschreit,
Weil sich zweihellig festigt, dass nichts mehr passiert.

Die Allmacht der Stille als handwarmer Schoß
Schließt den Sicherheitsbügel der Sorglosigkeit.
Sie bezähmt die Erkenntnis, dieser Ort sei nicht groß,
Mit der Irrelevanz deiner Kleingeistigkeit.

Als wäre die Ruhe an ruhigen Orten
Der letztforsche Hauch einer fremden Essenz,
Der klärende Vers aus verschwundenen Worten,
Das fehlende Album verschollener Bands.

Der Verkehr mault sich kurzatmig wieder ins Gähnen,
Als hätt' sich ein Zähnchen im Zimmer geirrt.
Und der Salzrand von nicht mehr erinnerten Tränen
Ist das Siegel vom Wissen, dass nichts mehr passiert.

Bode & das eintausendeinhundertfünfundsechzigste Gedicht

Sonneuntergang am Bodeufer

Am Langen See

Dort ruht die letzte Schönheitsspur
Aus altgedienten Zeiten -
Von jetzt kann neue Einsicht nur
Dir gleiche Freud bereiten.

Ein altes Treppenfundament,
Dem das Gebäude fehlt.
Ich kenn noch wen, der das noch kennt -
Der nennt den Ort: entseelt.

- - -

Damit kleine Dinge verschwinden,
Muss wirklich nichts Großes gescheh'n.
Die Zeit lebt vom steten Erblinden -
Auch du bist schon nicht mehr zu seh'n!

- - -

Aufs Seeufer fällt manchen Abends ein Schatten
Von einem verschwundenen Ausflugslokal.

Und die Freude am Spiel, die wir einst darinn'n hatten,
Verdimmt im Anno Dazumal.

Universitätskantine & das eintausendeinhundertfünfzigste Gedicht

Luftballons in der Kantine der Universität der Seychellen

Menschen

Es ist gar nicht notwendig, Menschen zu essen,
Um menschlichen Wohlgeschmack nicht zu vergessen.
Wir können die Nähe von Körpern genießen,
Auch ohne die Zahnreihen um sie zu schließen -
Zur Sättigung lässt man das Augenlicht stöhnen
Und wohlig Odeure das Stammhirn verwöhnen.

Es braucht auch im Abstand das stiere Begehren,
Um menschliche Leiber mit Anstand zu ehren -
Von sexuellen Attraktionen,
Die in jedem Hinblick lohnen,
Muss niemand die sinnlichen Fingerchen lassen!

Doch schmause auch vom Unbekannten,
Drück dich nicht vor Varianten -
Es gibt so viel Menschen, um nichts zu verpassen!

Anse Takamaka & das eintausendeinhundertneunundvierzigste Gedicht

Ausblick vom Anse Takamaka

Going on a Tata to Anse Takamaka

Wroom, the indian engine roars,
Wroom, click, gear-gear, roaaaamm ...
And the multitude of rupee coins
In the driver's plastic bag
Clicker-di-click-click
Like the treasures of a pirate's chest
But there's no way out of Victoria
Without getting ... stuck ... in ... traffic ...
Stuck ... in ... traffic ... stuck
And the fully packed rumbler sighing:
How did all these cars get on that island?

But after the airport - we fly away
On and on and on and on and anse on anse on anse on anse ...
Passing 150 shades of green in a lushness
And lust for growth
That it bothers me
That just by looking at it
Even as a man you could get pregnant
And on and on and anse on anse ...
We call "Devan!" by the sight of palm trees -
Leaving the Tata for Anse Takamaka,
Understanding in the shimmering sand
That we've never understood the colour blue
And would never be able to describe
Anyone this range of blueness -
Except for saying
That we
Were
There.

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