Crossover-Ripostegedicht zu „Das ästhetische Wiesel“ von C. Morgenstern und „Kind im Manne“ von E. Roth
Der ungenierte Esel
Ein Esel aß an einer Brez’n
Inmitten hungr’ger Spez’n,
Hat sich – bevor was übrig bleibt –
Auch noch ’ne Halbe einverleibt.
Nun, mir verriet das Sonnenrind:
Der Graue bleibt im Geist ein Kind,
Denkt: Wattahat, dathatta,
Wird per Hammhamm und ohne Maß
Den nicht vorhand’nen Hunger stillen.
Frisst hier deshalb.
Der ungenierte Raffzahn tut’s
Um nachher satt zu chillen.
Und plötzlich ist’s Gelassenheit,
Mit der ich Unverfrorenheit -en
All eurer Seiten grille.
Ich röste endlich ohne Leid
Die schwergewicht’gen Kleinigkeit -en
Mit Kunst der tighten Stille.
Aber nein, mein Wille ist nicht überwunden –
Man kann ihn im Sessel der Gleichmut erkunden!
Er atmet im hintersten Winkel der Lunge
Mit übereindeutig euch schmähender Zunge.
Und die verbleibt, wiewohl vergrämt,
Im Kern, auf ewig: ungezähmt.
Der Kehrtwendehops eines Spatzen
Wurde nie in Gedichten beschrieben.
Dennoch sind alle hopsenden Spatzen
Bei dieser Methode geblieben.
Auch widmete ihren Getippel
Kein Schreiberling je ’nen Roman.
Sie wissen trotz fehl’ndem Getippsel:
„Beileibe – wir haben’s getan!“
Und das schelmische Wiegen der Köpfchen –
Nie Stoff für’n Theaterstück?!
Upps, da hüpft grad eins aus seinen Schläppchen …!
Dann nehm ich’s natürlich zurück!
Zwischen den Reparaturen
Können wir einander wieder
Wärmend in die Augen seh’n.
Losgelöst von letzten Spuren
Alle die durchlebten Nieder-
lagen unsrer Zeit gesteh’n.
Nach den Reparaturen
Sind sich Worstcasekatastrophe
Und das Ideal so nah.
Gleichgültig ticken die Uhren,
Mählich sammelt sich im Hofe
Die In-spe-Zerstörerschar …
Auch dort, wo die Schweiz einfach Schweiz ist,
Beginnt sich der Urlaub zu regen.
Wem Berggipfelaussicht von Reiz ist,
Komm’n Schweiz-Aufenthalte entgegen.
Manchem ist es alleine die Sorglosigkeit,
Die sich türmt in den Migros-Regalen.
Andre maulen dagegen, man müsst für die Zeit
Unter Schweizern doch sehr viel bezahlen.
Doch das saftige Grün, die Türkiskraft der Seen –
Sie lassen ein wohliges Prickeln entsteh’n
Wie ein testend Beschnuppern der Sorglosigkeit.
Ich seh in manchen unsrer Möbelstücke
Noch den Wunsch nach ’nem stilvollen Leben.
Doch mangelte hierzu es zu oft am Glücke,
Galt’s das Kleinod in Großtrott zu weben.
Unser Glaube, wir könnten viel größer sein,
Ward von Opfern wie diesen gepflegt.
Sie ragen hervor, aber wir blieben klein –
Hab’n die Möbel dann nicht mehr bewegt.
Doch wie gern seh dich – nicht ganz ohne Stolz –
Vor dem edlen Designregal sitzen.
Wir werd’n aus betrübter Erinn’rung – was soll’s!? -,
Uns etwas Zufriedenheit schnitzen!
Mein Leben ist nicht komplett dokumentiert,
Da mich vieles an mir nicht mal selbst interessiert.
Von beschämenden Schwächen Von Zweifelgebrechen,
Soll sich keine Zeile zu sprechen erfrechen!
Mein Gelübde zu schweigen
Wird sich euch nicht zeigen,
Weil’s vermächtnislos nicht existiert.
Vermutet ihr hinter den Sichtschutzwänden
Fänden sich Verse aus schändlichen Bänden?
Dort ist’s albern und traurig egal.
Man kann Flecken entdecken –
kein Erwecken und Schrecken.
Und Unendlich ist nur eine Zahl.
Heut werd ich ohne Sonnenblenden
Der tiefsteh’nden Sonne entgegenspazieren.
Ich zwing sie, des Resttages Wärme zu spenden –
Sie end-gleißt, mich zu illuminieren.
Mein Jederschritt schlenzt gringohaft
Mit Desperado-Qualität!
Woher solch Überschuss an Kraft?
So deplatziert, so sinnlos spät …
Vielleicht ist das Leben eine Scheibe
Und man fällt übern Rand in das Nichts.
Ich streb geblendet, blind, und treibe
Mit glühender Stirn in den Wirr-Sog des Lichts.