Achtzeiler

Olymp 7 & das eintausenddreihundertdreiundzwanzigste Gedicht

Häuserfront Olympisches Dorf in München

Windiger Vorschlag

Der Wind selber ist gar nicht zu sehen,
Nur durch die, die sein Dasein bewegt.

Keine Fahne gelangt je zum Wehen,
Wenn kein Lüftchen durch Sichtfelder weht.

So mag beides ja durchaus bestehen,
Aber niemand wird ihrer gewahr.

Und von daher mein Vorschlag: Wir gehen
Durch das Leben fortan als ein Paar.

Stadttheater & das eintausenddreihundertachtzehnte Gedicht

Kronleuhter im Stadttheater Aschaffenburg

Der Fettleibigen gegenüber

Auf dich und den Körper fällt kein gnädiges My
Und der Anblick von euch lässt uns schmerzen.
Deinem Lebensgeschmack ist die Würde perdu,
Er droht gültiges Glück auszumerzen.

Dein Dabeisein wird ausgelöscht von unsrem Blick,
Der im Auf-dir-sein fort von dir endet:

Dort hockt maßloser Körper, vom Hässlichsein dick,
Der nur totes Signal an uns sendet.

Alte Eisen & das eintausenddreihundertneunte Gedicht

Alte Eisenbahnbrücke an der Ruhr Essen Horst /  Bochum Dahlhausen

Wider die Doktrin

Lass Leben doch mehr als ein Standpunkt sein,
Bleib stetig vom Winde verweht,
Wirf alles in die Brandung rein,
Prüf jeglichen Weg, der noch geht!

Sicher, es endet dein Tag zu erschöpft
Und du wirst als Verirrter vom Blockwart geköpft,

Man kann jedoch das Lagerdenken
Nicht schnell genug im Sarg versenken!

Vogelsang & das eintausenddreihundertachte Gedicht

Zeche Vogelsang in Essen Horst

Der Umsturz

Wir zerstörten viel mehr als zerstörenswert war,
Mein Triumph liegt mir unendlich fern.
Unwiederbringliches ist nicht mehr da,
Es rumpelt die Zeit ins Entbehr'n ...

Der Eifer von einst reckt gemahnend die Hand,
Nun würde die Welt erst gerecht!
Das Alternde schlurft ohne Zorn an die Wand
Und ein Schuss weckt die Frage auf: Echt?

Rathaus Kempten & das eintausenddreihundertsechste Gedicht

Rathaus Kempten

Meine p-Brominenz

Bin wie das p in Kempten,
Ganz kurz zu seh'n und kaum zu hör'n,
Aus Rücksicht auf den ungehemmten
Willen, hier nicht groß zu stör'n.

Bin auch das p in Jena,
In Köln hört man mich tonlos tön'n,

Denn irgendwo klatscht immer eena
Und ich nick' stumm mein "Bitteschön!".

Burgruine & das eintausendzweihundertfünfundneunzigste Gedicht

Gipfelkreuz der Ruine Hohenwaldeck am Schliersee

Herbstdefät

Wie noch Inspirierendes finden
In des Tages gespensterndem Grau?
Zäh zieh'n sich des Jahrs letzte Rinden,
Die ich mir zum Maulknebel kau'.

Das Blatt, das versprach, sich zu wenden,
Klebt verrottungsbereit auf Asphalt,
Da Radios Warnungen senden,
Draußen bliebe es fortan sehr kalt.

Die Wörth & das eintausendzweihunderteinundneunzigste Gedicht

Die Wörth - Insel im Schliersee

Halo

Wir kreisen im unverwandt Gleichen,
Gebannt, Lob und Preis zu erreichen.
Indes ein Dunkles um uns hängt
Und unsre Sichtbarkeit versengt.

Wir werden das Lob und den Preis niemals seh'n
Und in den Halo übergeh'n,

Des Ungescheh'ns Materie sein
Und neuen Lichtern blinder Schein.

Dämmerung & das eintausendzweihundertdreiundsiebzigste Gedicht

Sonnenuntergang bei Garmisch-Partenkirchen

Gleiches und Gleichen (und wenn alle dran glauben, dann reimt es sich auch)

Der Sound des Tatsächlichen wiegelt nicht auf -
Wir wüten vielmehr auf Prognosen
Und setzen dem Scheinlichen Ist-Stempel auf -
Die schniegeln wir mit Diagnosen.

So ist unser Wissen vom Inzest gestimmt -
Wir denken uns gleich unter Gleichen
Und küren uns dauernd - so klar wie bestimmt -
Zu Siegern in allen Vergleichen.

Gartenausgang & das eintausendzweihundertsiebenundvierzigste Gedicht

Englischer Garten, Ausgang Schwabing

Summer's End

Es herbst schon wieder in die Welt -
Dieser Schlag lässt sich nicht mehr parieren.
Wie dünn sich heut der Tag erhellt!
Im Himmelhochblau zelten Schlieren.

Ein Abschied wiegt sich ins Gemüt,
Dessen Umfang wir noch nicht erkennen.

Wie stets ist es gefühlt verfrüht,
Sich jetzt von den Gärten zu trennen.

Walhalla & das eintausendzweihundertzwanzigste Gedicht

Walhalla bei Regensburg

Sieb

Heut hab ich die letzte Erinn'rung verbraucht
Und wink ihr seitdem hinterher.
Bin manche Stund' wehmütig in sie getaucht -
Spür Duft und Geschmack nimmermehr.

Entrissen vom Tau, das im Fluss ziellos treibt,
Verbunden allein durch Verlust.
Am End' ist's die Leere, die mir von ihr bleibt:
Ich habe es einmal gewusst.

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