Alter, Tod & Abschied

Gedichte über das Älterwerden, den Lebensabend, Krankheiten. Und den Tod.

Kerimäki & das eintausenddreihunderteinundfünfzigste Gedicht

Decke der größten Holzkirche in Kerimäki

Kleine Adieus

Es war nichts Wichtiges, das ging.
Kein Schatz, an dem man wirklich hing.

Doch sträubt den Samt der kleinen Schmerzen
Die Täubnis deines Zugemuts -
Der sammelt bloß, bald auszumerzen
Die alten Pläne deines Guts!

Dein Stern ist aus der Welt gesunken.
Du hast zu oft Adieus gewunken
Und tat auch keines weh -

Es werden die Veränderungen
Schon längst als Status Quo besungen,
An dir prangt ein a.D.

Tervetuloa & das eintausenddreihundertsiebenundvierzigste Gedicht

Hotel Järvisydän an den Saimaaseen

Fremdpartykel

Mit dem Chic, der die Dich-Jemands ausstößt,
Scheint Zukunft sich im Jetzt,
Und ihr Blickchen, das Abstände einflößt,
Hat sich in den Augen vernetzt.

Ab hier ist die Geschichte zuende,
An der du tapfer schriebst,
Und das Schicksal betont bis zur Blende,
Wie lang du letztlich bliebst.

Aila & das eintausenddreihundertsiebenundzwanzigste Gedicht

Roboter Aila im Futurium in Berlin

Kleiner Trost

Es wird Verluste geben,
Wie jederzeit im Leben,
Uns bleibt nur auszuwählen,
Wie viele davon zählen.

Kanzleiskanzel & das eintausenddreihundertzweiundzwanzigste Gedicht

Bayerische Staatskanzlei im Hofgarten

Möglichkyten

Das Du und Vergang'ne eint treufest ein Bund
Mit der Wolkenpräsenz vom entlaufenen Hund,
Ja, du erinnerst alles
Immer noch als Möglichkeit.

Oh, du weigerst dich strandhaft den Abstand zu messen
Und entlässt keinen Fußabdruck in das Vergessen,
Nein, dir scheint alles
Unauffindbar, doch bereit!

Nur das Jetzt, wie es ist, hast du niemals erlernt.

Und das Flattern des Surferverkehrs
Ist von dir schon in Kleinigkeit so weit entfernt
Wie das andere Ufer des Meers.

Herbstsonne & das eintausenddreihundertzwanzigste Gedicht

Isarufer am Lehel

Die Sonne rollt den Teppich aus

Die Sonne rollt den Teppich aus,
Ein Strahlen freit die Farben -
Da schleppst auch du dich noch mal raus
Und gleitest aus dem Haben.

Und schale Überdrüssigkeit,
Das schwerfällige Regen
Durchströmt vermisste Flüssigkeit,
Versöhnungsreicher Segen.

Rausch' über glatt gestrichenen,
Verschlafen weichen Flor
Zum Hafen der Verblichenen,
To reach the other shore.

Barberini & das eintausenddreihundertsiebzehnte Gedicht

Eingang Museum Barberini in Potsdam

Zwischen den Palaststürmern

Dass nur nichts nochmals schlechter wird,
Ist mein Wunsch für die nächsten Minuten,
Dass kurz die Welt nicht danach giert,
Mir weitere Schmach zuzumuten.

Ich steh doch schon so ungeschützt,
Befreit von allem Glauben,
Dass mich befremdet, wem es nützt,
Mir letztes an Restmut zu rauben.

Wie eifrig meine Nachhut schält
An dem, was schon bloß Existenz ist!
Weil Zukunft sie ab heute quält,
An früh'rer Dekadenz misst.

Neuaufbau Altpotsdam & das eintausenddreihundertvierzehnte Gedicht

Potsdam neuer Alter Markt

Letzte Runde

In der Stammkneipe werde ich plötzlich gesiezt
Und die Gläser werd'n auch immer kleiner.
Ich hab längst vergessen, wozu du mir rietst,
Bin nun überall nur irgendeiner.

Hätte ich mich dereinst etwas stärker gereckt,
Wäre mehr zu erreichen gewesen?
Im Glauben, mich hätte ein Kellner entdeckt,
Trink ich mich in weitere Thesen ...

Doch zum ersten Mal seh ich, wie hässlich ich bin,
Vom Zersetzungsprozess überrannt.
Vorm Kloeingang twittert die Inhaberin,
Sie sei mit dem Wirt jetzt verwandt.

Nie war mir so fern, dass wir tranken,
Und ich denke, wir hab'n es getan.
Ich verstau meine letzten Gedanken
Und zahl dann mit Großvaters Zahn.

Die Kämmende & das eintausenddreihundertdreizehnte Gedicht

Die Kämmende Skulptur auf der Freundschaftsinsel Potsdam

Durchkämmen

Die Zinken ziepen an den Haaren,
Durch die sie haarspaltreihig fahren.

Bei Spliss und Filz ist Kämmen
Gewisslich nix für Memmen.

Hohenwaldeck & das eintausendzweihundertvierundneunzigste Gedicht

Wald bei der Ruine Hohenwaldeck am Schliersee

Ich erinnere, wir sannen Großes

Ich erinnere, wir sannen Großes
Bei dem ersten Gefühl in der Stadt.
Jede Aussicht versprach Grandioses -
Wir wurden nicht müde, nicht satt.

Allein, wir haben nichts getan -
Und das merke ich heut in den Straßen.
Längst sind die Züge abgefahr'n
Mit dem Zeugs, das zu tun wir vergaßen.

Ich erinnere, wir sannen Großes -
Doch dann warteten wir viel zu lang.
"Stand mal alles bereit!", weißt du. Bloss es
Geschah niemals was ohne Zwang.

Und jetzt? Zieht's uns nach nirgends hin -
Wir sind sehr informiert, aber gähnen.
Kein Einsatz macht noch irgend Sinn -
Und das kostet uns nicht einmal Tränen.

Die Wörth & das eintausendzweihunderteinundneunzigste Gedicht

Die Wörth - Insel im Schliersee

Halo

Wir kreisen im unverwandt Gleichen,
Gebannt, Lob und Preis zu erreichen.
Indes ein Dunkles um uns hängt
Und unsre Sichtbarkeit versengt.

Wir werden das Lob und den Preis niemals seh'n
Und in den Halo übergeh'n,

Des Ungescheh'ns Materie sein
Und neuen Lichtern blinder Schein.

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