Achtzeiler

Winterkleidung & das siebenhundertachtundneunzigste Gedicht

Winter 2018

Der Winterspaziergang

Die Kälte kommt über den Kragen gekrochen
Beknabbert meine Wangenknochen
Und klatscht sich patschig an die Stirn
Eisig betäubt sie mein sträubsames Hirn

Jeder Atemzug gleist in die Lungen hinein
Die schein'n um ein Vielfaches tiefer zu sein
Der Restkörper spendet der Kleidung Applaus
Nur die Nasenspitz' quengelt: "Wann geht's denn nach Haus?"

RWE & das siebenhundertvierundneunzigste Gedicht

RWE Turm

Neue Sorgfalt

Ich grüße dich, biographielose Jugend!
(Und verzichte drauf, hierfür auch Snapchat zu nutzen)
Ihr fühlt Metropole aus Freude an Fugen
Und erreimt euch die Freiheit im dreckigen Dutzend
Ihr schleicht euch aus allem als User davon
Und ihr urteilt notorisch: "Empörend!"
Ihr generiert Content (oft nicht sehr gekonnt)
Und könnt diesen Gruß gar nicht hören

Vom Nachhall & das siebenhundertachtundsiebzigste Gedicht

Königstraße Stuttgart

Kein Kommentar

Die verkarsteten spaßarmen Bittergemüter
Fordern wieder Sprechzeit ein
Es brüsten sich die Spartenbrüter
Mit als Redebeiträge verkleidetem Spei'n

Nimm dich leis' in Acht und geh
Ihnen niemals auf den Leim
Denk verächtlich, bleib in spe
Spar die Worte für 'nen Reim

Um die Ecke & das siebenhundertzweiundsechzigste Gedicht

Alter Nordfriedhof

Entschluss bei Niesel

Ein Wetter, das nach Friedhof riecht
Im Krebsgang durch die Ganglien kriecht

Ich spür, mein Blut ist einsam grau
Und krüppelt dumm herum im Stau

Und der Tag endet einfach, bevor er beginnt
Da marschieren zu Parties, die hoffnungsfroh sind

Doch ehe ich nun ganz verstumm'
Bring' ich diese Welt noch um!

Berliner Pflaster & das siebenhundertfünfundfünfzigste Gedicht

Die Spree am Berliner Hauptbahnhof

Ich hab' noch einen Rollkoffer in Berlin

Ich hab' noch 'nen Rollkoffer in Berlin,
Mit dem lässt sich leicht auch woandershin zieh'n.

Doch gibt's noch 'nen Keller dort voller Müll,
Den ich wohl auch weiterhin kräftig befüll'.

Den räumt kein Entrümplungskommando mir leer!

Wenn ich auch reise, denk' ich mir leise:
Wenn mich die Spreesucht packt,
Fahr' ich halt wieder her.

Siegestor & das siebenhundertfünfzigste Gedicht

Siegestor München

Teddys Erkenntnis

In all den fernen hehren Hallen
Lauern doch nur Bärenfallen
Wer denkt, Gefallen wär' ein Orden
Vergisst zu leicht das Bärenmorden

Die räumen ihre Spitzenplätze
Für unlängst aufgeschlitzte Petze
Und krönen ihren Bärentadel
Per Dolchstoß mit der Ehrennadel

Überwintern & das siebenhundertfünfundvierzigste Gedicht

Tannen an der Piste in Ellmau

Neujahrstagabend

Lieber erster Januar, du und dieses neue Jahr
Sind natürlich auch erst zwar
Sehr kurz da -
Doch gehste ma
Einen Schritt zur Seite?

Ach, dacht's mir wohl
(trotz Alkohol):
Da ist ja schon der zweite!

Tor 8 & das siebenhundertzweiundzwanzigste Gedicht

Blick von der Ilkahöhe

Anschluss Mannheim, vier Minuten

Anschluss Mannheim, vier Minuten
Umsteigzeit. Nun, das heißt: sputen!

Nur heißt's auch bei fünfzig Prozent meiner Fahrten:
"Der Zug nach Berlin konnte leider nicht warten"

Sechzig Minuten im Bahnhofsgebäude
den Dealern von Kaffee und Brötchen zur Freude
Die bilden die Lobby, so lässt sich vermuten
für anschlussausschließende Umsteigminuten

Steppe & das siebenhundertsechste Gedicht

Herbstlaub

Gnugnus

Von Gnus und To-do's
Gibt es immer genug.
Doch Blues und Bewuchs,
Im Gegenzug,
Erzwingen oftmals Migration.

Meist sind dann die Wege weit!
Gras wie auch Gelassenheit
Bedingen guter Kondition.

Friedrichsbrücke & das siebenhundertvierte Gedicht

Friedrichsbrücke Museumsinsel Berlin

Die Nachtigallen von Berlin

Die Nachtigallen von Berlin
Zwitschern uns zu, dass der Tag weiter anhält –
Beim Einsam-um-die-Häuser-Zieh'n –
Und dass auch für Dich ein Minütchen noch abfällt.

Noch sind die Würfel nicht gefallen,
Noch reift der Ruf der Nachtigallen,
Noch bleibt uns das fehlende Stück zum Ruin –

So singen die Vögel des Nachts in Berlin.

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