Erde

Verse für die Melancholiker, denen man Erde, Herbst, Abend, Erwachsenenalter zuordnet.
Die besinnlichen und leisen Gedichte.
Von Aphorismen bis zur Vanitasdichtung.

Sollte Ihnen ein hier eingereihtes Gedicht eher den anderen Kategorien Erde, Luft oder Feuer entsprechen, bitte ich, mir eine Nachricht über www.hirnpoma.de zukommen zu lassen!

Hinterbrühler See & das siebenhundertfünfundneunzigste Gedicht

Hinterbrühler See im Winter

Vorbei in tiefer Nacht

Ich lehnte mich zum Wundenlecken
An einer Linde kühles Moos
Gewärmt von ersten Lichterflecken
Gewahr. Und doch bedeutungslos

Ihr Stamm gönnt mir das Abschiednehmen
Von unentwegt gezähmter Wut
Für immerdar könnt mich beschämen
Wie friedensreich ich hier geruht

Ich wusst' ja, dass ich Ruhe fände
An jenem versumrosten Ort
Doch lüfte jetzt erst die Verbände
So sterbensrein, umkost vom Wort

Neben der Welle & das siebenhundertsechsundsiebzigste Gedicht

Surfer auf Eisbachwelle

Vom Bescheiden

Ich neide dir die Zeit, die ich nicht mehr habe
Die Schar der Begleiter, den Schalk vor dem Grabe
Den Abschlussball, den letzten Tanz
Den jähen Fall und die Bilanz
Das Neu-sich-um-den-Schlussstrich-reih'n
Doch plötzlich denk' ich: Muss nich' sein!

Gehwege & das siebenhunderteinundsiebzigste Gedicht

Gehwegspflaster an der Isar

Zur Aufmunterung des Spiegelbilds

Wir sind ja nur so wehrlos, Kind
Weil all die andern ehrlos sind!

Museales & das siebenhundertneunundsechzigste Gedicht

Am Deutschen Museum

Glück/Gehabt

Von jetzt ab kannst du dich an heute erinnern
Und den Fuchsschwanz vom Tag in Tresoren verstau'n
In den Straßen erzähl'n sie nicht oft von Gewinnern
Und man kann nicht auf weitere Vorkommen bau'n

Hofgarten & das siebenhundertsiebenundsechzigste Gedicht

Hofgarten München

Die ersten Strahlen

Wie, dass jene Morgensonne strahlt und strahlt und wärmt dich nicht?
Wie, dass ihre frühe Gabe nicht erreicht dein Angesicht?
Bist du nicht des Winters müde, mürb geworden in der Zeit
Von dem Übel, das uns rüde einte im verlor'nen Fight?
Sitzen wir nicht Seit an Seite, hier im frühen Tageslicht?
Wie, dass jene Morgensonne strahlt und strahlt und wärmt dich nicht?

Dringt der Aufbruch, den ich fühle
Nicht zu dir und alter Kühle?
Will dein Drang, ab hier zu scheiden
Mir die neue Coolness neiden?

Zeigt dein Spiegel die Entscheidung, noch bevor sie einer spricht?
Wie, dass jene Morgensonne fand den Weg in dies Gedicht?

Schattenpflanzen & das siebenhundertvierundsechzigste Gedicht

Schatten im Englischen Garten

Die Streckung

Der Nullmeridian meines Kosmos
Ist schon die nächste Zeile
Komm' grad so mit dem Stift dran

Sonst wart' ich halt 'ne Weile

Abschüssig II & das siebenhundertsiebenundfünfzigste Gedicht

Olympiaberg München

Mein Tag

Die Beklommenheit am Frühstückstisch
Bürst' ich noch mit einem Wisch
Weg
Aber schon zur Mittagszeit
Kontert mich die Bitterkeit
Aus
Geht es dann aufs Abendbrot
Lächelt mich der Chancen Tod
An
Frisch zurück gekommen schreit
Dann noch die Beklommenheit:
Da
Wärichwiedermal

Berliner Pflaster & das siebenhundertfünfundfünfzigste Gedicht

Die Spree am Berliner Hauptbahnhof

Ich hab' noch einen Rollkoffer in Berlin

Ich hab' noch 'nen Rollkoffer in Berlin,
Mit dem lässt sich leicht auch woandershin zieh'n.

Doch gibt's noch 'nen Keller dort voller Müll,
Den ich wohl auch weiterhin kräftig befüll'.

Den räumt kein Entrümplungskommando mir leer!

Wenn ich auch reise, denk' ich mir leise:
Wenn mich die Spreesucht packt,
Fahr' ich halt wieder her.

Siegestor & das siebenhundertfünfzigste Gedicht

Siegestor München

Teddys Erkenntnis

In all den fernen hehren Hallen
Lauern doch nur Bärenfallen
Wer denkt, Gefallen wär' ein Orden
Vergisst zu leicht das Bärenmorden

Die räumen ihre Spitzenplätze
Für unlängst aufgeschlitzte Petze
Und krönen ihren Bärentadel
Per Dolchstoß mit der Ehrennadel

Schneedecke & das siebenhundertvierundvierzigste Gedicht

Piste in Ellmau

... durch die weite, weiße Welt

Der Schnee des vergangenen Jahres
Liegt noch immer in unseren Straßen
Und unter ihm schlummern die Kummer und Dinge
Die wir für Sekunden besaßen

Gezwungen unbezwungen erzählst du:
"Das schmilzt sich ja auch wieder weg!"
Doch es stemmt sich der Nacken der Schneeschicht dagegen
Mit Härte und wachsendem Dreck

Es wär' besser, wir wanderten so wie im Lied
Verließen, was uns schon verlassen
Wär' besser, wir sängen und sänken dahin
Zu vageren Jahreszeiten

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