Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten

Einakter

Alles, was zwölf Zeilen überschreitet.


  • Trinkfestigkeit & das eintausendzweihundertachtzigste Gedicht

    Bayerntower auf dem Oktoberfest München 2019

    Britta frei’n & Ritter sein (Reprise auf „Ritter sein“, Gedicht Nr. 116)

    Ach, litte ich am schweren Sein,
    So tränke ich zwei Liter Wein
    Bloß um im nächsten Schritt zu schrei’n:
    „Hier passt auch noch ein dritter rein!“
    Würd dann – um wieder fit zu sein –
    Kurz in den Pool von Britta spei’n.

    Auf meine Bitt‘ dies zu verzeih’n,
    Guckt‘ Britta leicht verbittert drein.
    „Mir muss da was entglitten sein!
    So’n Shit ist nicht der Sitte mein!
    Hab schließlich stets getwittert, ein
    Ganz großer Fan von Britt‘ zu sein!“

    So leicht lässt sich ein It-Girl frei’n:
    Geschmeichelt lud mich Brittalein
    Zum Ritt in ihre Mitte ein –
    Da darf man auch mal Durchschnitt sein!

    Heut‘ braucht es für des Ritters Weih’n:
    Den Mut zur dritten Pulle Wein,
    ’nen Tweet im Zwitscherei-Verein
    Und einen Pool um reinzuspei’n.

    Nun ruft ein Witzbold mittendrein:
    „Ich fänd’s für meinen Eintritt fein –
    Und denk, im Vers mit Brittalein
    Passt gut ein Reim mit Titten rein!“

    Das möcht‘ ich mir verbitten, nein.


  • Eibseetotale & das eintausendzweihundertfünfundsiebzigste Gedicht

    Blick von der Zugspitze auf den Eibsee

    Vier Zeilen Neid, vier Zeilen Skepsis

    Als schützten dich milde Barrieren,
    Staut das Grauen sich vor deiner Welt.
    Noch lässt sich ein Zutritt verwehren,
    Noch stützt, was entgegen gestellt.
    Doch die Unbändigkeit der Bedrohung
    Spürt, dass Kraft sich bald lautstark entlädt.
    Und du alterst in jene Verrohung,
    Die ungerührt schon nach dir späht.
    Auch ich fühlte einstmals mich sicher,
    Auch mir hielt ein kindlicher Deich
    Mein niedlich geblümtes Gekicher.
    Nun bin ich von Unglück so reich.

    Nun, als zahmer Täter schlüpft dein Los
    In kleidsame Versprechen.
    Doch hält es all die Zügel bloß,
    Um später auszubrechen.


  • Chinesischer Pavillon & das eintausendzweihundertdreiundsechzigste Gedicht

    Chinesischer Pavillon im Park Sanssouci

    Neocollognia (da simmer dabei, dat is prima)

    Du Fritte im Gourmet-Verdauen
    Du „Gib die Handy, sonst verhauen!“
    Du G-Rap-Deppen-Resterampe
    Du Speckgurt einer Dönerwampe
    Von Billigshops durchsetzte Pampe
    Mit alles Mütter, außer Schlampe
    Da simmer dabei, dat is Prima-tenniveau
    Doch alles nur Tarnung, hey, alles nur Show!
    Wir lümmeln uns im Off so gerne
    Mit offensivster Bildungsferne
    Dass keine Zitty-Tip(p)sen schreiben
    „Trendkiez Neukölln – die komm’n um zu bleiben.“
    Fürs Parabolier-Paradies
    Schein’n selbst Studenten sich zu fies
    So’n Sonn’nallee-Flat – na, das will doch keiner?
    Mein So’n, Allah schuf auch den Mediendesigner!

    Keine Grenzallee stoppt Galeristen
    Trotz Allahgien sich einzunisten
    Und wer vermiest den Werbe-Miezen
    Ihr Siedeln in den Sudelkiezen?
    Die fallen via Kreuzberg ein
    Als besserzahl’nde Mietpartei’n
    Spür wie der Mond ins Ghetto kracht
    Wenn John uns hier Ristretto macht!

    Zwischen Volcan und Volkern, zwischen Alis und Marlies
    Un‘ selbs‘ die Tourischte han letztens ers‘ da gwis
    „Na, sag ma‘, von wo kommscht denn du her, mein Schatz?“
    „Was fragst du komm‘ ich her, Mann?! Platz
    Ej, ich bin noch alte Assi-Garde!“

    Die werd’n jetzt selten.
    Jammerschade.


  • Westufer & das eintausendzweihundertzweiundsechzigste Gedicht

    Schliersee Westufer

    Zwischen den Frieden

    Zum Gelingen des Lebens fehlt dir jeder Einwand
    Meinen Wunschzettel scheltest du Gier
    Weil den förmlichen Frieden ich etwas zu klein fand
    Für die Partyausstattung vom Hier

    All der Streit ward mir nicht in die Wiege gelegt
    Ich nannte mich einstmals bescheiden
    Was des Ärgers nicht würdig, hat mich nie zerregt
    Was sollte man unnötig leiden

    Dein Gezwäng aber spitzt sich aufs Kommende zu
    Das mag ich dir nicht überlassen
    In dem Bannkreis vom allüberstrahlenden Du
    Will ich nicht noch weiter erblassen

    Man muss sich nicht auf anderer Kosten verstärken
    Doch hier geht es schlussendlich um Stil
    Den Triumph werd‘ vermutlich ich nicht mal bemerken
    Nur es scheint, er bedeute noch viel


  • Schlossturm & das eintausendzweihundertzweiundfünfzigste Gedicht

    Turm vom Schloß Krumau

    Born to be wild

    Pneumatisch seufzen die S-Bahntüren
    und irgendwer klagt über Studiengebühren
    ’ne andre mault heulend ins Handy: „Ja, toll!
    Kannst du mir mal verraten, was das hier jetzt soll?!“

    Mit dem Hier & Jetzt fremdeln doch alle im Grunde
    und die Tür seufzt schon wieder und öffnet die Wunde
    löscht das Windlicht frühkindlicher Jobperspektive
    hier Pfiff-Moderator, da Yps-Detektive
    Zum Diskodance ins Jugendheim
    dann asozialisiert mit Slime
    überall Krawall, yippieyeah, Remmi-Demmi
    und niemand war uns je so motör wie Lemmy
    Und wie hieß noch der Film? Easy Rider, genau!
    Tja, da lieg’n halt die Grenzen vom ÖPNV …

    Born to be wild
    aber jetzt geht’s ans Sterben
    und wer sich da nicht beeilt
    wird den ganzen Scheiß erben
    Letztlich war alles zu sehr ein Versuch
    letztlich sagt immer wer: „Komm, is‘ genug!“

    Und dann ab in die Clubs! Und die Clubs – das war’n wir!
    Und die, die das sagten, sind immer noch hier
    haben kapriziös sich am Einlass verpfändet
    für den Schein einer Jugend, die nie wieder endet
    hetzten Jobs, Trends und Bands nach, suchten – Herrgott, was weiß ich!?
    Auch wir drängten uns hechelnd, viel zu schnell durch die Dreißig
    und müde ob der x-ten geopferten Nacht
    seufzen wir fast pneumatisch – wie’s die S-Bahntür macht:

    Born to be wild
    aber jetzt geht’s ans Sterben
    und wer sich da nicht beeilt
    wird den ganzen Scheiß erben
    Letztlich war alles zu sehr ein Versuch
    letztlich ruft immer wer: „Komm, is‘ …“


  • Moldauschleife & das eintausendzweihundertfünfzigste Gedicht

    Blick auf Krumau an der Moldau

    Im letzten Sommer

    Die Wespen schwärmen hungrig aus
    Und stehlen den Motten ihr Licht.
    Selbst der kundigste Waidmann trägt nichts mehr nach Haus,
    Er sieht sich nicht mal in der Pflicht.

    Der Sommer schwenkt das Hungertuch,
    Doch schon längst wird an Zähnen genagt.
    Treuer Unmissverstand ziert des Jahreslaufs Fluch,
    Der hatte im Schatten geparkt.

    Du predigst stoisch Zuversicht,
    Aber irgendein Jahr gilt zuletzt.
    Wie der Frühling uns einwebt im einstfernen Licht,
    Verschanzt sich der Zauber vorm Jetzt.

    Du traust dem Kreislauf alles zu,
    Doch ein Blatt fällt, das scheint überreizt.
    All das Wespengeschwirr billigt mir keine Ruh.
    Vor Herbst wird der Stammbaum verheizt.


  • Krumau & das eintausendzweihundertzweiundvierzigste Gedicht

    Blick auf Krumau an der Moldau

    Reim & Insta

    Ich glaube, du könntest auf Insta sehr schön sein!
    Es gibt dort entsprechende Filter,
    Dass all die ergriffenen Follower stöhn’n ein:
    „So sweet, escht! Sin‘ vollschöne Bilter!“

    Die reale Welt bietet nur Ungünstigkeit
    Von Winkeln, Momenten und Licht.
    Sie zerrt deine Aura zur Unkenntlichkeit –
    Ein prosagedrucktes Gedicht.

    Aber kundig posiert vor der Linse vom Smartphone
    Verwäscht sich die Unförmigkeit der Figur –
    Dank Portraitautomatik beglänzet dir zart schon
    Feinster Glamsternenstaub deine Hilflosfrisur.

    Und glaub‘ mir, du ließest dich sehr schön bereimen!
    Denn gleich Filtern obliegt’s mir als Dichter,
    Die Grobporigkeit deiner Haut zu entkeimen,
    Weichschönend als Wirklichkeitsrichter.

    Du siehst, man hat dich falsch geboren –
    Du bist zur Schönheit auserkoren!

    (Gleichwohl entwertet bald das Bild,
    Dass dieses halt für alle gilt.)


  • Isar & das eintausendzweihundertdreiunddreißigste Gedicht

    Am Isarufer bei Thalkirchen

    Der alte Fluss

    Nun, mir scheint, du bist noch einmal träger geworden
    Und ich denke, ich kann das versteh’n.
    Nach oben ist Süden und unten ist Norden,
    So lang sie die Karte nicht dreh’n.

    Aber neuerdings schreit es, man müsse entscheiden,
    Ob dein Süden sich richtig verhält.
    Für irgendwen nimmst du klammheimlich Partei, wenn
    Du sagst, das sei nicht deine Welt.

    Du kannst nicht einfach durch zwischen Osten und Westen,
    Weil du meinst, das seist du so gewohnt.
    Die halten sich nicht nur zum Spaß für die Besten.
    Man hat dich sehr lang schon geschont.

    Und nun hast du den Drive für die Ufer verloren
    Und du hoffst, man wird dich überseh’n,
    Wenn Irrtumsimmune nach neuem Plan bohren.
    Ich denke, ich kann das versteh’n.


  • Rochuskapelle & das eintausendzweihundertsiebenundzwanzigste Gedicht

    Rochuskapelle bei Bingen

    Wegen, wegen, Wegen! (Die Goethe-Ruh am Rochusberg)

    Nur wegen Goethe flöte ich,
    Der Klötgen Frank (auch: Klöterich),
    Auf dem allerletzten Loch –
    Und doch die Roch-
    Uskapelle hat der Mühen gelohnt
    (ich bin nur solch Fußwege nicht mehr gewohnt)!

    Mit dem Kirchlein an sich hat es gar nichts zu tun (ich
    Find’s weder verwegen, noch richtig ruinig),
    Denn es hat ja seit meiner schöngeistigen Häutung
    Das Geistliche (meist) für mich keine Bedeutung.

    Doch durch des Kreuzwegs Schatten schleich ich
    Mich lichtungswärts ins wahre Reich, ich
    Hocke müd mich hin im Schauen
    Auf die Rüdesheimer Auen.
    Und in des Rheins und Weines Weiten …
    Da stapeln sich Erhabenheiten.

    In solcher Natur wähne ich meinen Segen.

    Und bleib‘ auf der Spur von mir ähnlichen Wegen.


  • 42 Kilometer & das eintausendzweihundertsiebzehnte Gedicht

    Arkaden von Bologna

    Unter Arkaden

    Den Stau der von Marmor geglätteten Kühle
    Flattert kühn eine Schwalbe aus Warmluft entzwei,
    Ein Wind drängt die schwerfällig dreharme Mühle
    Zum Durchwirbeln der zeitlosen Aircraft-Kartei.
    Mancher Hauch ist hier auch schon vorm Zeitmaß gewesen,
    Riecht kellerdunstschmauchig, jahrhundertbelesen,
    Ist vom Blitztakt des Lichtspiels nur passiventzückt,
    In platzhirschgebührende Langmut entrückt.

    Wie verlahmt schlurft mein Dasein mit latschigem Schritt –
    Der gewinnt erst im Nachhall der Architektur!
    Die bewahrt ihren Wert und veredelt mich mit –
    Ich fühl mich beheimischt trotz Sightseeing pur.

    Und geschmeidig befächelt von Grade-Kaskaden,
    Ein Lächeln vom Bad in den alten Arkaden,
    Bestürmt frühe Anmut die Sehnsucht der Haut –
    Ich bin von der Straßen Zug gleichsam erbaut.


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