Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten

Einakter

Alles, was zwölf Zeilen überschreitet.


  • Seeseiten & das eintausendsechshunderteinundvierzigste Gedicht

    Das Starnberger Seeufer im Bernrieder Park

    Zweite Auftragsversewoche 2021: Gewünscht wurden Gedichte zu den Themen Heinzelmännchen, Zustand zwischen Schlaf und Wachsein, Carmina Burana, Glückspilze, Vampire, Energetische Gebäudesanierung, Gewissheit des Todes, Gutes Reimen, Frischluft, Griechenland und Vernichtung der Menschheit.

    Gutes Reimen

    Minderwertig scheint vielen ein abfällig Wort –
    Man spendet zu gerne Versuchen Support
    Und bangt, da wird etwas gebrandmarkt als schlecht.
    Nun, nennen wir’s handwerklich leistungsgerecht?

    Mich sehnt die Suche zum Extrem,
    Du findest das zu unbequem –
    Und hast ja als Replik zudem
    Mich schon besiegt bei manchem Slem.

    Total egal – es darf im Leben
    Ja Messdiener und Päpste geben,
    Die sich, vereint in einem Glauben,
    Ihr Ausmaß an Passion erlauben.

    Die Welt kann ich so denken, bloß
    Das Reimen ist nicht rankinglos.
    Dein Text wär – jeder Slam-Sieg ehrt dich! –
    In meinem Kosmos minderwertig


  • Nußberger Weiher & das eintausendsechshundertneununddreißigste Gedicht

    Winteridyll bei den Nußberger Weihern

    Zweite Auftragsversewoche 2021: Gewünscht wurden Gedichte zu den Themen Heinzelmännchen, Zustand zwischen Schlaf und Wachsein, Carmina Burana, Glückspilze, Vampire, Energetische Gebäudesanierung, Gewissheit des Todes, Gutes Reimen, Frischluft, Griechenland und Vernichtung der Menschheit.

    Energetische Gebäudesanierung!

    Dies Haus erhält nun neue Fenster,
    Das Dach, die Heizung sind erneuert!
    Für Kälte, Ärger und Gespenster
    Heißt’s „Draußen bleiben!“ – so bescheuert,
    Für deren Zechen
    Noch zu blechen,
    Sind wir nicht!
    Wir sind dicht.

    Ab jetzt wird celsiusgegeizt,
    Ausschließlich für uns selbst geheizt!
    Es ist, wenn man so prima dämmt,
    Die Klimakrise schon gestemmt –
    Zugleich die Wirtschaft angekurbelt!
    (Klar, nu wird wieder losgeschwurbelt …)

    Wir Eigentum- und Klimaschützer
    (nur Hobby-Fördergeldernützer)
    Hab’n unsre Ärmel hochgekrempelt,
    Die Erderwärmung angerempelt –
    Und wenn jetzt alle Dämmer halten,
    Wird diese Welt alsbald erkalten!

    Dann ist dank unsrer Einsparschwüre
    Draußen vor der Gartentüre,
    Wo der SUV geparkt is,
    Arktis.


  • Bernriedview & das eintausendsechshundertsiebenunddreißigste Gedicht

    Blick von Bernried gen Neusee

    Zweite Auftragsversewoche 2021: Gewünscht wurden Gedichte zu den Themen Heinzelmännchen, Zustand zwischen Schlaf und Wachsein, Carmina Burana, Glückspilze, Vampire, Energetische Gebäudesanierung, Gewissheit des Todes, Gutes Reimen, Frischluft, Griechenland und Vernichtung der Menschheit.

    Glückspilz

    Ich fürchte schon, anderen Unglück zu bringen –
    Verbrauch ich doch selbst zu viel Glück.
    Ich scheine den Most aus dem Osten zu wringen,
    Wenn ich mich gen Westen nur bück.
    Ich sah ja die Besten der Nachbarn verderben –
    Zuhauf konnte ich ihre Hoffnungen erben.

    Und Stück für Stück drücken sich meine Lamellen
    Ins Glück all der Doppelhaushälftenparzellen.

    Ich werde mich flechtenhaft weiter verbreiten,
    Bis dass die Böden ausgelaugt.
    Auch fortan wird mich Miss Fortuna begleiten,
    Von meinem Myzel angesaugt.
    Ist erst der ermüdende Süden verlassen,
    Zieh ich aus dem Norden mir Orden in Massen.

    Ein Stückchen vom Glück willst auch du erfleh’n? Wehe,
    Es ist dies Pilz‘ Sporenflor in deiner Nähe!


  • Klosterkirche Benediktbeuern & das eintausendsechshundertsechsunddreißigste Gedicht

    In der Klosterkirche von Benediktbeuern

    Zweite Auftragsversewoche 2021: Gewünscht wurden Gedichte zu den Themen Heinzelmännchen, Zustand zwischen Schlaf und Wachsein, Carmina Burana, Glückspilze, Vampire, Energetische Gebäudesanierung, Gewissheit des Todes, Gutes Reimen, Frischluft, Griechenland und Vernichtung der Menschheit.

    Die Carmina Burana zu Benediktbeuern

    (Achtung: Dies Gedicht hat, ums gleich vorweg zu sagen
    Eine Höchsthaltbarkeit von nur anderthalb Tagen)

    500 Jahre Schlummer
    … und dann will es ein dummer
    Zufall, entdeckt und ausgelegt zu werden.
    Beifall fürs Comeback auf Erden
    Mit Rumms und Bumms
    Und Wumms und so.

    Vermummt nicht jeder Zeitensprung
    Die adäquate Zweitnutzung,
    Verschalt nicht ein Niveau?

    Wer ist schon gerne ausgeliefert
    Der Lesart einer fernen Zeit?
    Bewertet man’s stur positiv statt
    Zu hadern mit der Ewigkeit?
    Verflüchtigen sich Ziel und Weg,
    Ernüchtert sie als Privileg!

    (Zu euch spricht dies Gedicht: Ich mag
    Nur gelten bis zum nächsten Tag.
    Was man danach mit mir auch macht –
    War ganz gewiss nie so gedacht!)


  • Spätlese & das eintausendsechshundertfünfunddreißigste Gedicht

    Blick auf das Kloster Benediktbeuern

    Zweite Auftragsversewoche 2021: Gewünscht wurden Gedichte zu den Themen Heinzelmännchen, Zustand zwischen Schlaf und Wachsein, Carmina Burana, Glückspilze, Vampire, Energetische Gebäudesanierung, Gewissheit des Todes, Gutes Reimen, Frischluft, Griechenland und Vernichtung der Menschheit.

    Dämmern – eine Einschlafwachwerdung

    Auf einmal merk ich:
    Bin unmerklich
    Weit und weich hinabgeglitten,
    Abgebogen
    Wie auf Drogen,
    Hab ne Grenze überschritten
    Und mich auf Pantoffelsohlen
    Ungewahrsamst fortgestohlen.

    Hab fahrig alle Kandelaber
    Von Wirklichkeitchens Licht entsehnt,
    Mich übers Absperrbandgewaber
    Auf Zehen in das Nichts gelehnt.

    Nach kurz geglücktem Gluckgluckschluck
    Entreisst mich ein Schockschwereruck
    Zurück
    Ans Ufer.


  • Zweigleisig & das eintausendsechshundertfünfundzwanzigste Gedicht

    Auf dem verschneiten Moorweg 1 in Benediktbeuern

    Erste Auftragsversewoche 2021: Gewünscht wurden Gedichte zu den Themen Yoga, Serienbingen, Netflix, Geschwurbele, E-Mobilität, Marilyn’s Army, Hochzeitsfotografen und Fanfiction.

    Der Hochzeitsfotograf

    Sein schwarzer Quader ist Pilgerstätte
    Der schönsten Tage des Lebens.
    Frömmelnd strömen sie selig ihm zu, so als hätte
    Die Akklamation des Entschwebens
    In seinem Fokus ihren Platz.
    „Du schaust bezaubernd aus, mein Schatz!“

    Das schönste Paar der Welt zu erschaffen
    Bei gegebener Kalamität?!
    Sind Belichtung und Photoshop hinreichend Waffen?
    Hält der Schutzmantel der Pietät,
    Um für Jahrzehnte zu verklär’n?
    „Ich konnt‘ mich damals gar nicht wehr’n!“

    Eisern hält der Dompteur aller Blenden
    Die Kaaba zum Abschuss bereit,
    Um der Euphorie Glanz als Motiv zu vollenden.
    „Du hattest ein so schönes Kleid!“
    So schreitet stracks ins Immerdar,
    Was einen Tag lang Wahrheit war.

    Und was
    Beseelt solchen Zeugen von nur Schönsten Tagen?
    Nun, das muss man ihn bei Gelegenheit fragen …


  • Steilabfahrt & das eintausendsechshunderteinundzwanzigste Gedicht

    Skiabfahrtspiste vom Luitpoldhügel

    Erste Auftragsversewoche 2021: Gewünscht wurden Gedichte zu den Themen Yoga, Serienbingen, Netflix, Geschwurbele, E-Mobilität, Marilyn’s Army, Hochzeitsfotografen und Fanfiction.

    Netflix (ein Gedicht über das Maxvorstädter Isabella-Studio)

    Ging Netflix in die Insolvenz,
    So würden nicht mal treue Fans
    Dies tiefstgrämig bedauern
    Und viele, die drauf lauern
    (zum Beispiel ich),
    Gäb’n lediglich
    In Kürze zu verstehen,
    Dass Fürze halt verwehen.

    Doch müsste ab morgen mein Eckkino schließen,
    Würd‘ das wohl wahrscheinlich ganz München verdrießen
    Als Zeichen, dass unsre Gesellschaft sich windet
    Und im desaströsesten Zustand befindet.
    Man würde die fehlenden Arthouse-Filmstreifen
    Als Stadtviertelödnisverschlimm’rung begreifen –
    Fand auch selten mal was vor mehr Zuschauern statt
    Als Netflix in Mio an Stammsehern hat.

    Aber Netflix als fat Nix ist völlig entbehrlich
    Und das Isabella so kuschelig ehrlich.

    Wahrer Wert und Warenwert
    Sehen hier einander an –
    Und es ist recht fix erklärt,
    Worauf man verzichten kann.


  • Platzhirsch & das eintausendsechshundertneunzehnte Gedicht

    Weihnachtshirsch in der Maxvorstadt

    Erste Auftragsversewoche 2021: Gewünscht wurden Gedichte zu den Themen Yoga, Serienbingen, Netflix, Geschwurbele, E-Mobilität, Marilyn’s Army, Hochzeitsfotografen und Fanfiction.

    Meister Yoga (auf dem Weg zum Sonnengruß)

    Mein Herabschauender Hund
    Schielt klammheimlich nicht gen Grund,
    Sondern in den vor
    Ihm grad steil empor-
    Gereckten Po.

    Ein echter Hund tät’s ebenso,
    Um Neuigkeiten abzugleichen
    (statt Handy-Displays zu bestreichen)
    Per Schnüffel-Scan der Backenrille
    Samt Nose-Rosette-Killekille.

    Was bloßer Anblick noch entbehrt,
    Wird tiefen Einblicks dann gewährt –
    Durchströmt von der glimmerndsten Innerlichkeit,
    Die immerzu „Ja, ich erinner‘ mich!“ schreit:
    Vor der Topnews-Inflation
    Gab uns Kommunikation
    Das instinktiv-intuitive Erkennen,
    Gesäße wie Hintern von Ärschen zu trennen –
    Eh dass in zu viel Wort verschwimmt,
    Ein Urteil, das oft nicht mal stimmt.

    Wir dehn’n uns als solcher Erkenntnis‘ Rudel,
    Bestätigt vom Sakral-Gedudel –
    Sind Hunde, die die Welt versteh’n,
    Doch demütig nach unten seh’n.

    Und kurz entfacht Hoffnung auf bessere Zeiten –
    Eh wir in die – ach! – Schiefe Ebene gleiten.


  • Erster Schneetag & das eintausendsechshundertsiebzehnte Gedicht

    Am Monopteros im winterlichen Englischen Garten

    Catwalkdog

    Das Los des ew’gen Nicht-Genugs
    Wurde dir in die Stirne massiert.
    Da sich die Welt in Re-Tweets misst,
    Bist du hier nie passiert!
    Die Welt ist ein Laufsteg –
    Nur du nennst sie Bühne,
    Betrachtest dein Abseits
    Als Teil einer Sühne

    Und betrittst jeden Pups-Club mit Unsicherheit.

    So lehrt die Kunst des Selbstbetrugs:
    Der Schwulst der Profiteure,
    Dass alles Arbeit war und ist.
    In Wahrheit gilt, ich schwöre:
    Die Welt ist ein Laufsteg –
    Man schminkt sie zur Bühne,
    Das mindert den Anreiz
    Für weniger Kühne.

    Und der DJ füllt unhinterfragbar die Zeit.


  • Licht I Wald & das eintausendfünfhundertvierundneunzigste Gedicht

    Lichtwald bei der Lichtaktion "Kunst verbindet" im Kunstareal München

    Wann Lasche abnippeln

    Und mit einem Mal weiß ich:
    Oh, 2030
    Ist doch sehr sehr fern
    Und würd ich auch gern
    Es lebenden Auges besehen,
    Muss sicherlich vorher ich gehen.

    Denn vor Geburtstag 62
    Rechne ich damit, es rächt sich
    Des Lebensrauschs Fülle
    An sterblicher Hülle.
    Dann wird’s nix mit mir und Jahr 2030 –
    Da kann ich mich auch nicht beschwer’n, Herr, das weiß ich.

    Andrerseits gibt’s Register,
    Die blieb’n ungezogen:
    Hatt‘ lebenslang Schiss vor zu heftigen Drogen –
    Und ein Achteljahrhundert nur Verse Verfassen
    Schafft auch wenig Zunder für’n ungesund krassen
    Lebenswandel.

    Hält dann vielleicht mein Daseinsbandel
    Doch noch in die Dreißiger?
    Fraglos freudlos, scheißiger.

    Und plötzlich Zweifel: Wird’s nich‘
    Doch eh’r 2040?


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