München

Fotos aus München, seit 2014 Stammsitz der Reimerei Klötgen. Unzählige Auftritte während der Tour 2016. Und danach quasi alleinige Dienststelle in Sachen meiner Poesie.

Where the World is Melting & das zweitausendfünfundvierzigste Gedicht

Eingang zur Ausstellung "Ragnar Axelsson. Where the world is melting." im Kunstfoyer der Versicherungskammer München

Piteraq (am Eismeerbeach)

Auf der Masse im Jenseits acht arktischer Staaten
Lastet achtzig Prozent aller Nacht.
Dort, wo achtsame Spalten auf Wanderer warten,
Zahlt das Unbarmherz bargeldlos Pacht.

Doch auf schmelzenden Schilden voll gleißendem Licht
Braut ein Lab, wenn's durchtränkt wird vom Eise.
Es knarzt die auf Hoffnung beharrende Schicht
Und ein Gletscherkalb geht auf die Reise.

Jeder Eisluftsturz tobt in die Beiläufigkeit,
Entgrimmt sich gewiss bis zur Tagesschauzeit,
Unerbittlich durchfährt uns belebender Frost
Und alles wird sichtbar. Und alles ist lost.

Valentinsgewölk & das zweitausendvierundvierzigste Gedicht

Himmel am Olympiaberg

Zur Hängung im Folkwang

Ich grüße die Süße des Wiedererkennens,
Bepuder' die Mieder des Bruder-Bennenens
Und passier' das Spalier der guten Bekannten
Im Stallgeruch der alten Welt.

Die ständige Sammlung bändigt der Alltag
Zum Lämmergesang, den man in jedem Fall mag,
Befächelt vom Lächeln der uns Zugewandten -
Als wär man selbst hier ausgestellt.

Englische Gärtner & das zweitausenddreiundvierzigste Gedicht

Blick vom Monopteros auf den Englischen Garten im Winter

Privatweg - Durchgang verboten!

Es pfählen sich Privatbesitze
Wie Krebsschrot in das Land.
Es ist um jede Zwischenritze
Ein Bieterstreit entbrannt.

Vom strafbezinsten Kontostand,
Da feuert 'ne Haubitze!
Dazu erzählt ein Spekulant
Die ewiggleichen Witze.

Galerie der Schönheiten & das zweitausendzweiundvierzigste Gedicht

Schloss Nymphenburg Galerie der Schönheiten

Holzbeäugtes Wurzelbekenntnis

Erfolgt Erfolg, gilt gleichsam:
Holzgeige, sei Eichstamm!

Inside Nymphenburg & das zweitausendeinundvierzigste Gedicht

Schloss Nymphenburg Festsaal (Großer oder Steinerner Saal)

unstufen

Der Handlauf der Treppe, die Folge der Stufen
Scheinen nicht zueinander zu passen.
Ich habe schon dreimal um Hilfe gerufen -
Vor der Einsicht, ich sollte es lassen ...

Ab hier ist alles vorbereitet
Für Sturz und freien Fall.
Die Gangart, die mich überschreitet,
Herrscht plötzlich überall.

Dreigestirn & das zweitausendfünfzehnte Gedicht

Marienplatz im München, Skyline

Flaute

Für die paar Zentimeter, die wir uns bewegen,
Ist noch keine Entfernung vorhanden.
Wir veratmen die Lüftchen, sobald sie sich regen,
Ohne Aussicht, an Ufer zu landen.
Ob Sonne, ob Wind unsre Körper auslaugt -
Für uns fühlt sich's an, als sei's gleich.
Nun haben wir so lang die Nautik gepaukt,
Doch leben wie einst hinterm Deich.

Hoffnungsschimmer & das zweitausendvierzehnte Gedicht

Himmel überm Flaucher

Schwalben

Ihre Küsse sind von fauler Süße -
Die sind auf den Straßen gegärt.
Ein schrilles Parfüm sendet günstige Grüße -
Da Billigkeit langsam verjährt.
Doch so viel Erfahrung,
So oft Offenbarung -
Daraus muss doch die Welt etwas lernen
Vom Rand unsrer Mitte!
Eh tippelnde Schritte
Sich weitersfort von uns entfernen ...

My private Canalettoblick & das zweitausenddreizehnte Gedicht

Idyll am Eiskanal

Engel auf Rädern

Wenn als Englischergartendurchradelengel
Ich schlingelhaft mich zwischen Fußgänger schlengel,

Ist's nötig, viel Geduld zu haben.

Oder an der Schuld zu tragen,
Einige zu forsche Blagen
Aus den Naben rauszuschaben.

Neuaufbauten & das zweitausendzwölfte Gedicht

Das Münchner Rathaus

Neujahrsvorsatzbitte

Es sind neue Jahre vorab schon entleert -
Und ich schieb's nicht allein auf das Alter!
Wenn ganz offenbar eine Karre nicht fährt,
Ist das nicht die Schuld von dem Halter.

Was ging, das hab ich eingestielt -
Und erkenne schon wieder entsetzt,
Dass restlos zerstört ist, worauf ich gezielt
Vom stetig erneuerten Jetzt.

Erteilt mir vorm nächsten naiven Erheben
Den Segen, endlich aufzugeben!

Verödeter Arm & das zweitausendelfte Gedicht

Auf einer Isarinsel am Flauchersteg

Pfützenpoem

Es ist so, dass die Pfütze von Wolken erzählt -
Bloß in 'ner recht schmutzigen Sprache.
Euch geht's darum, welche Vokabeln man wählt,
Um die Durchsichtigkeit jeder Lache.

Es mag sein, dass so manches den Himmel verfehlt,
Aber stört's die Beschreibung von Wasser?
Wie lang man nun umständlich Umlaute zählt -
Das Ergebnis ist auch nicht viel nasser.

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