Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten

Einakter

Alles, was zwölf Zeilen überschreitet.


  • Lido di Jesolo & das eintausenddreihundertfünfundachtzigste Gedicht

    Lido di Jesolo Mainstreet

    Zu Gast in der Off-Season

    Der Urlaub hat jetzt Ferien
    Und niemand kommt hier her.
    Die zieh’n auf Netflix Serien
    Und nix zieht wen ans Meer.

    Der Nachtportier gießt jeden Sonntag die Pflanzen
    Und neigt dazu sich selbst im Spiegel zu grüßen.
    Es gibt so viel Raum aus der Reihe zu tanzen
    Und bis vor April wird man nicht dafür büßen.

    Die Vorhänge schreien: Wir haben geschlossen!
    Der Flair vom Entree übt das Barrikadieren,
    Besuchende werden mit Argwohn beschossen –
    Hier will vor April nichts und niemand passieren!

    So säumen den Ort, wo sonst Hunderte wohnen,
    Paläste von düsteren Schlüsselpatronen,
    Denen Nachsaisonkühle die Flure bereinigt,
    Bis dass kein Gebrunst mehr die Einsamkeit peinigt,
    Für die – insgeheim – diese Straßen geschaffen
    Als der Welt letztes WLAN-Netz-Schutzreservat,

    Das in dem Moment Parasiten begaffen
    Zur Planung von Kaper- und Brandschatzerfahrt
    Auf Buchungsportalen und in Katalogen,
    Weil man zur Erholung sich einnisten will.

    Derweil sind wir zwei durch die Gassen gezogen
    Und war’n im Gealber so unglaublich still.


  • Italienvorfreude & das eintausenddreihundertsiebenundsechzigste Gedicht

    Erinnerung an Mailand im Dez, Vorfreude auf Venedig im Feb

    Flaneure im Vorfrühling

    Hightech-Jogger, Kickboardrogger
    Outdoorblogger, Stubenhogger
    Turtelchöre, Amorteure
    unterschiedlichster Odeure/Gangartgrazienausgestaltung
    hochdruckhörig, upflamörig
    und vertieft in Unterhaltung

    Im Buggy brüllt die neue Brut
    Wetter prächtig, Stimmung juut
    Mancher zerrt sein Sonntagshündchen
    aus dem Trott der Gassi-Ründchen

    Kellner, stell die Tische raus
    Ich lass‘ heut die Jacke aus
    Frühling kommt. Na, wunderbar
    Duft aus Blütenkelchen
    Dies‘ Jahr schon im Februar
    ich weiß nich‘ mal, welchen


  • Zero Gravity & das eintausenddreihundertsechsundsechzigste Gedicht

    Die Ausstellung Zero Gravity in der ERES Stiftung Schwabing

    Gnadenhof

    Du reichst der Welt die fremden Federn,
    Mit denen sie sich schmückt.
    In Daunenkissen findet jeder ’n
    Kleinod, das ihn schmückt.

    Schon liegt dein Köpfchen wieder hart,
    Das hindert dich am Schlafen.
    Die hab’n dich hier aus Angst verscharrt,
    Du könntest wen entlarven.

    Zu gierig rupfen sie dein Hab
    Und geben keine Ruhe.
    Und schon verdächtigt sich ein Grab
    Wie zu bequeme Schuhe.

    Du musst – egal, wie alt er ist,
    Den Einspruch noch erheben.
    Du bist – egal, wie müd du’s bist,
    Halt immer noch am Leben.


  • Luitpoldpark & das eintausenddreihundertfünfundsechzigste Gedicht

    Sonnenuntergang über München vom Luitpoldpark

    Ripostegedicht zu „Für alle die im Herzen barfuß sind“ von Jan Skácel.

    Für alle die im Magen Schuhe tragen

    Allen, die im Magen Schuhe tragen,
    Gelingt das Leben arschlochleicht.
    Die müssen nicht ständig den Kröten entsagen –
    Egal, welch Quak man wohin laicht.

    Man muss sich nur drauf einigen,
    Ganz Stein zu sein – zur Not zum Schein.
    Schon sind die Ichs die deinigen,
    Gewährt dir Härte dein Verein.

    Wir sind von nichts zu stören.
    Wer bezichtigt uns der Lüge?
    Wer zwängt uns auf die Rüge?
    Barfüßig bargeldlose Gören!?

    Wir könn’n per 3D-Druck auch Stille gerieren,
    Wenn uns dünkt nach der Schulkinder Melancholie,
    Könn’n Schmetterlingsflügelchen repetitieren.
    Auf uns strahlt der Sommer! Und er endet nie.

    Der Fluss ergibt sich unsrer Yacht –
    Nur er wird untergeh’n.
    Denn alles fügt sich unsrer Macht –
    Nichts Weit’res bleibt besteh’n.

    Nun, wir gewähren den Dichtern den Raum im Gedicht,
    Ihr a-b-a, a-c-a-b.
    Denn uns, mei, int’ressiert er nicht.
    Geh schlafen, mein Dichter, nur geh!


  • Föhnaussicht & das eintausenddreihunderteinundsechzigste Gedicht

    Föhnblick auf München

    Mein München

    München, bist ein treuer Gaul,
    So lässig im Verlässlichsein,
    Zum Sorgen-Falten viel zu faul,
    Der Harm schweigt unermesslich klein.
    Du bist so unspektakulär,
    Dass es schon fast ein Ab-Grund wär,
    Drum quengelst du, s‘wär stetig Zeit
    Für‘n Prosit der Gemütlichkeit!
    Die Armut hast du fortgelobt
    Nach dorthin, wo das Leben tobt:
    Ins muffige Fell ewig steppender Bären,
    Die nur von eigner Blendung zehren.

    Die To-Do-List empfiehlt täglich: Kleeblätterschwenken
    Beim Sich-die-Welt-als-München-Denken,
    Da die Weisheit der Dummen, die Dummheit der Weisen
    In unsren Umlaufbahnen kreisen.

    Schwindelnd lege ich stoisch am Isarstrand an,
    So lang ich mir das leisten kann.


  • Abgrund & das eintausenddreihundertzweiundvierzigste Gedicht

    Auf dem Dach vom Dom in Mailand

    Atemlos und Loserthemen

    Ein kleiner Hauch von Hauptgewinn
    Püstelt sich zum Sturmtief hin,
    Täuscht den Losvernarrten bloß, dem
    Die Erwartung von was Großem
    Zu sehr zur Erfüllung wird,
    Die sich nie zu ihm verirrt.

    Denn das Glück der Futterstellen
    Wiederholt sich nicht in Wellen –
    Tröge bleiben ewig statisch!
    Du bist nicht vermittelbar. Lisch
    Deine kleinen Hoffnungsfunken,
    Die dir nur zum Spott gewunken!

    Gott hält deine Leine kurz,
    Quält dich mit der Angst vorm Sturz
    Und schwätzt stets von Möglichkeiten,
    Die dich halten in dem Fight. Denn
    Es ist nicht für dich bestimmt,
    Was der Welt den Atem nimmt.


  • Pink Christmas & das eintausenddreihundertzweiunddreißigste Gedicht

    Pink Christmas - Weihnachtsmarkt im Glockenbachviertel

    Im Flug nach Berlin und anderswo

    Ich werde im Bordklo vom Flug nach Berlin
    Heut nicht wie gewohnt meinen Unrat abzieh’n:
    Ich will die Gesichter von Mitpassagieren,
    Sobald sie fest schlafen, mit Scheiße einschmieren.
    Ich rechne da durchaus mit scharfem Protest,
    Drum will ich gewiss sein, sie schlafen auch fest..
    Sonst wird’s extrem
    Unangenehm.

    Nun werd‘ ich wohl auch anderswo
    Den unbedarften Griff ins Klo
    Mir absichtsvoll erlauben.
    So kann ich Proll
    Mit schalem Lol
    Den Schlaf euch fortan rauben.


  • Blickfang & das eintausenddreihundertneunundzwanzigste Gedicht

    Weihnachtsschmuck im KaDeWe Berlin

    Danke für das Knie

    Dies‘ wie noch nicht entschiedene Werden
    Zwischen Vollzeitstudentin und Frau,
    Es pflügt sich entspannt in ihr frommes Gebärden –
    Man stellt sich gern ungern zur Schau.

    Nun, Schönheit wurd‘ hier nicht echt üppig gesät,
    Doch sie blüht ihr Gerade Soviel,
    Nach dem mein verschlagener Blickgenuss späht
    (Er ist nicht auf Suche nach Stil).

    Was kümmern mich Moden, die ich nicht verstehe?
    Dieser Hosenrock müffelt nach langer Entscheidung.
    Und doch ist’s Betrübnis, die ich in ihm sehe –
    Nur willenschicfehlerbekundende Kleidung.

    Wohl passt’s zu der Plumpheit, mit der sie dort sitzt –
    Junges Leben ergötzt sich am Warten.
    Da wird Vorfreude forsch in die Achseln geschwitzt,
    Braucht Erfolg noch kein Zeugnis von Taten.

    Ihre Physiognomie ist bemerkenswertlos
    (So was besssert sich nicht mit den Jahren) –
    Wo das eine zu seicht ist, ist and’res zu groß,
    All dies weckt mein Verlangen zu sparen.

    Und doch bleibt mein Augenlicht mit ihr vertaut,
    Mich beseelen das Dass und das Wie,
    Es ist ihrer Ödnis Oase die Haut
    Vom durchs Nylonschwarz schimmernden Knie.

    Vermutlich hat sie der Knie zweie gehabt,
    Aber ich hab das eine geseh’n.

    So ist der Mensch oft nur in einem begabt.

    So einsam, so wahr und so schön.


  • Neuaufbau Altpotsdam & das eintausenddreihundertvierzehnte Gedicht

    Potsdam neuer Alter Markt

    Letzte Runde

    In der Stammkneipe werde ich plötzlich gesiezt
    Und die Gläser werd’n auch immer kleiner.
    Ich hab längst vergessen, wozu du mir rietst,
    Bin nun überall nur irgendeiner.

    Hätte ich mich dereinst etwas stärker gereckt,
    Wäre mehr zu erreichen gewesen?
    Im Glauben, mich hätte ein Kellner entdeckt,
    Trink ich mich in weitere Thesen …

    Doch zum ersten Mal seh ich, wie hässlich ich bin,
    Vom Zersetzungsprozess überrannt.
    Vorm Kloeingang twittert die Inhaberin,
    Sie sei mit dem Wirt jetzt verwandt.

    Nie war mir so fern, dass wir tranken,
    Und ich denke, wir hab’n es getan.
    Ich verstau meine letzten Gedanken
    Und zahl dann mit Großvaters Zahn.


  • Hohenwaldeck & das eintausendzweihundertvierundneunzigste Gedicht

    Wald bei der Ruine Hohenwaldeck am Schliersee

    Ich erinnere, wir sannen Großes

    Ich erinnere, wir sannen Großes
    Bei dem ersten Gefühl in der Stadt.
    Jede Aussicht versprach Grandioses –
    Wir wurden nicht müde, nicht satt.

    Allein, wir haben nichts getan –
    Und das merke ich heut in den Straßen.
    Längst sind die Züge abgefahr’n
    Mit dem Zeugs, das zu tun wir vergaßen.

    Ich erinnere, wir sannen Großes –
    Doch dann warteten wir viel zu lang.
    „Stand mal alles bereit!“, weißt du. Bloss es
    Geschah niemals was ohne Zwang.

    Und jetzt? Zieht’s uns nach nirgends hin –
    Wir sind sehr informiert, aber gähnen.
    Kein Einsatz macht noch irgend Sinn –
    Und das kostet uns nicht einmal Tränen.


Die 272 Städte/Länder der Fotos (2016-2026)


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