Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten

Einakter

Alles, was zwölf Zeilen überschreitet.


  • Tegernsee Panoramaweg & das eintausendvierhundertfünfzigste Gedicht

    Auf dem Höhenweg Tegernsee

    In genau solchen Ecken

    In genau solchen Ecken steh’n immer die Doofen,
    Die dornigen Dirnen und Hirnkatastrophen.
    Die sind wie geschaffen zum Sympathisieren,
    Weil sie wie die Affen im Gleichklang parieren.
    Nein, die horchen nicht auf, die gehorchen Befehlen,
    Die horten den Aufruhr, man würd‘ sie bestehlen! –
    Die stehen auf Abruf für vieles bereit.
    Mein Körper schreit: „Leute, ich will keinen Streit!“

    Doch vor ihrem Gedroh muss sich niemand erschrecken –
    Das sind so ’ne Leute, das sind so ’ne Ecken! –
    Die macht nur dein schwindender Glaube ans „Wehr dich!“
    So raumfüllend mächtig und letztlich gefährlich.

    Kam mir in manch Denktal schon schnell in den Sinn:
    „Das wär so ’ne Ecke da – stell dich mal hin!“,
    Rang nieder den Wunsch nach bequemem Verweilen
    Die Wiedererkenntnis der ersten zwei Zeilen.


  • Abmarschplatz & das eintausendvierhundertsiebenundvierzigste Gedicht

    Das NS-Dokumentationszentrum am Königsplatz

    Veteranen am Strand

    Es war Krieg, den der Sommer Vergangenheit sein lässt –
    Der Frühling verspricht zu gern schiefen Triumph,
    Wenn Welt sich aus Angst vor Veränderung einnässt
    Und Regengefahr zwickt das Leben im Sumpf.

    Es war Krieg, weil für Frieden der Anlauf zu kurz war
    Und viel zu viel Sehnsucht im Sang der Soldaten –
    Schon strich der Verdacht über manches Geburtsjahr,
    Doch alles schrie: Davon war nichts zu erwarten!

    Es war Krieg, weil dies Selfie im Album noch fehlte –
    Uns drohte ein Untergang in Langeweile!
    Manch Schweigen schon Feedbackkanäle entseelte –
    Das Bröseln der Neuigkeit zwang uns zur Eile!

    Es war Krieg, den der Sommer Vergangenheit sein lässt –
    Er bescheint unsre Hände als unschuldig rein.
    Es war Krieg, dessen Schuldscheinbedruckung schnell einblässt –
    Wenn Zeit die Geduld frisst, wird wieder Krieg sein.


  • Maxvorstädter Vögel & das eintausendvierhundertzweiunddreißigste Gedicht

    Wandbemalung am Nachbarhaus in der Maxvorstadt

    Zum Sport im öffentlichen Raum

    Zu viel Sport in den Kanälen,
    Zu viel Sport auf allen Pfaden,
    Zu viel Ort darf Sport sich wählen,
    Überall nimmt Optik Schaden.

    Ständig schnauft und japst und schwitzt es,
    Ständig schaut’s nach Camping aus,
    Ständig blökt ein überhitztes
    Blödgesicht aus Körpern raus,

    Die in eine Form sich bringen,
    Die vorab jed Stil vermisst.
    Ehrgeiz gärt im zähen Ringen,
    Das die treue Smartwatch misst.

    Zu viel Sport in meinem Sichtfeld,
    So viel Sport – und immer hässlich!
    Was der Plebs für seine Pflicht hält,
    Ächtet der Flaneur als grässlich.


  • Coco Island & das eintausendvierhunderteinundzwanzigste Gedicht

    Coco Island bei La Digue

    Die Fastdrüssigen

    Diese eine letzte Chance
    Nehmen wir noch wahr.
    Danach sind wir zu ausgebrannt,
    Dem Grabesrand zu nah.
    Doch lässt sich’s an der Endstation
    Nicht auch recht prächtig feiern?
    Selbst wenn wir viel zu häufig schon
    Von Memoiren seiern.
    Was unser Leben so verdarb,
    War nur der Blick nach vorn,
    Der so beharrlich um sich warb,
    Dass wir das Jetzt verlor’n.

    Wir ändern diese Welt nicht mehr,
    Das lässt sich nicht verhehlen.
    Wir zieh’n uns selbst aus dem Verkehr,
    Hier könn’n wir gerne fehlen.

    Doch diese eine letzte Chance,
    Die nehmen wir noch wahr
    Beim Volldabeisein trotz Distanz!
    Es geht uns wunderbar.


  • L’Union Estate & das eintausendvierhundertneunzehnte Gedicht

    Im Schildkrötengehege vom L'Union Estate auf La Digue

    Ein Wegweiser für Influencer

    „Gern ließe ich von Landschildkröten
    Die Zehchen mir abbeißen,
    Und rissen sie an meinen Klöten
    Wie Staubsauger von Dyson,
    So ließ ich sie gewähren.
    Den Tatzenschlag von Bären
    Gäb ich die rechte Flanke hin
    Und meine beiden Kiemen.
    Ich hör ein „Danke!“ – immerhin,
    Für Lehen made by Lehman.
    Den Restleib soll’n die Raben haben,
    Die sich bei SAP bewarben.“

    Oh, all das Gerangel um deinen Verzehr, Jung –
    Es ist doch am Ende für dich auch ’ne Werbung!


  • Hirtenmania & das eintausendvierhundertvierzehnte Gedicht

    Hirtenmania auf Mahe

    Inmitten Quarantäne

    Hab stundenlang ein großes Nichts
    In einen leeren Raum gefüllt
    Und mit der Schnauze des Gedichts
    Mein Schweigen vor die Zeit gebrüllt.
    Mir war danach – gemach, gemach,
    Das Wenigste zu tun …
    Doch blieb mir, ach, zu viel vom Tag,
    Um davon auszuruh’n!
    Und alles hält die Webcam drauf:
    „Ich mach das Beste draus!“
    Ich schalt das WLAN ab und sauf
    Den Rest der Schnäpse aus,
    Verkork ein Loch im Scheißegal.

    Und morgen mach ich’s noch einmal.

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  • Source D’Argent & das eintausendvierhundertneunte Gedicht

    Am Anse Source d'Argent auf La Digue

    Weißer Fleck der Poesie

    Im indischen Ozean treiben
    Und dies Gefühl beschreiben
    Und dabei tief wie treffend sein –
    Solch Gabe soll es geben? Nein.

    War’s Goethe, Eichendorff beschieden,
    Solch Zauber der Natur hernieden
    In Wort und Vers zu fassen?

    Es bräuchte derer Massen!
    Und blieb doch immer unvollkommen –
    Glaubt mir, ich bin dort geschwommen!

    Doch hülfe mir das Meerbeschwimmen
    Mein Wörteln adequat zu trimmen,
    Dass dessen Verse jenes Leben
    Zielgerecht ins Abbild heben?
    Und vermocht ich’s tatsächlich, ach Leute – selbst wenn:
    Tät ich’s denn?

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  • Félicité & das eintausendvierhundertdritte Gedicht

    Blick auf Félicité

    Puderzucker

    Ich bin ein Was-mit-Puderzucker
    Mäßig guter Schluderschlucker.
    Äß ich alles ohne jenen,
    Säh’s hier jedenfalls nich‘ nach een
    Von schneeigen Teint bestäubten Haupt aus,
    Überhaupt, Maus: wären Stirn und Kinn, die Bäckchen,
    Ebenso mein Anoräkchen
    Nicht gleich herbstlaubbedeckten Alleen,
    Durch die weiche Häuche die Schneeflocken weh’n.

    Insbesondere bei Waffeln
    Ist’s kaum bis zum Mund zu schaffeln,
    Dass nichts von der Waffel fällt –
    Schafft’s dann mal ein Waffelheld,
    Wird sein „Puh!“ das Pu bepusten
    Und der Zuck erzwingt ein Husten.

    Schon ist nach ’nem kurzen Flug er
    Ganz bedeckt von Puderzucker.


  • Flughafen Riem & das eintausendvierhundertste Gedicht

    Flughafen München Riem Abflughalle heute

    Reingefallen!

    Du wusstest es, oder? Die Welt galt der Planung
    Einer Großüberraschung für dich!
    Du verneinst das zu schnell, als wär da keine Ahnung,
    Durch die ein Gewissheitshauch strich.
    Du trichtertest dir doch am Tresen oft ein:
    Das kann’s noch nicht gewesen sein!

    Nun hör der durchs Bühnenbild Huschenden Tuscheln,
    Die selig sich in ihrer Vorfreude kuscheln –
    Was gab’s da nicht Blödes, an dem du genagt,
    Wie schön, wenn da gleich wer mit Löschtaste sagt:
    „Überraschung, Junge! Schau mal da:
    Hinterm Sarg – die Kamera!“

    Du hast dich wirklich gut geschlagen
    Und bist bei allem cool geblieben,
    Noch bis zuletzt fern vom Verzagen!

    Wir hab’n’s ja manchmal übertrieben –
    Doch wussten auch: Der kann was ab!

    Und jetzt erhol dich gut im Grab.


  • Unterwasser & das eintausenddreihunderteinundneunzigste Gedicht

    Venedig Blick gen San Marco

    Holz

    Ein Volk von Annodazumal
    Rammte hier einst Pfahl um Pfahl
    Tief ins sumpf‘ge Erdenreich,
    Dass der Stämme harte Leich‘
    Stütze eine ganze Stadt,
    Im Abgetauchtsein konserviert,
    Für Ewigkeiten einplaniert.

    Selbst den Mittelpunkt der Welt
    Hielt hier, wie es jetzt noch hält:
    Holz, dem aller Stolz gebührt,
    Nie von Sauerstoff berührt.
    Was sich oben abgespielt,
    Wer da was mit wem gedealt –
    Alles fand und fand nicht statt.
    Was oberflächlich int‘ressiert
    Ist immer schon recht bald krepiert.
    Doch ewig stählt das Meer den Thron
    Aus eingepfähltem Immerschon.


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