Ripostegedichte

Antwortgedichte zu Werken der großen und kleineren Poesie. Inspiriert von den Federn der anderen, monatlich vorgetragen in der Rubrik "Parade und Riposte" der Lesebühne Poetry & Parade - an jedem ersten Montag in der Seidlvilla in Schwabing.

Schilfblüte & das zweitausendeinhundertzweiundachtzigste Gedicht

Schilf am Murnauer Moos-Weg

Ripostegedicht auf "Herbsttag" (1902) von R. M. Rilke

Wintertag (2022)

Gott: ist dat kalt! Und der Frost macht bald groß.
Wir lesen schnatternd Gasstandsuhren
Und kurz hernach geht’s Winseln los.

Deck dich mit Konserven und Trockenobst ein;
Begib dich ins Loch ungemütlicher Tage,
Bedrängt von Entwertung und Weltfinanzlage -
Diese Welt voller Büsser fängt schwer an zu wein'n.

Wer jetzt sein Haus heizt, hat bald keines mehr,
Wird schrei'n: „Ej, verleiht hier wer Thermoglasscheiben!?“,
Wird Wasser schleppen, preppen, um letzlich auch 'nen Campinggaskocher aufzutreiben.
Und wird nach allem Hin und Her
Sich wundern, wo die Blackouts bleiben.

Festbeleuchtung & das zweitausendeinhundertachtundsechzigste Gedicht

Das Atomium bei Nacht

Ripostegedicht auf gleich drei vom Publikum gewünschte Ursprungstexte: "Oktoberfest 100 Jahre" von Ludwig Thoma, "Was ich habe, will ich nicht verlieren" von Thomas Brasch und das anonym verfasste "hic liber est mein" aus dem 18. Jhd.

Oktoberfest 187 years, aber

It's raining all day cats und Hunde, aber
I don't care und dreh a Runde, aber
I neverever drank my Maß im Steh'n, aber
So far i have no free'et Plätzchen geseh'n, aber
The price for a beer is too high zum Verwässern, aber
The weather refrains from mal endlich Verbessern, aber
As soon as the people stand up on the Bierbank
Entstehender Zwischenraum frohlockt auch dir, Frank! Aber
The music is boring and absolute fad, aber
To wish the song „Layla“ erscheint mir too hart (to be honest) aber
After two year's break this song's the einzige Chance
For an alle verpflichtenden Bierbänketanz, aber
To sing this song eckt echt rebellious an -
We're fast like the awesome young girls im Iran, aber bei uns heißt's
Nach ProTEST ProSIT der Gemütlichkeit
Coronavir'nempfangsbereit (feel free)
Denn we all came here trotz cough and nies'n
Auf a covidliche Wies'n!

Lulu Brentano & das zweitausendeinhundertvierundfünfzigste Gedicht

Das Ludovica-des-Bordes-Brünnchen (Lulu Brentano) bei Wasserlos

Ripostegedicht auf die "Ant-ologie" von Christian Morgenstern

Das alpha-ologische Achtel

A Meise und a Ameise
Bebeten zehn Tsetse-Fliegen
Und murr‘nde DDR‘ler Kreise,
Die seit ehedem eh eh‘r im Elend rumliegen,
Stöh‘n wie aus dem Effeff geäfft,
Dies geh‘ gegen jeglich Gebete-Geschäft
Und sei auch nicht GG-gemäß!
Da wendet mit hartem HaH(ha)! das Gsäß (Gesäß),
Sprengt alle Regeln mit FE (Effet)
DCdiert (dezidiert) verBAmtet (verbeamtet),
Dass a Ameise and an ant
Aufgepeppt vom Happy End
„Alle meine Ant-chen“ singen
Und dabei vollendet klingen.

Slinky Springs to Fame & das zweitausendeinhundertelfte Gedicht

Die Rehberger Brücke „Slinky Springs to Fame“, Emscherkunst 2010

Ripostegedicht zu den dödeldominanten Gedichten, die ich am 4. Juli 2022 zu rezitieren hatte.

Annabelle und Barbara (und viele andere mehr)

Oh Annabelle, oh Barbara,
Ihr lasst euch schnell und wunderbar
Als Sinnbilder inniger Milde vergöttern!
Eure hotshitten Tophits - sie spotten den Spöttern!
Ihr seid 360 Grad begabt,
Voll vollendeter Talente -
Ich hätte gern derer nur eines gehabt
Vor Beginn meiner mentalen Rente.

Ach Annabelle, ach Barbara,
Ich selbst ward so schnell unbrauchbar,
Wie Kaltmamsell und Wonderbra!
Doch ihr beglückt so glockenklar
Und flockiglocker noch die bigotteste Welt,
Seid dies Planeten Sternenzelt!
Es würd‘n, um in euren Zonen zu wohnen,
Sich neue Religionen lohnen!
Ihr würdet kruder Wahrheit Memen
Mit Grazie, Anmut, Charme beschämen
Als Raum und Zeit Bereicherung!

Wir scheitern am Vergleich, mein Jung!
Zur Erlösung gilt‘s, jene pompös anzuhimmeln -
Doch wir spiel‘n noch dösenddrög an unsern Pimmeln ...
Wir woll‘n untertanwürfigst an jene uns kletten -
Sie ehrend den Rest unsrer Ehre noch retten.

Denn des aufrechten Ganges Rollatorgestell
Sind Barbara und Annabell.

Che's Choco & das zweitausendzweiundneunzigste Gedicht

Die Che Guevara Schokoladenfabrik bei Baracoa

Ripostelied auf "Hasta Siempre Comandante Che Guevara"

Komm, Mandant, eh die Gefahr naht!

Du fühlst dich schwach, allein und wehrlos? - Werd mein Mandat, ey!
Und alle rings um dich sind ehrlos? - Werd mein Mandat, ey!
Das wiederholt sich immer wieder?
Nun hebt dies Lied dir deine Lider ...

Da mir als Anwalt schnell klar ward:
Du bist verängstigt, hey, du flennst ja!
Entflieh den Pranken der Gangster -
Komm, Mandant, eh die Gefahr naht!

Füttert man dich mit blauen Bohnen? - Werd mein Mandat, ey!
Und droh'n Verrohte dir mit Drohnen? - Werd mein Mandat, ey!
Scheint dir dein Dasein so betrüblich?
Denk nie, das sei vielleicht so üblich.

Da mir als Anwalt schnell klar ward:
Du bist verängstigt, hey, du flennst ja!
Entflieh den Pranken der Gangster -
Komm, Mandant, eh die Gefahr naht!

Lud man dich ein zu einem Blutbad? - Werd mein Mandat, ey!
Du findest nicht, dass dir das gut tat? - Werd mein Mandat, ey!
Weißt nicht, was soll die Blutung stillen?
Wird alles gut, Jung, kannst jetzt chillen

Da mir als Anwalt schnell klar ward:
Du bist verängstigt, hey, du flennst ja!
Entflieh den Pranken der Gangster -
Komm, Mandant, eh die Gefahr naht!

Du bist ein ständig Überhörter? - Werd mein Mandat, ey!
Trotz aller Wendigkeit Zerstörter? - Werd mein Mandat, ey!
Wenn das Verfahr'n verfahren ausschaut
Bau drauf, dass dich da einer raushaut!

El Cubano Nationalpark & das zweitausendsechsundsiebzigste Gedicht

Lichtspiel im El Cubano Nationalpark

Ripostegedicht auf das Gedicht "Zusammenkunft. Ostasiatischer Zirkel" von Ai Qing

Zusammenkunft in Reimen

Hier ein Grüppchen, da 'ne Gruppe,
Hier Gelaber, dort 'ne Fluppe,
Erst'res um sich selbst rotierend,
Letztere ward selbst gedreht,
Multilingual parlierend,
Da man sich auch stumm versteht.
Da Dispute sich erhitzen -
Wütend aufsteh'n ... wieder sitzen.

Und wie von Sehnsucht angefacht,
Entflammen Wut und Glut die Reden
Und jed' Wort, das miterwacht
Schürt; erzürnt und rührt hier jeden.
Um diesen vibrierenden Brutkasten schließt
Jene leblose Stadt ihren Rahmen
Im Regen, der kühl sich ans Fenster ergießt -
Sie bemüßigt sich nicht fremder Dramen,
Die heiß zu verfechten, ein Grüppchen erfrecht sich
In Paris, rue Saint-Jaques, in dem Haus 61.

Kelheim Gardens & das zweitausendvierundfünfzigste Gedicht

Frühlingsboten in Kelheim

Ripostegedicht auf den Text "Der kleine Mann im Ohr" von Ulrich Roski.

Von Kleinohrmännern und Großmaulaffen

Wohl würd'n die Herrn Großmäuler weniger stören,
Läg ihnen der kleine Mann stets in den Öhren,
Auf dass Präsidenten und Kriegshasardeuren
Es zwanghaft obläge, auf diesen zu hören.
Zwar wär'n seine Taten nicht durchgängig weise,
Doch schützt ihre Kleinheit vor größerer Sch ...

Anima Garten & das eintausendneunhundertsechsundsechzigste Gedicht

Waldgeist im Anima Garten von Andre Heller bei Marrakesch

Ripostegedicht auf den Text "Zähneputzen, pullern und ab ins Bett" von Knorkator.

Der Putz ist ab, nehmt die Zähne raus! Gepullert wird ins Bett.

Die Verstärker aus! Und das Hörgerät an!
Statt BAD FUN liegt die Bettenpfann'
Bei euch willig unter den Decken!
Gelenk-Knackertore, ihr ächzenden Recken
Solltet längst nicht mehr über ein Lifting nachdenken,
Sondern lieber den Blick Richtung Treppenlift lenken.

Anstatt auf Tour geht ihr auf Kur
Und "Heavy Metal!" gilt jetzt nur
Fürs neue Hüftgelenk in echt.
Ist der Highway to Hell wohl rollatorgerecht?

Es bestimm'n das Nightlife einst'ger Stars
Statt Prost! und Traras die Prostatas:
"Boah, Leut, ich hab die ganze Nacht
Fast so wie früher - durchgemacht!"

Glatze, Plauze,
Faltenschnauze -
Wenn du dich nicht mehr selbst erkennz,
So schieb es einfach auf Demenz!

Ein "phasenweise schmerzbefreit" markiert nun einen guten Tag -
Die Knute der Gebrechlichkeit stylt euch als künft'gen Sargbelag.
Schon in gut zwanzig Jahr'n, oh Graus,
Seid ihr Knochkator - heißt: nur noch Skelett.
Der Putz ist ab, die Zähne raus!
Gepullert wird ins Bett.

Klappe! & das eintausendneunhundertzweiundzwanzigste Gedicht

Filmklappen-Denkmal bei der Filmstadt Ouarzazate

Ripostegedicht auf den Text "Knackig, knackig" im Stil der "Ein Mensch"-Gedichte.

Knacker-Pschor

Ein Knack hat rückwärts eingeparkt
In einen Möbelpacker,
Sich in sein Rückgrat eingehakt
Als Soundtrack alter Knacker.

Der Knack war vordem lang versackt
Im Nacken von 'nem Hacker,
Fraß Knackwurst wie auch Knäckebrot
Und plagte dessen Bäcker.

Der Knack kam immer ungefragt,
Erzwang sich die Kontakte
Zu Knabe, Dackel oder Magd
Und macht' aus ihn'n Beknackte.

Der Knackpunkt war: Manch Tagwerk klang
Wie abwracknahe Plackerei!
Da ward ein Klacks zum Klagesang
Dank der Gebälke Knackerei.

Ein andrer Knack, der mehr auf Zack,
Beschränkte sich auf Macker,
Die abgefuckt, zu Knast verknackt,
Gebrandmarkt als Verkacker.

Manch wack'rer Drugsverschach'rer
Darbt im Zellentrakt alleine -
Der labt sich an der Distraktion
Des Knackens seiner Beine!

In der totalen Reizarmut,
Da tut ein nackter Knacks schon gut
Wie ein makabrer Gag
(und ungestrecktes Crack).

Wo manchen das Beknacktsein ätzt,
Wird anderorts es wertgeschätzt -
Und drauf doch jeder stracks erkennt,
Weshalb man letzt're "Knackis" nennt!

Schiefen & das eintausendsiebenhundertsiebenundneunzigste Gedicht

Bei Übersee am Chiemsee

Ripostegedicht zu "I love your smile" von Shanice

Dein Lächeln (ist alles, was ich brauche)

Mein Zehennagel und dein Lächeln -
Sie wär'n ein wunderschönes Paar!
Die Restkörper prägt Nebensächeln -
Im besten Falle unsichtbar.
Ach, herzlich klein wär mein Int'resse
An der Ödnis deiner Fresse,
Gäb's nicht unter deiner Nase
Jene rettende Oase:

Dein Lächeln. Ich liebe dein Lächeln.

Die Lippen und Mundinnenwinkel
Könnt als Rahmen ich ertragen -
Aber weit'rem Schöngetrinkel
Möchte vorab ich entsagen!
Ach, ließest du dich operieren
Und vom Ballast separieren,
Weil niemand dein Gesicht vermisst -
Das einzig Liebenswerte ist:

Dein Lächeln. Ich liebe dein Lächeln.

Dies Lächeln ohne die Visage
Ist des Begehrens Kernessenz!
Doch mit Mogelpack-Verarsche
Betrügt dein Lächeln seine Fans:
Sag, wer hat denn bloß, in aller Welt,
Den ganzen Humbug mitbestellt?!
Ich denke, ich müsste in einem fort speien,
Glänzte da nicht vor den Karieszahnreihen:

Dein Lächeln. Dein Lächeln,

Welches wohltuend-himmlische Ruhe verspricht:
Denn Deppen, die lächeln, rappen nicht!

Doch liebt dich, Lächeln, um nichts misszuverstehen,
Nur ein einziger Nagel von meinen zehn Zehen!

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