Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 37 Länder auf 5 Kontinenten

Einakter

Alles, was zwölf Zeilen überschreitet.


  • Hirtenmania & das eintausendvierhundertvierzehnte Gedicht

    Hirtenmania auf Mahe

    Inmitten Quarantäne

    Hab stundenlang ein großes Nichts
    In einen leeren Raum gefüllt
    Und mit der Schnauze des Gedichts
    Mein Schweigen vor die Zeit gebrüllt.
    Mir war danach – gemach, gemach,
    Das Wenigste zu tun …
    Doch blieb mir, ach, zu viel vom Tag,
    Um davon auszuruh’n!
    Und alles hält die Webcam drauf:
    „Ich mach das Beste draus!“
    Ich schalt das WLAN ab und sauf
    Den Rest der Schnäpse aus,
    Verkork ein Loch im Scheißegal.

    Und morgen mach ich’s noch einmal.

    Mehr Gedichte zu Corona und Quarantäne


  • Source D’Argent & das eintausendvierhundertneunte Gedicht

    Am Anse Source d'Argent auf La Digue

    Weißer Fleck der Poesie

    Im indischen Ozean treiben
    Und dies Gefühl beschreiben
    Und dabei tief wie treffend sein –
    Solch Gabe soll es geben? Nein.

    War’s Goethe, Eichendorff beschieden,
    Solch Zauber der Natur hernieden
    In Wort und Vers zu fassen?

    Es bräuchte derer Massen!
    Und blieb doch immer unvollkommen –
    Glaubt mir, ich bin dort geschwommen!

    Doch hülfe mir das Meerbeschwimmen
    Mein Wörteln adequat zu trimmen,
    Dass dessen Verse jenes Leben
    Zielgerecht ins Abbild heben?
    Und vermocht ich’s tatsächlich, ach Leute – selbst wenn:
    Tät ich’s denn?

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  • Félicité & das eintausendvierhundertdritte Gedicht

    Blick auf Félicité

    Puderzucker

    Ich bin ein Was-mit-Puderzucker
    Mäßig guter Schluderschlucker.
    Äß ich alles ohne jenen,
    Säh’s hier jedenfalls nich‘ nach een
    Von schneeigen Teint bestäubten Haupt aus,
    Überhaupt, Maus: wären Stirn und Kinn, die Bäckchen,
    Ebenso mein Anoräkchen
    Nicht gleich herbstlaubbedeckten Alleen,
    Durch die weiche Häuche die Schneeflocken weh’n.

    Insbesondere bei Waffeln
    Ist’s kaum bis zum Mund zu schaffeln,
    Dass nichts von der Waffel fällt –
    Schafft’s dann mal ein Waffelheld,
    Wird sein „Puh!“ das Pu bepusten
    Und der Zuck erzwingt ein Husten.

    Schon ist nach ’nem kurzen Flug er
    Ganz bedeckt von Puderzucker.


  • Flughafen Riem & das eintausendvierhundertste Gedicht

    Flughafen München Riem Abflughalle heute

    Reingefallen!

    Du wusstest es, oder? Die Welt galt der Planung
    Einer Großüberraschung für dich!
    Du verneinst das zu schnell, als wär da keine Ahnung,
    Durch die ein Gewissheitshauch strich.
    Du trichtertest dir doch am Tresen oft ein:
    Das kann’s noch nicht gewesen sein!

    Nun hör der durchs Bühnenbild Huschenden Tuscheln,
    Die selig sich in ihrer Vorfreude kuscheln –
    Was gab’s da nicht Blödes, an dem du genagt,
    Wie schön, wenn da gleich wer mit Löschtaste sagt:
    „Überraschung, Junge! Schau mal da:
    Hinterm Sarg – die Kamera!“

    Du hast dich wirklich gut geschlagen
    Und bist bei allem cool geblieben,
    Noch bis zuletzt fern vom Verzagen!

    Wir hab’n’s ja manchmal übertrieben –
    Doch wussten auch: Der kann was ab!

    Und jetzt erhol dich gut im Grab.


  • Unterwasser & das eintausenddreihunderteinundneunzigste Gedicht

    Venedig Blick gen San Marco

    Holz

    Ein Volk von Annodazumal
    Rammte hier einst Pfahl um Pfahl
    Tief ins sumpf‘ge Erdenreich,
    Dass der Stämme harte Leich‘
    Stütze eine ganze Stadt,
    Im Abgetauchtsein konserviert,
    Für Ewigkeiten einplaniert.

    Selbst den Mittelpunkt der Welt
    Hielt hier, wie es jetzt noch hält:
    Holz, dem aller Stolz gebührt,
    Nie von Sauerstoff berührt.
    Was sich oben abgespielt,
    Wer da was mit wem gedealt –
    Alles fand und fand nicht statt.
    Was oberflächlich int‘ressiert
    Ist immer schon recht bald krepiert.
    Doch ewig stählt das Meer den Thron
    Aus eingepfähltem Immerschon.


  • Lido di Jesolo & das eintausenddreihundertfünfundachtzigste Gedicht

    Lido di Jesolo Mainstreet

    Zu Gast in der Off-Season

    Der Urlaub hat jetzt Ferien
    Und niemand kommt hier her.
    Die zieh’n auf Netflix Serien
    Und nix zieht wen ans Meer.

    Der Nachtportier gießt jeden Sonntag die Pflanzen
    Und neigt dazu sich selbst im Spiegel zu grüßen.
    Es gibt so viel Raum aus der Reihe zu tanzen
    Und bis vor April wird man nicht dafür büßen.

    Die Vorhänge schreien: Wir haben geschlossen!
    Der Flair vom Entree übt das Barrikadieren,
    Besuchende werden mit Argwohn beschossen –
    Hier will vor April nichts und niemand passieren!

    So säumen den Ort, wo sonst Hunderte wohnen,
    Paläste von düsteren Schlüsselpatronen,
    Denen Nachsaisonkühle die Flure bereinigt,
    Bis dass kein Gebrunst mehr die Einsamkeit peinigt,
    Für die – insgeheim – diese Straßen geschaffen
    Als der Welt letztes WLAN-Netz-Schutzreservat,

    Das in dem Moment Parasiten begaffen
    Zur Planung von Kaper- und Brandschatzerfahrt
    Auf Buchungsportalen und in Katalogen,
    Weil man zur Erholung sich einnisten will.

    Derweil sind wir zwei durch die Gassen gezogen
    Und war’n im Gealber so unglaublich still.


  • Italienvorfreude & das eintausenddreihundertsiebenundsechzigste Gedicht

    Erinnerung an Mailand im Dez, Vorfreude auf Venedig im Feb

    Flaneure im Vorfrühling

    Hightech-Jogger, Kickboardrogger
    Outdoorblogger, Stubenhogger
    Turtelchöre, Amorteure
    unterschiedlichster Odeure/Gangartgrazienausgestaltung
    hochdruckhörig, upflamörig
    und vertieft in Unterhaltung

    Im Buggy brüllt die neue Brut
    Wetter prächtig, Stimmung juut
    Mancher zerrt sein Sonntagshündchen
    aus dem Trott der Gassi-Ründchen

    Kellner, stell die Tische raus
    Ich lass‘ heut die Jacke aus
    Frühling kommt. Na, wunderbar
    Duft aus Blütenkelchen
    Dies‘ Jahr schon im Februar
    ich weiß nich‘ mal, welchen


  • Zero Gravity & das eintausenddreihundertsechsundsechzigste Gedicht

    Die Ausstellung Zero Gravity in der ERES Stiftung Schwabing

    Gnadenhof

    Du reichst der Welt die fremden Federn,
    Mit denen sie sich schmückt.
    In Daunenkissen findet jeder ’n
    Kleinod, das ihn schmückt.

    Schon liegt dein Köpfchen wieder hart,
    Das hindert dich am Schlafen.
    Die hab’n dich hier aus Angst verscharrt,
    Du könntest wen entlarven.

    Zu gierig rupfen sie dein Hab
    Und geben keine Ruhe.
    Und schon verdächtigt sich ein Grab
    Wie zu bequeme Schuhe.

    Du musst – egal, wie alt er ist,
    Den Einspruch noch erheben.
    Du bist – egal, wie müd du’s bist,
    Halt immer noch am Leben.


  • Luitpoldpark & das eintausenddreihundertfünfundsechzigste Gedicht

    Sonnenuntergang über München vom Luitpoldpark

    Ripostegedicht zu „Für alle die im Herzen barfuß sind“ von Jan Skácel.

    Für alle die im Magen Schuhe tragen

    Allen, die im Magen Schuhe tragen,
    Gelingt das Leben arschlochleicht.
    Die müssen nicht ständig den Kröten entsagen –
    Egal, welch Quak man wohin laicht.

    Man muss sich nur drauf einigen,
    Ganz Stein zu sein – zur Not zum Schein.
    Schon sind die Ichs die deinigen,
    Gewährt dir Härte dein Verein.

    Wir sind von nichts zu stören.
    Wer bezichtigt uns der Lüge?
    Wer zwängt uns auf die Rüge?
    Barfüßig bargeldlose Gören!?

    Wir könn’n per 3D-Druck auch Stille gerieren,
    Wenn uns dünkt nach der Schulkinder Melancholie,
    Könn’n Schmetterlingsflügelchen repetitieren.
    Auf uns strahlt der Sommer! Und er endet nie.

    Der Fluss ergibt sich unsrer Yacht –
    Nur er wird untergeh’n.
    Denn alles fügt sich unsrer Macht –
    Nichts Weit’res bleibt besteh’n.

    Nun, wir gewähren den Dichtern den Raum im Gedicht,
    Ihr a-b-a, a-c-a-b.
    Denn uns, mei, int’ressiert er nicht.
    Geh schlafen, mein Dichter, nur geh!


  • Föhnaussicht & das eintausenddreihunderteinundsechzigste Gedicht

    Föhnblick auf München

    Mein München

    München, bist ein treuer Gaul,
    So lässig im Verlässlichsein,
    Zum Sorgen-Falten viel zu faul,
    Der Harm schweigt unermesslich klein.
    Du bist so unspektakulär,
    Dass es schon fast ein Ab-Grund wär,
    Drum quengelst du, s‘wär stetig Zeit
    Für‘n Prosit der Gemütlichkeit!
    Die Armut hast du fortgelobt
    Nach dorthin, wo das Leben tobt:
    Ins muffige Fell ewig steppender Bären,
    Die nur von eigner Blendung zehren.

    Die To-Do-List empfiehlt täglich: Kleeblätterschwenken
    Beim Sich-die-Welt-als-München-Denken,
    Da die Weisheit der Dummen, die Dummheit der Weisen
    In unsren Umlaufbahnen kreisen.

    Schwindelnd lege ich stoisch am Isarstrand an,
    So lang ich mir das leisten kann.


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