Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten

Wasser

Verse für die Phlegmatiker, denen man Wasser, Winter, Nacht, Baby- und Greisenalter zuordnet.
Die beschreibenden und erzählenden Gedichte.
Von der Naturlyrik bis zu allen Längenvarianten der Ballade.

Sollte Ihnen ein hier eingereihtes Gedicht eher den anderen Kategorien Erde, Luft oder Feuer entsprechen, bitte ich, mir eine Nachricht über www.hirnpoma.de zukommen zu lassen!


  • Grünwalder Forst & das sechshundertelfte Gedicht

    Gehege im Grünwalder Forst

    Die Anmut der Rehe als Menu

    Wir beschwärmen mit unsrer Debattengewandtheit
    Im Bahnhofs-McDonald’s die Anmut der Rehe
    Unser gieriger Schlingtakt der Fastfood-Verspanntheit
    Kontrastiert mit solch Makelentschlacktheit. „Ich sehe
    All die Paradomestiziertheit des Rehs
    Im Lichte der Dickichtverluste der Neuzeit!“
    Sprach ich zwischen Pommes und Du sprachst: „Ich seh’s
    Als ein Demutsorakel: Erkennt, dass Ihr scheu seid!“

    Jeder Burger-Belagbalg enthemmt sich ins Rutschen
    Und nötigt uns, Hände und Finger zu lutschen
    Wir saugen versonnen an Refill-Getränken
    Da wir still der Anmut der Rehe gedenken


  • HH in HH & das fünfhundertneunundneunzigste Gedicht

    Heinrich Heine am Hamburger Rathausmarkt

    Die Büste (Arm an Beinen)

    Der eher kleine
    Heinrich Heine
    Steht als Büste ohne Beine
    Da
    Müsste ohne Sockel schweben
    Oder aber
    Angedockt
    Fersennah am Boden kleben
    Hoffend, dass wer niederhockt
    Zwar
    Mein‘ ich, dass das jeder täte
    Wenn der Heinrich darum bäte
    So jedoch ist’s gar nicht nötig
    Durch den Sockeldienst erhöht sich
    Quasi wie von ganz alleine
    Beinbefreit
    Der Heinrich Heine


  • Weiherbach & das fünfhundertvierundneunzigste Gedicht

    Weiherbach bei Puchheim

    Seelenfrieden

    Hier schwappt es sich aus
    Das bekloppte Getue
    Mal murgelt das Blesshuhn
    Und mal gibt es Ruhe
    Es gurgelt ein Wellenversuch

    Da muss was im See sein
    Das atmet die Seel‘ ein
    Und fläzt sich zufrieden in Frottee und Tuch

    Und du sitzt daneben
    Schaust raus auf den See, denn
    Da blitzt immerzu etwas Sonne im Schwipp
    Tanzt dunkliger Glimmer
    Von tanigem Schimmer
    Allplanig galönzigt ein windhauchend Trip

    Und mulmig riecht die Kühle rüber
    Ein Natterich schlürft durch die Küber
    und Barkschmelz küsst die Leckenlipp

    Am Ufer von den Badeseen
    Entsperrt sich alles Grundversteh’n


  • St. Gilgen am Wolfgangsee & das fünfhunderteinundneunzigste Gedicht

    Helmut Kohl Park in St. Gilgen am Wolfgangsee

    Letzte Woche in St. Gilgen

    Einen Tag, bevor es alle taten
    Hab ich an Helmut Kohl gedacht
    Mich fragte in St. Gilgens Garten:
    „Was wohl der olle Kohl so macht?“

    Der Einheitsheld in Zweifelhaft
    Am Limit seiner Riesen-Kraft
    Bleibt wohl beleibt und unbeliebt
    Solang es ihn im Diesseits gibt

    Und erst nach seiner Erdenpein
    Wird er ein sehr Verehrter sein

    Das hat sich Kohl wohl auch gedacht
    Und prompt die Augen zugemacht


  • Weber & das fünfhundertvierundsiebzigste Gedicht

    Webervogel

    Unter Vögeln

    Ach, das ist ein schöner Zweig!
    Den schnäbel‘ ich schnell auf und zeig
    Ihn meiner kleinen Vögelfrau
    Die grad beim drögen Nesterbau
    Von highlight-loser Zeit gestresst
    Und ständigem Geäste-Test:

    „Passt das von Ton und der Couleur
    Zu unsrem Wohnungsinterieur?
    Ist’s einzufügen, einzubinden?
    Wird er dies Stückchen Stöckchen finden
    Das in das Nest am besten passt?!“

    „Was hälste denn von diesem Ast?“

    Ich leg ihn vor ihr hin und schweig
    Schon stöhnt sie: „So ein schöner Zweig …!“


  • Gris Gris & das fünfhundertachtundsechzigste Gedicht

    Gris Gris Küste

    Des morgens im Ferienort

    Der Frieden im Fell der streunenden Hunde
    Ist noch beugsam wie langsames Licht
    Nur ich dreh ’ne weniger ziellose Runde
    Durch all das Gebiet, das noch Alles verspricht

    Mein „Good Price!“-Kumpan macht noch gar keine Anstalt –
    Ein Solarenergie-unbetanktes Reptil
    An dem noch der Druck eines Tages-Solls abprallt
    Noch kennt seine Jagd nach Int’resse kein Ziel

    Die Straße, entschleunigt vom zähen Erwachen
    Die Sonne brennt zärtliches Huschen in mild
    Zwei Kunstpausen später verkrampft sich das Bild
    Und vor uns: des Tages geöffneter Rachen


  • Teilweise & das fünfhundertsiebenundfünfzigste Gedicht

    Steiff-Landschaft in Rothenburg ob der Tauber

    Die Zehennagelkante

    Meine Zehennagelkante
    Ist ’ne ferne Anverwandte
    Derer habe ich gleich zehn
    Hab sie alle mal geseh’n

    Sind die Nägel mir zu lang
    Kapp ich sie auf Neuanfang
    Schnipp-schnapp-ab – schnell abgefertigt
    Werf ich alle in den Kehricht

    So entstehen
    An den Zehen
    Statt der ollen, nun verbannten
    Tolle neue Nagelkanten


  • Osterbrunnen & das fünfhundertvierundfünfzigste Gedicht

    Osterbrunnen in Rothenburg ob der Tauber

    Restlos Ostern

    Zu Ostern lobt der Thorsten statt
    Bravo-Popstern-Posterstars
    Fest und brav den Osterhas‘

    „Es ist“, döst Thorsten, restlos satt
    „Ein volles Nest mit bunten Eiern
    ’n toller Grund, ein Fest zu feiern!“


  • Moohr & das fünfhundertdreißigste Gedicht

    Algen in Venedigs Lagune

    Wieder einmal beginne ich die Gedicht-Woche mit einem Ripostegedicht, das sich die Zuschauer meiner Lesebühne Poetry & Parade gewünscht haben. Diesmal eine erotischer Remix von Annette von Droste-Hülshoffs „Der Knabe im Moor“.

    Das Knabbern am Ohr

    O kau ich dir am Ohr, ist’s schön,
    Wenn es knistert im Speichelschaume,
    Schlucklaute über dein Trommelfell dröh’n
    Und die Zunge entspringt ihrem Zaume,
    Unter jedem Schleck ein Quellchen springt,
    Wenn’s rund um dein Ohrläppchen zischt und singt,
    O kau ich dir am Ohr, ist’s schön,
    Wenn ein Röhren flüstert vom Gaume‘!

    Fast hold vor Liebe, erzittert das Kind;
    Nun trennt es vom reinen Behage
    Die Frage, wie ehrlich die Absichten sind –
    Hat das Schleckermaul nicht eine Raubtiervisage?
    Hat denn jemals gebändigt das Menschengeschlecht
    Jenen Trieb, für den meistens ein Beutetier blecht?
    „Duhu …bist sicher nicht bissreflexblind?!
    Nicht schlucken! Nur knabbern und nagen!“

    Vom Kiefer starret Gestumpf hervor,
    Das heimlich giert nach Gehöre,
    Als Knabberei verschwand manch Ohr
    Durch Riesenhungers Begehre;
    Und wie fies es tief im Rachen spricht:
    „Ohrmuscheln sind mein Leibgericht!“
    Da bleckt der Backenzähnechor,
    Da späht die Speiseröhre!

    „Ohr dran, Ohr dran!“ so wimmert es laut,
    „Ohr dran – ach, ich will doch noch hören!
    Mit wenig Genuss wird solch Knorpel verdaut,
    Sein Fleisch will kein Mund gern verzehren!“
    Erst lippengebändigt, hebt sich das Visier;
    Da blitzt des Schneidezahns Ungetier,
    Das in diebischer Absicht den Ohrrand bekaut –
    Der will noch Papillen betören!

    Da birst’s im Ohr, den Löffel zerrt’s
    Herein in die klaffende Höhle;
    Schon rutscht’s vom Zahndamm magenwärts:
    „Ho, ho, hinein in die Kehle!“
    Der Knabberer schlingt wie im rohen Wahn;
    Wehrhaft trutzt das Kind dem nahen Zahn,
    So befreit es die Kraft des sich sperrenden Pferds
    Und gewährt, dass kein Ohr an ihm fehle.

    Da endlich Grunz-Erotik wich
    Der bübischen Zärtlichkeits Weide,
    Die Leidenschaft stimmt heimelig,
    Der Knabberer steckt in der Scheide.
    Tief atmet er auf, zum Ohr zurück
    Doch dorthin zieht’s ihn echt kein Stück:
    Denn am Gehör schmeckt’s fürchterlich,
    Und schaurig war’s für sie beide!!


  • Nebenkanäle & das fünfhundertsechsundzwanzigste Gedicht

    Venedig Kanäle

    Venedig

    Dieser trubelversandende Abzweig führt
    Als einer wie andre zum Anschein vom Fernab
    Maskiert als ein Fleck, der galant unberührt
    Hier wechselt die Strömung nach „wie ich’s grad gern hab!“

    Schon ist der Kanal nur noch Spiel mit der Ruhe
    Und schwappt so gelinde zum Klappern der Schuhe

    Man irrt wie auf Ansage durch diese Gassen
    Die wirken wie gleichsam verirrt in die Stadt
    Gespurt über solch atmosphärende Trassen
    Ist man vielleicht skeptisch, doch sicher nicht satt!


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