Achtzeiler

Auwald & das eintausendfünfhundertzweiundachtzigste Gedicht

Im Auwald bei Icking

Liebe Katze

Du schmiegst dich hinweg mit 'ner Beiläufigkeit,
Als ging es dir hier um die Geste allein.
Und seicht weht der Hauch einer Zugeneigtheit,
Die niemals im Dienenden mündet, oh nein -
Dies Bündnis beruht auf dem Öffnen von Dosen,
Auf wunschpunktgenau einstudiertem Liebkosen,
Wo ein Geschnurr mir nur quittiert:
Da fühlt sich jemand wohldosiert.

Mittlere-Isar-Kanal & das eintausendfünfhundertachtzigste Gedicht

Brücke über den Mittlere-Isar-Kanal bei den Ismaninger Fischerteichen

Vor der Zielgeraden

Wir sind so weit gekommen, dass das Ziel uns beschämt
(dabei sind wir längst merkwürdig desint'ressiert).
Die Beschwerlichkeit hat unsern Eifer gezähmt,
Wir wittern den Endspurt, wie paralysiert.

Lass uns umkehren und unsern Irrtum erkennen -
Nach Diktat legen hehrste Motive sich wund!
Wir können ab heut alles anders benennen.
Wir reisten aus einem vergessenen Grund.

Unterföhring & das eintausendfünfhundertneunundsiebzigste Gedicht

Im TV-Sendermoloch Unterföhring

Wenn Dichter retten ...

Gefühlt schrei'n täglich so viel Leben
In meine Richtung "Rette mich!"
Und kläglich müht sich all mein Streben
Um einen Reim auf "Kette, brich!"

Zu viel androhn'nde Schicksalsbrüche!
Zu oft tönt's roh und abgekühlt:
"Erspar uns deinen frommen Sprüche!"

Ihr Rettungsruf war bloß gefühlt.

U1 Westfriedhof & das eintausendfünfhundertsechsundsiebzigste Gedicht

Der U-Bahnhof Westfriedhof in München

U-Bahnhof Westfriedhof

Am U-Bahnhof Westfriedhof stehe ich
Ein Stockwerk unter den Toten.
Als Philosoph verschmäht man sich -
Ich verpass mir die schlechtesten Noten!
Hier loggt sich die Endstation doppelt ein,
Uns buntbeglast zu erhellen,
Stoppt dich in der Verlockung, dein
Wirken über die Toten zu stellen.

Kottbuss & das eintausendfünfhundertfünfzigste Gedicht

Berliner Reichstag mit Fernsehturm

Kottbusser Tor vs. Cottbuser Tor

Umsteigen oder absteigen, das ist hier die Frage
So'n Cottbuser Tor fällt ja nicht alle Tage
Auf'm Platz gibt so'n Tor Auftrieb und "Energie!"
Nur am Kottbusser Tor, da verspürt man dies nie
Hier bleiben Welt und Bahnen steh'n
Hier stärkt kein Fußballfahnenweh'n

Ein Cottbuser Tor hilft noch anzuspor'n
Mit 'nem K statt 'nem C hast du eh schon verlor'n

Hutstadt & das eintausendfünfhundertneunundvierzigste Gedicht

Mayser Hüte in Lindenberg, Fassadenbemalung

Verherbstet

Das Jahr will sich klammheimlich wieder verpissen,
Dabei hat's seinen Zweck doch noch längst nicht erfüllt!
Bedeckt unter fallenden Blättern: Ein Wissen,
Das die unabgehakte To-Do-List zerknüllt.

Zu Besorgendes wird nun als Plan eingeweckt,
Unter mäßigem Dank an die Enkel verborgt,
Da das Restchlorophyll unsre Fahlheit versteckt
Und die Mienen sind gleichsam entspannt wie besorgt.

Westallgäu & das eintausendfünfhundertachtundvierzigste Gedicht

Am Bahnhof von Heimenkirch im Allgäu

Lockdown Triage

Ich liege bereits bei den Toten,
In der Hoffnung, ein Arzt käm' vorbei.
Der Raumwechsel ist mir verboten.
Im Trance, man sei bald an der Reih',
Betrachte ich scheu die verdrehtesten Nachbarn
Als mahn'nden Beleg, dass die ehemals wach war'n
Doch wehre mich gegens Erschauern.
Hier ist dein Platz. Es wird dauern.

Zweites Ende & das eintausendfünfhundertsiebenundvierzigste Gedicht

Regenbogen über Venedig

Auf Stippvisite

Denke dir jede Minute als heilig,
Füll sie mit Eindrücken voll bis zum Rand!
Selten Beteiligte haben es eilig,
Heut nicht Geseh'nes wird niemals bekannt.

Es gilt, diesen Augenblick gründlich zu schröpfen,
Es türmt sich bedenklich das Wissen.
Mag sein, unser Alter wird uns heut noch köpfen:

Ich werde das Reisen vermissen.

Nachtfahrt & das eintausendfünfhundertvierundvierzigste Gedicht

Venedig bei Nacht

Den Verfinsterten

Als Schwarzes Loch wäre der Blaue Planet
Auf 1,8 Zentimeter gepresst.

Ich hab keine Ahnung, wie so etwas geht,
Verlang keinen dieses belegenden Test,
Doch was mir an solcher Behauptung gefällt:

Die sichtbare Größe verschweigt dein Gewicht.
Auch darf es egal sein, wie klein man dich hält -
Im Innern verbleibt, unentfliehbar, das Licht.

Dorsoduro & das eintausendfünfhunderzweiundvierzigste Gedicht

Im Dorsoduro von Venedig

Rindsrouladen

Den Zauber der Beständigkeit
Werd ich alsbald vermissen,
Da in seinen Prämissen sich
Schon erste Fasern trennen.

Schon schmilzt ein Gletscher aus der Zeit,
Der wird sich nicht erneuern.
Mag Fortschritt sich beteuern - mich
Reu‘n die, die dich nicht kennen.

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