Erde

Verse für die Melancholiker, denen man Erde, Herbst, Abend, Erwachsenenalter zuordnet.
Die besinnlichen und leisen Gedichte.
Von Aphorismen bis zur Vanitasdichtung.

Sollte Ihnen ein hier eingereihtes Gedicht eher den anderen Kategorien Erde, Luft oder Feuer entsprechen, bitte ich, mir eine Nachricht über www.hirnpoma.de zukommen zu lassen!

Strandbad Buckow & das eintausendzweihundertunderste Gedicht

Strandbad Buckow

Frühmorgens im Strandbad

Frühmorgens im Strandbad ist gar niemand da,
Für den man den Daseinstyp wechselt.
Man schwemmt sich ins allenfalls eigne Blabla,
Wo keiner mal ungehemmt sächselt.
Man ist ganz gewiss grad der Schönste im Hier,
Der sportlichste Schwimmer im Wasser.
Ich setze mir selber das Ziel und parier',
Doch werde mit jedem Gast blasser.

Später bin ich komplett in der Menge verschwunden
Und bemühe mich, richtig zu schwimmen.
Ein Akzent lenkt die Sonne von früheren Stunden,
Die nostalgisch im Seewasser glimmen.

Nordstraße & das eintausendeinhundertsechsundneunzigste Gedicht

Nordstraße in Arnstadt (unser Quartier)

Rastlos

Immer muss ich mein Heimatdorf hinter mir lassen.
Niemand stürmt auf das Gleis um zu winken.
Immer muss ich mich mit nächstem Nestbau befassen
Und mich einsam wie sinnlos betrinken.

Ich zähle tagtäglich die schwereren Fehler
(hab mich und mein Elend da niemals geschont),
Verkauf meinen Hausstand an erstbeste Hehler
Und jeder Ort sagt: Du hast nirgends gewohnt!

Wartburg & das eintausendeinhundertvierundneunzigste Gedicht

Die Wartburg in Eisenach

Überbewältigung

Nun, das hat die Zeit einfach verschwinden lassen
Unter den Mantel des Schweigens.
Den Eindruck könn'n Nachrücker nur noch verpassen
Im Kanon des neuen Vergeigens.

Doch wie vielem gebührt es, Vermisstes zu sein
Und was kürt man als Beifang nur mit?
Das Unwerte deiner Vergangenheit ist ein
Dich mit Gegenwart prügelnder Tritt.

Altenberg & das eintausendeinhundertdreiundneunzigste Gedicht

Zentrum Altenberg in Oberhausen

Letzte Nachricht aus der Verbannung

Keine Nachrichten mehr aus der Verbannung
Und das Grübeln im Felde stirbt aus.
Für den Lohn einer falschen Entspannung
Loopt ums Weltbild ein scharfer Applaus.

Das entwaffnende Bild einer Klarheit
Übertönt, was per se überhört.

Darin tollt ein Versprechen von Wahrheit
Und tilgt aus, was man hierfür zerstört.

Themengärten & das eintausendeinhunderteinundneunzigste Gedicht

Im Botanischen Garten am Münsteraner Schloss

Wer?

Wann strandete ich vor solch steilen Klippen
Mit meinem als Schoner bezeichneten Boot,
Um jäh von der Kante zur Seite zu kippen?
Wann wand sich der Ausgleich vom pendelnden Lot?

Wann hat man klammheimlich die Lager geräumt,
Sich erlaubt zu vertau'n meine missliche Lage?
Wann hat man das Salz aus den Trümmern geschäumt?
Ist überhaupt "Wann?" die mich kümmernde Frage?

Schlossgarten & das eintausendeinhundertsiebenundachtzigste Gedicht

Im Botanischen Garten am Münsteraner Schloss

Verloren

Ich würd' fortan lieber in Schönheit mich ausruh'n,
Mich fläzen im reibungslosedlen Daheim!
Und was ich noch täte - ich könnt's im Zuhaus' tun
Und freut' mich gemütlich am formschönen Reim.
Ich ging' nie alleine und zeitig zu Bett,
Entnabelt auch vom Internet.

Ich hab' einen Platz für ein besseres Leben,

Doch platzier' meine Herzschläge immer daneben.

Leipheim II & das eintausendeinhundertfünfundachtzigste Gedicht

Am Bahnhof Leipheim

Theseus

Ich habe mein Schiff vor dem Sinken gerettet,
Habe Planke um Planke durch Frischholz ersetzt,
Die Durchlässigkeit mit Lasuren befettet
Und schwimme nun wie runderneuert im Jetzt.

So trägt mich noch immer die alte Gestalt,
Da ich selbstüberholt endlich seetüchtig bin.

Bis mein Kurs sich verflüchtigt im schwellenden Bald
Und kein Wort sich noch fügt auf die Frage "Wohin?".

Donauwörth & das eintausendeinhundertvierundachtzigste Gedicht

Nebenarm der Wörnitz an der Insel Ried Donauwörth

Das Prophetische an Donauwörth

Zwei Stund' streunt ich durch Donauwörth - nein,
Nach anderthalb schon war dies Örtlein
Beseh'n. Wie manches andre
Durch das ich wohl noch wandre.

Bahnhof Ü-Holthausen & das eintausendeinhunderteinundachtzigste Gedicht

Bahnhof Überruhr-Holthausen

Alte Heimat

Verlasse Essen immer
Bei allerschönstem Wetter.
Von nun an wird's nur schlimmer
(from now on it gets better).

Ich bin in Essen ständig
Von Traurigkeit umweht.
Denn alles wird lebendig
('cause everything seems dead).

Bleib Essen stets verbunden
Und kehr zurück, ich schwör's!
Ich lecke meine Wunden
(my sepsis became worse).

Überruhr Heights & das eintausendeinhundertachtzigste Gedicht

Feld am Überruhr Holthausener Friedhof

Mit vertrautem Gesang

Wir werden zurück wie Verwundete geh'n
Und hangeln uns durch das Erinnern.
Wir werden verwundert die Uhren umdreh'n
Beim Ausschauversuch nach Gewinnern.

Es zieht eine Schwermut die Ufer entlang,
Die werden wir nicht mehr verdauen.
Wir säuseln uns ein mit vertrautem Gesang
Und wir schauen und schauen und schauen.

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