Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten

Wasser

Verse für die Phlegmatiker, denen man Wasser, Winter, Nacht, Baby- und Greisenalter zuordnet.
Die beschreibenden und erzählenden Gedichte.
Von der Naturlyrik bis zu allen Längenvarianten der Ballade.

Sollte Ihnen ein hier eingereihtes Gedicht eher den anderen Kategorien Erde, Luft oder Feuer entsprechen, bitte ich, mir eine Nachricht über www.hirnpoma.de zukommen zu lassen!


  • Pullach & das sechshundertzwanzigste Gedicht

    Maria in Pullach

    6:20 Uhr, nach Öffnen des Fensters

    Klammheimlich regt die Straße sich wieder
    grummelt halbverreckt dumpf erste Tramfahrtenlieder
    Mählich tastet heran früher Autoverkehr

    Irgendwer in der Schlucht brüllt sein gestriges Mäulig
    Der Rückfall ins Kissen, mein Gaumen schmeckt fäulig

    Noch immer voll, noch immer leer


  • Les Colombes & das sechshundertdreizehnte Gedicht

    Les Colombes in der Heilig Geist Kirche

    Von Herzen (doch im kleinen Rahmen)

    Ich kaufte meiner alten Mutter
    Eine Schaufel Taubenfutter

    Auch eine Traubenzuckertafel
    Verkraftete noch das Geburtstagsbudget
    Einschließlich eines – laut Packungsgeschwafel –
    Tagesbedarfes an Vitamin C

    „So“, sagte ich
    „Das ist beides für Dich!“

    Eine Schaufel voller Futter –
    Gutes, das auch Tauben schmeckt!
    Plus der Trauben Zucker, Mutter –
    Wo noch Vitamin drin steckt!

    „Ach, ich bat Dich doch nicht so viel auszugeben …!“
    Ich nick‘ nur mit Blick auf die Sachen, sag: „Eben!“


  • Grünwalder Forst & das sechshundertelfte Gedicht

    Gehege im Grünwalder Forst

    Die Anmut der Rehe als Menu

    Wir beschwärmen mit unsrer Debattengewandtheit
    Im Bahnhofs-McDonald’s die Anmut der Rehe
    Unser gieriger Schlingtakt der Fastfood-Verspanntheit
    Kontrastiert mit solch Makelentschlacktheit. „Ich sehe
    All die Paradomestiziertheit des Rehs
    Im Lichte der Dickichtverluste der Neuzeit!“
    Sprach ich zwischen Pommes und Du sprachst: „Ich seh’s
    Als ein Demutsorakel: Erkennt, dass Ihr scheu seid!“

    Jeder Burger-Belagbalg enthemmt sich ins Rutschen
    Und nötigt uns, Hände und Finger zu lutschen
    Wir saugen versonnen an Refill-Getränken
    Da wir still der Anmut der Rehe gedenken


  • HH in HH & das fünfhundertneunundneunzigste Gedicht

    Heinrich Heine am Hamburger Rathausmarkt

    Die Büste (Arm an Beinen)

    Der eher kleine
    Heinrich Heine
    Steht als Büste ohne Beine
    Da
    Müsste ohne Sockel schweben
    Oder aber
    Angedockt
    Fersennah am Boden kleben
    Hoffend, dass wer niederhockt
    Zwar
    Mein‘ ich, dass das jeder täte
    Wenn der Heinrich darum bäte
    So jedoch ist’s gar nicht nötig
    Durch den Sockeldienst erhöht sich
    Quasi wie von ganz alleine
    Beinbefreit
    Der Heinrich Heine


  • Weiherbach & das fünfhundertvierundneunzigste Gedicht

    Weiherbach bei Puchheim

    Seelenfrieden

    Hier schwappt es sich aus
    Das bekloppte Getue
    Mal murgelt das Blesshuhn
    Und mal gibt es Ruhe
    Es gurgelt ein Wellenversuch

    Da muss was im See sein
    Das atmet die Seel‘ ein
    Und fläzt sich zufrieden in Frottee und Tuch

    Und du sitzt daneben
    Schaust raus auf den See, denn
    Da blitzt immerzu etwas Sonne im Schwipp
    Tanzt dunkliger Glimmer
    Von tanigem Schimmer
    Allplanig galönzigt ein windhauchend Trip

    Und mulmig riecht die Kühle rüber
    Ein Natterich schlürft durch die Küber
    und Barkschmelz küsst die Leckenlipp

    Am Ufer von den Badeseen
    Entsperrt sich alles Grundversteh’n


  • St. Gilgen am Wolfgangsee & das fünfhunderteinundneunzigste Gedicht

    Helmut Kohl Park in St. Gilgen am Wolfgangsee

    Letzte Woche in St. Gilgen

    Einen Tag, bevor es alle taten
    Hab ich an Helmut Kohl gedacht
    Mich fragte in St. Gilgens Garten:
    „Was wohl der olle Kohl so macht?“

    Der Einheitsheld in Zweifelhaft
    Am Limit seiner Riesen-Kraft
    Bleibt wohl beleibt und unbeliebt
    Solang es ihn im Diesseits gibt

    Und erst nach seiner Erdenpein
    Wird er ein sehr Verehrter sein

    Das hat sich Kohl wohl auch gedacht
    Und prompt die Augen zugemacht


  • Weber & das fünfhundertvierundsiebzigste Gedicht

    Webervogel

    Unter Vögeln

    Ach, das ist ein schöner Zweig!
    Den schnäbel‘ ich schnell auf und zeig
    Ihn meiner kleinen Vögelfrau
    Die grad beim drögen Nesterbau
    Von highlight-loser Zeit gestresst
    Und ständigem Geäste-Test:

    „Passt das von Ton und der Couleur
    Zu unsrem Wohnungsinterieur?
    Ist’s einzufügen, einzubinden?
    Wird er dies Stückchen Stöckchen finden
    Das in das Nest am besten passt?!“

    „Was hälste denn von diesem Ast?“

    Ich leg ihn vor ihr hin und schweig
    Schon stöhnt sie: „So ein schöner Zweig …!“


  • Gris Gris & das fünfhundertachtundsechzigste Gedicht

    Gris Gris Küste

    Des morgens im Ferienort

    Der Frieden im Fell der streunenden Hunde
    Ist noch beugsam wie langsames Licht
    Nur ich dreh ’ne weniger ziellose Runde
    Durch all das Gebiet, das noch Alles verspricht

    Mein „Good Price!“-Kumpan macht noch gar keine Anstalt –
    Ein Solarenergie-unbetanktes Reptil
    An dem noch der Druck eines Tages-Solls abprallt
    Noch kennt seine Jagd nach Int’resse kein Ziel

    Die Straße, entschleunigt vom zähen Erwachen
    Die Sonne brennt zärtliches Huschen in mild
    Zwei Kunstpausen später verkrampft sich das Bild
    Und vor uns: des Tages geöffneter Rachen


  • Teilweise & das fünfhundertsiebenundfünfzigste Gedicht

    Steiff-Landschaft in Rothenburg ob der Tauber

    Die Zehennagelkante

    Meine Zehennagelkante
    Ist ’ne ferne Anverwandte
    Derer habe ich gleich zehn
    Hab sie alle mal geseh’n

    Sind die Nägel mir zu lang
    Kapp ich sie auf Neuanfang
    Schnipp-schnapp-ab – schnell abgefertigt
    Werf ich alle in den Kehricht

    So entstehen
    An den Zehen
    Statt der ollen, nun verbannten
    Tolle neue Nagelkanten


  • Osterbrunnen & das fünfhundertvierundfünfzigste Gedicht

    Osterbrunnen in Rothenburg ob der Tauber

    Restlos Ostern

    Zu Ostern lobt der Thorsten statt
    Bravo-Popstern-Posterstars
    Fest und brav den Osterhas‘

    „Es ist“, döst Thorsten, restlos satt
    „Ein volles Nest mit bunten Eiern
    ’n toller Grund, ein Fest zu feiern!“


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