Verse für die Melancholiker, denen man Erde, Herbst, Abend, Erwachsenenalter zuordnet.
Die besinnlichen und leisen Gedichte.
Von Aphorismen bis zur Vanitasdichtung.
Sollte Ihnen ein hier eingereihtes Gedicht eher den anderen Kategorien Erde, Luft oder Feuer entsprechen, bitte ich, mir eine Nachricht über www.hirnpoma.de zukommen zu lassen!
Über manchen Straßennamen
Steigt ein ganzer Himmel auf:
Windiger Legenden Rahmen,
Welt für manch Gedichtverlauf,
Pflaster längst verwundner Wunden,
Mein Triumphpfad für Sekunden.
Namen, Straße, Häuser auch –
Alles war mal Schall und Rauch.
Tattoos auf der Demenzstation –
Etwas, was mich als Baby verwirrte.
Doch kurz darauf begann’s auch schon:
In allen Hospizen – nur noch Tätowierte!
Glaub mir, mein Junge, schon bald werd’n die Alten
Nur Tattoos an sich und von früher behalten
Und nicht drauf komm’n: „Was galt mir einst
Das Bildmotiv, der Spruch, die Zahl?“
Bald merkt sweet Jill, wie sie karl-heinzt –
Gezeichnet vom Ich war einmal.
Ich sehe nichts Ersichtliches
Und müsst mich interessieren.
Das Starr’n aufs Unbild neckt mich, es
Mag anti-konvenieren.
Ich will das Provozier’n kapier’n,
Doch müsst dafür viel lesen.
Die Leichtigkeit schanzt sich ums Hirn,
Singt viel zu simple Thesen.
Ich seh der Bilder wilden Wahn
Und muss mich ihm verweigern.
Nehm ich mich der Motive an,
Drängt’s mich hineinzusteigern …
Für mich verbleibt der Vordergrund
Finale Perspektive.
Mein Blick huscht Richtung Ausgang und
Entdeckt nicht mehr an Tiefe.
Bezahlt den Maler meiner Gemälde besser als den letzten!
Weil mir die jüngsten Jahre manches gute Mal zerfetzten.
Die Umstände erfrechten sich, mein Ruhen kraus zu streichen –
Im fast entleerten Wartesaal sitzt nur noch mein Erbleichen.
Ich richte meine Zukunft ein
Als Farbstrich von Gemälden
Vom armen Pinselborstenschwein –
Vermächtnis eines Helden.
Der Wind vom Meer kommt kühl daher
Doch die Sonne gibt sich schon verbindlich.
Mag sein, diesen Umschwung erwünsch ich zu sehr –
Ja, bin fürs Konträre zu blind ich?
Im früh gewählten T-Shirt darf man sich durchaus erkälten
Und mit jenen im Einklang dann husten und schnupfen,
Die ähnlich frisch sich aus dem Haus heut gesellten,
Um mutig und frohen Muts aufzumupfen.
Und versuch ich auch forsch voranzuschreiten,
Ein erster Blick wendet schon um …
Das Verdrängen muss sich ein Vergessen erfighten!
Das klappt bereits jetzt nicht mehr. Dumm.
In Alte-Männer-Leibern kompostieren all die Jahre
Stumm ertrag’ner Zumutungen, ausgefall’ner Haare …
Ich werd niemals die Ruhe finden,
Den erblüh’nden Balkon zu genießen
Und meiner Privilegien Rinden
Mit Nahrhaftigkeit zu begießen.
Ich werd wie gewohnt weiter Tanzflächen mähen –
Den Besitzanspruch lass ich verprickeln,
Lausch nachsichtig trendigem Vorwürfe-Blähen,
Begnüg und vergnüg mich mit Halmebefrickeln.
Ich hab der Bundesgartenschau
Kein Blühen vorzuwerfen,
Doch nachts sympathisier ich mit
Der Wühlmaus und den Kerfen,
Dass sie das Rabiate
In der Beetversorgung pflegen,
Und das baldige Umbruch androhende Knistern
Mit galantem „Nein, ich bin dagegen!“ –
Derweil heg ich mein Pflanzgefäß und was ich dort vollbracht
Im Privilegienpflegemodus, möglichst leis und sacht.
Ich wüsste gerne so viel mehr
Von so und so viel Dingen!
Doch wo bekomm ich Wissen her?
Man kann’s ja nicht erzwingen.
Nun, unser Dasein ist begrenzt
Von Sinn und Lebensjahren.
Doch manches Pfiffiküsschen glänzt –
Scheint alles zu erfahren …
Ach, könnte ich vorm Grauen Star
Die Nachtigall erkennen,
Am Blatt und an der Rinde Ma-
serung ’nen Baum benennen!
Ach, wüsste ich vom 30jährigen Krieg
Doch mehr als dessen Dauer!
Und mit einem My aus dem Reich der Physik
Wär ich bedeutend schlauer …
Wenn ich dereinst final verderb,
So hätt ich mein Dasein, das damit dann endet,
Zumindest in puncto Wissenserwerb
In vielerlei Hinsicht doch vollends verschwendet!