Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten

Wasser

Verse für die Phlegmatiker, denen man Wasser, Winter, Nacht, Baby- und Greisenalter zuordnet.
Die beschreibenden und erzählenden Gedichte.
Von der Naturlyrik bis zu allen Längenvarianten der Ballade.

Sollte Ihnen ein hier eingereihtes Gedicht eher den anderen Kategorien Erde, Luft oder Feuer entsprechen, bitte ich, mir eine Nachricht über www.hirnpoma.de zukommen zu lassen!


  • Puerto Viejo & das vierhundertneunundsechzigste Gedicht

    image

    Salzstreuer

    Länder, in denen der Salzstreuer bockt
    Haben die richtige Feuchte
    Die sorgt dafür, dass alles Rieseln verstockt
    Das sich ob der Streulöcher deuchte

    Doch jedes Loch ist zugeklebt
    Wie rüttelnd und schüttelnd man auch danach strebt
    Die eben servierten huevos zu würzen

    Es lässt sich der Vorgang insoweit verkürzen
    Dass man des Streuers Schraubverschluss
    Zwecks Pökelung benutzen muss
    Um dann mit seinen Fingerspitzen
    Zwei, drei Kristalle zu stibitzen
    Die zugedeckt von altem Reis
    Der darlegt, dass man durchaus weiß
    Ob hiesigen Kränkelns vom Streuergerät
    Aber hier geht’s vor allem um Identität:

    Denn immer, wenn der Streuer bockt
    Bist du in einem von wenigen Ländern
    In die uns ein Stück Paradiesnähe lockt

    Weshalb sollt‘ da irgendwer je was dran ändern?

    Wo die Sinne mit all ihren Züngelchen schnalzen
    Erträgt man sein Rührei auch leidlich gesalzen!


  • Hörnchen & das vierhundertfünfundsechzigste Gedicht

    Costa Rica Eichhörnchen

    Wem man so alles beim Spazieren begegnet. (Übrigens auch einem Dreizehenfaultier, aber das Foto ist schlechter)

    Faulkatzl

    Wer flitzt denn da ins Eichhornloch
    Völlig auf Adrenalin?
    Der Herr Oachkatz wollte doch
    Schon letztes Jahr entzieh’n?!
    Bist du noch immer komplett unter Speed!?
    Klar, hektische Flecken are all that we need!

    Kannst du dort das Faultier sehen?
    Das da hängt an zwei, drei Zehen
    Und denkt: „Gott, was macht der da?
    Hallo Brudi, komm mal klar!
    Man ist eh nie schnell genug!
    Sich so hetzen – Selbstbetrug!“

    Das ist wie du ein Säugetier
    Und deines Absturz‘ Zeuge hier
    So nimm dir zum Vorbild und Ziele je-
    Mand aus der Familie!


  • Jardín Botaníco Lankaster & das vierhundertneunundfünfzigste Gedicht

    Jardín Botaníco Lankaster

    Von Diven und Dienern

    Beim Anblick der Pracht in botanischen Gärten
    Mag sich wohl bei manchem der Eindruck erhärten
    Der Natur Gestaltungskraft
    Sei doch eher stümperhaft

    Denn erst durch der Menschenhand fördernde Güte
    Gelangt so ein Pflanzbestand wirklich zur Blüte

    Mit dem, was wir da kultivieren
    Darf sich dann die Natur verzieren
    Die selbst ja nur das Wuchern kennt
    Nicht zwischen Wuchs und Unwuchs trennt

    Es könnt‘ ihre Schönheit doch gar nicht besteh’n
    Würd‘ sie nicht auf unsere Baumschulen geh’n


  • Orosital & das vierhundertachtundfünfzigste Gedicht

    Orosital

    Immergrünus tropicans

    Nimmersatte Pflanzen quengeln:
    „Regen! Regen!“ und „Mehr Licht!“
    Drum sagt Petrus seinen Engeln:
    „Morgen wieder Extraschicht!“

    Es gibt in den Tropen stets doppelt viel Wetter
    Es ist auch der Regen hier irgendwie netter


  • Irazu & das vierhundertsechsundfünfzigste Gedicht

    Irazu

    The World according to Garland & Mey

    Somewhere over the Rainbow und über den Wolken
    Ist die Freiheit sich nicht einmal ihrer bewusst
    Ganz unbeschwert wird sie hier täglich gemolken

    Jemand schrieb auf den Schemel – ironisch -: „Du musst!“


  • Roland & das vierhundertfünfundvierzigste Gedicht

    Roland Bremen

    Der Tänzer

    Herrmann, mann, frag mich!
    Herr, das ertrag ich
    Keinen Tanztee länger!
    Du alter Rattenfänger
    Wie kannst du es wagen
    Grad mich nicht zu fragen?!
    Wann wählst du mich aus
    Als rattige Maus?

    Wir lassen’s all die andren seh’n
    Wenn wir uns dann im Tanze dreh’n!
    Wie fiebrig sie schelten
    Aus schmerzlich verprellten
    Nassen Tanzteephantasien
    Die nur als Chance vorüberzieh’n!

    „Was schmeißt sich denn die Grande Madame
    An diesen Gecken Hermann ran?!
    Hat sie denn kein Gramm Stolz im Bauch?!“

    Ich muss gesteh’n, so dacht‘ ich auch

    Und denke es vielleicht noch länger
    Fragst du mich nicht, du Rattenfänger


  • Nikolaus & das vierhundertneununddreißigste Gedicht

    Isarwehr

    Ripostegedicht zu „Knecht Rupprecht“ von Theodor Storm, dessen abschreckende und erzieherische Wirkung über die Jahre etwas einzusacken droht.

    Magd Knappragd

    Magd Knappragd hieß das böse Vieh
    Ihr Defizit an Empathie
    Empfahl sie schon früh
    Als mit echtem Vergnü-
    Gen züchtigend prügelnde Knechtassistentin
    Obschon ’s Gottes Sohn echt krass empfand, wenn sie’n
    Sperriges Gör mit dem Schlagring bedrohte
    Es hieß: „Bei der Knappragd gibt’s irgendwann Tote!“

    Wo der Rupprecht sich manchmal das Schlagen erspart‘
    Blieb die Strafe der Magd immer unverzagt hart
    Sie nahm mit ihren ehernen Prügel
    Die Unartigkeit wahrhaft stramm an die Zügel
    Auch entlockten ihr weder Gejammer noch Tränen
    Je mehr als ein zähneentblößendes Gähnen
    Geriet auch mancher Schaden groß
    Die Magd blieb standhaft gnadenlos

    Es müssen, ganz klar, im beruflichen Leben
    Grad gewalterzieh’nde Frauen
    Selbstlos immer alles geben
    Und doppelt hart wie gerne hauen

    Doch es mehrten sich erstmals auch kritische Stimmen
    Dass der Chor der Schmerzensschreie
    Vom schändlich adventlichen Blagen-Vertrimmen
    Unser Weihnachtsfest entweihe …

    Jahrs drauf – da war autoritär
    Plötzlich nicht mehr populär
    So dass Magd Knappragds Boss beschloss
    Nicht fortzufahren wie bisher
    So sehr man’s jahrelang genoss
    Der Weihnachtsmarkt gäb’s nicht mehr her
    Man dürfe die Trends unsrer Zeit nicht verschlafen
    Und der Nachfragerückgang an härteren Strafen
    Sei so eklatant
    Dass man letztlich befand
    Im Züchtigungssektor ’ne Stelle zu streichen
    Denn eine Kraft würde da allemal reichen
    Wenn in dieser Phase der Harmonie
    Hier jemand zu viel ist, so sicher doch sie

    Magd Knappragd, die ja nücht mehr jung
    Verstand sich nur auf Züchtigung
    Bald machte man ihr klar, sie war
    Nicht anderwärts vermittelbar

    So musst‘, da die joblosen Tage sich jährten
    Ihr hartes Herz noch mehr verhärten

    Und neue Kinder kam’n ins Land
    Gewannen gar die Oberhand
    Kaum abgeworfen von den Storchen
    Wollten die nicht mehr gehorchen
    Knecht Rupprecht, der alleine war
    Fühlt‘ alsbald sich ’nem Burn-Out nah
    Er rief: Ey, Christkind, überreiz
    Hier nicht die Geschichte vom heiligen Geiz!
    Diese Gör’n sind so blöd wie verhaltensstur
    Kackfrech, gierig und entgrenzt im Verhalten
    Hey, wir hab’n doch grade Konjunktur!
    Und die Zeit, einen Stellenausbau zu gestalten
    Um dann zu vollbring’n, was die Eltern nicht schafften
    Die Satansbräten zu entsaften
    Jene vorlauten Paschas mit ADHS
    Die quenglig-verwöhnte „ich mag nicht“-Comtesse
    Die – so wie DU! – egomanisch verdorben!

    Nun, Magd Knappragd hat sich auf die Stelle beworben …


  • Sekundenschlaf & das vierhundertsechsunddreißigste Gedicht

    Großhesseloher Seeufer

    Schlaf im Zug

    Es rinnt die verbindliche Mittagsschlafschwere
    Ins immergrüne Hirn hinein
    Ich taumle in Gedankenleere
    Unbeweglich wie ein Stein

    Für Sekunden, immer wieder
    Senken sich die Augenlider
    Und es blitzt ein anschleichleiser
    Kurzgeschluckter Appetizer
    Der sündig gefüllten Tresore von Schlaf
    Die sich halbzertrümmert von Nachholbedarf
    Doch erst später öffnen lassen
    Zum juchzgestöhnten „Essen fassen!“

    Ich trinke derweil einen brüsken Kaffee
    Und winke fürs Erste der Wohltat in spe


  • Bodenseenebel & das vierhundertdreiunddreißigste Gedicht

    Bodensee bei Bregenz

    Morgennebel

    Der See ist über die Ufer getreten
    Und lichtstrahlberaubt hört man flüchtiges Beten
    Der Anraineralten und andren Gestalten
    Die superheldsehnend die Fingerchen falten:

    „Ihr, die Ihr das Nichtzuvollbring’nde vollbringt
    Schier unüberwindbare Gegner bezwingt
    Ihr Verfechter und Rächer des Guten auf Erden –
    Mögt ihr uns nicht helfen, den See loszuwerden?“

    Doch all die Gebete zerwabern im Nebel
    Der dräuend über allem hängt
    Der See steckt bedrückend in all dem Geschwebel
    Das täglich auf die Ufer drängt

    Darunter fleh’n sterbende Seelen: „Mehr Licht!“
    Doch nichts dringt nach draußen, der Nebel hält dicht


  • Leaving Liechtenstein & das vierhunderteinunddreißigste Gedicht

    Vaduz Städele

    Liechtenstein

    Bist ein Hort von Schokoladenseiten
    Mit ’nem durchgangsverkehrten Pain in the Ass
    Und Horden von Japanern gleiten
    Von „Willkommen in Liechtenstein!“ bis zum „Das war’s.“
    Und stößt du auch ständig an deine Grenzen
    Dazwischen spielst du Zampano!
    Tust tausend Museen und Skulpturen kredenzen
    „Das muss doch teuer sein …?!“ „Iwo.“

    Land der Bauern und Bänker und protzigen Kirchen
    Bist eigentlich ja nur ein Tal …
    Deiner Sorglos-Gelecktheit gedenk ich beim Bierchen
    Als drohte ein „Es war einmal …“


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