Gebäude & Urbanes

Gedichte, in denen Gebäude und Bauwerke oder städtische Areale die Hauptrolle spielen.

Castel San Pietro & das eintausendvierte Gedicht

Blick auf Castel San Pietro

Die aufgegebene Fabrik

Die aufgegebene Fabrik
Flüstert immer noch Worte wie Kapazität
Auslastungsgrad oder Marktpotential
All die Willenskraft schwebt im Jahrhundertaspik
Und gerät in die Strömung vom Nu-is-egal

Des Gebäudes Geschichte ist längstens geschrieben
Und ein Mörtelstrang ragt aus der Wandnostalgie
Die Arbeit ward aus den Maschinen vertrieben
Und harrt auf den Neustart - ich wüsste nicht wie

Geschulterte Vermächtnisse
Ruh'n in unsteten Schreinen der Handlangerei
Untradiert über ein Handmanual
Doch die Fertigkeit stummer Gedächtnisse wiegt
Nur im Hain alter Mauern noch resthaft real

Wie den Eifer und Schliff noch im Guten vergeuden?
Allen Unterschied, den bald schon niemand mehr merkt?
Du wirkst für die Aura von toten Gebäuden
Und wirst von den Damalssekunden gestärkt

Burghausen & das neunhundertzwölfte Gedicht

Burghauen weltlängste Burg

Auf Burgbesuch

Jenes stur bewahrte Früher war dereinst ja auch ein Jetzt
Um's "Schaffe ich's in diese Burg rein?" hat man sich mal arg gefetzt

Dementsprechend eingemauert
Wurden Zeiten überdauert
Zwar trutzt die Feste immer noch
Doch killt die Distinktion ein Loch

Und alles Für- und Wieder-Erwägen über das Riskier'n von Qualen
Reduziert sich zu der Frage: "Willst du so viel Eintritt zahlen?"

Stechbahn & das neunhundertfünfte Gedicht

Stechbahn, Celle Altstadt

Gedanken eines Bestadters

Und wieder grüßt mich eine Altstadt
Fachwerkstättisch lebensfroh
Derweil nur der Begrüßte altert
Auf rasantestem Niveau

Und jede Balkenschnitzerei hat's
Fast immer schon gegeben
Nur im Außervor wird abgekratzt
Die Stadt wird's überleben

36 Binnenbalkon & das achthunderteinundachtzigste Gedicht

Kaltern am See

Der Absturz

Kaum hatt' ich Balkon sowie Treppen entdeckt
Wurd' ich von 'nem Erdgeschoss niedergestreckt

25 Irrspiegel & das achthundertsiebzigste Gedicht

Skyline Schwabing

Roaring Houses

Die Häuser verlassen nun ihre Gemäuer
Und der Korridor schlüpft durch die Keller
Das Wachstum der Steine ist ewig Gesetz
Was sie stoppte, macht heut alles schneller

Die alte Bescheidenheit wendet sich heuer
Gegen jegliche Form von Respekt
Die Räumlichkeit schluckt nun ein tieferes Netz
Das im Jenseits der Sinne versteckt

Santuario della Consolata & das achthundertdreiundvierzigste Gedicht

Santuario della Consolata Turin

In Kirchen

Der Prunk ist zu hellloser Stille gezügelt
Und in die Gemäuer ward Reue geprügelt
Die Demut durchschwirrt diesen Raum in 3D

Nur ich muss nicht glauben an was ich hier seh'

Lux & das achthunderteinundvierzigste Gedicht

Kino Lux in Turin

Die Schma(ro)tzer

Gasseneleganz gelt Glanz
In das Flair der Ären
Und Epochenfirlefanz
Pocht an unser Gären
Zu historieverschlingenden Lebenslustfrönern

Noble Schönheit lässt sich durch Genuss noch verschönern

Plaisance & das achthundertfünfundzwanzigste Gedicht

Vorort Victoria Seychellen

Afrikarand

In den Vororten und zweite-Reihe-Hausreihen
Hockt die Folklorefreiheit Afrikas
Freundlich auf dickfleischigkrautigem Gras
Doch sie kann die Exotik nicht gänzlich entweihen
Immer schwänzt eine Palme, ein Dickicht
Das keiner Gartenwelt Halmung entspricht

Hier sind das Cruisen, die Bässe noch warm vom Versuch
Hier wird niemand die Scheinwerfer blenden
Ist das Eiland ein einig "Ich kenn'n den!"
Alle Globalisierung bleibt ein fremder Geruch
Lehrt das Leid, nicht zuviel zu erwarten
Harkt die Zeit die Option
Zwischen "noch nicht" und "schon"

Ein sehr unverbindlicher Garten

Modersohnbrücke & das siebenhundertsiebenundachtzigste Gedicht

Modersohnbrücke

Berliner Boden

Hier ist das Pflaster noch Teil einer Wunde
Klatscht der Schritt über Härte zurück in das Bein
Im Gestein klebt das Wimmern getretener Hunde
Ist die Coolness ein Bittbrief, hier glücklich zu sein?

Gendarmenmarkt & das siebenhundertdreiundachtzigste Gedicht

Die Kugelahorne vom Gendarmenmarkt

Die Kugelahorne vom Gendarmenmarkt

Wenn Kugelahornfälldebatten
manch kluges Naturell beschatten
Wenn Niedrigäst und Blätternest
versag'n im Platzverwertungstest
Wenn Häuptlinge vom Stamme Nimm
den Stämmen drohen, ist das: schlimm

Sind Zweigstellen mit Kindchenschema
wirklich kein Touristenthema?

Ist das gernegroß-ulkige "Ick bin zufrie'n ..."
nicht sinnbildlich baumelnd für "Ditt is Balin!"?

Wohlan, ihr Stadtentwicklungstucken
es gilt in Reue sich zu ducken!
Ihr sollt bei jedem "be Berlin"
den Kugelahorn einbezieh'n!
Und lehrt es auch noch eure Blagen:
Wer A sägt, muss als B versagen!

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