Verse für die Melancholiker, denen man Erde, Herbst, Abend, Erwachsenenalter zuordnet.
Die besinnlichen und leisen Gedichte.
Von Aphorismen bis zur Vanitasdichtung.
Sollte Ihnen ein hier eingereihtes Gedicht eher den anderen Kategorien Erde, Luft oder Feuer entsprechen, bitte ich, mir eine Nachricht über www.hirnpoma.de zukommen zu lassen!
Bei uns vererbt der Knieschmerz sich
Vom Vater auf den Sohn.
Kaum springt man auf die Paarundfünfzig,
Verspürt man diesen schon.
Fortan wird man sich Nacht für Nacht
Zur Schlafbereitschaft zwingen.
Generationen könn’n durchwacht
Da unser Lied von singen.
Mein Leben ist nicht komplett dokumentiert,
Da mich vieles an mir nicht mal selbst interessiert.
Von beschämenden Schwächen Von Zweifelgebrechen,
Soll sich keine Zeile zu sprechen erfrechen!
Mein Gelübde zu schweigen
Wird sich euch nicht zeigen,
Weil’s vermächtnislos nicht existiert.
Vermutet ihr hinter den Sichtschutzwänden
Fänden sich Verse aus schändlichen Bänden?
Dort ist’s albern und traurig egal.
Man kann Flecken entdecken –
kein Erwecken und Schrecken.
Und Unendlich ist nur eine Zahl.
Die Welt hat mich erwischt, als ich mich grad so sicher fühlte.
Der Fisch stank, kaum dass sie in meinen Scheintalenten wühlte.
Sie tischte unter Wut und Stutzen fehlerfündig auf
Und grätschte meiner Seligkeit in den Karrierelauf.
Die Welt hat mich erwischt, als alles wie beschlossen schien,
Und beamte eine Fehlermeldung stoisch auf die Screen.
Gelingt es auch den Technikern, sie manchmal wegzuklicken –
Ich werde sie wie festgefror’n wohl immer dort erblicken.
Die Welt hat mich erwischt, als ich mich quasi sicher glaubte.
Die Welt nahm sich zurück, was ihr mein Selbstbewusstsein raubte.
Der Blumengeschäftduft erinnert mich
An nah’nden Kaffee plus Torte,
An trauerkranzbindende Hilflosigkeit,
Ans Finden mauer Worte.
Der Blumengeschäftduft erinnert mich
An Dunst überm Aquarium
Im Mischmasch wunder Blüten,
An „Denk bitte jetzt nicht ans Geld, Kerl!“-Konsum,
Den Anlass zu vergüten.
Der Duft im Blumenladen wollt‘
Stets Auftakt sein zum Feste.
Ob heit’ren Sinns, ob scharf durchmollt –
Wir wurden mit ihm Gäste.
Und aromatisch schält sich aus:
Der Anlass für den Blumenstrauß.
Mir bleibt’s eine besond’re Luft –
Der Blumenläden eigne Duft.
Heut werd ich ohne Sonnenblenden
Der tiefsteh’nden Sonne entgegenspazieren.
Ich zwing sie, des Resttages Wärme zu spenden –
Sie end-gleißt, mich zu illuminieren.
Mein Jederschritt schlenzt gringohaft
Mit Desperado-Qualität!
Woher solch Überschuss an Kraft?
So deplatziert, so sinnlos spät …
Vielleicht ist das Leben eine Scheibe
Und man fällt übern Rand in das Nichts.
Ich streb geblendet, blind, und treibe
Mit glühender Stirn in den Wirr-Sog des Lichts.
Über manchen Straßennamen
Steigt ein ganzer Himmel auf:
Windiger Legenden Rahmen,
Welt für manch Gedichtverlauf,
Pflaster längst verwundner Wunden,
Mein Triumphpfad für Sekunden.
Namen, Straße, Häuser auch –
Alles war mal Schall und Rauch.
Tattoos auf der Demenzstation –
Etwas, was mich als Baby verwirrte.
Doch kurz darauf begann’s auch schon:
In allen Hospizen – nur noch Tätowierte!
Glaub mir, mein Junge, schon bald werd’n die Alten
Nur Tattoos an sich und von früher behalten
Und nicht drauf komm’n: „Was galt mir einst
Das Bildmotiv, der Spruch, die Zahl?“
Bald merkt sweet Lynn, wie sie karl-heinzt –
Gezeichnet vom Ich war einmal.
Ich sehe nichts Ersichtliches
Und müsst mich interessieren.
Das Starr’n aufs Unbild neckt mich, es
Mag anti-konvenieren.
Ich will das Provozier’n kapier’n,
Doch müsst dafür viel lesen.
Die Leichtigkeit schanzt sich ums Hirn,
Singt viel zu simple Thesen.
Ich seh der Bilder wilden Wahn
Und muss mich ihm verweigern.
Nehm ich mich der Motive an,
Drängt’s mich hineinzusteigern …
Für mich verbleibt der Vordergrund
Finale Perspektive.
Mein Blick huscht Richtung Ausgang und
Entdeckt nicht mehr an Tiefe.