Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 37 Länder auf 5 Kontinenten

Einakter

Alles, was zwölf Zeilen überschreitet.


  • Castel San Pietro & das eintausendvierte Gedicht

    Blick auf Castel San Pietro

    Die aufgegebene Fabrik

    Die aufgegebene Fabrik
    Flüstert immer noch Worte wie Kapazität
    Auslastungsgrad oder Marktpotential
    All die Willenskraft schwebt im Jahrhundertaspik
    Und gerät in die Strömung vom Nu-is-egal

    Des Gebäudes Geschichte ist längstens geschrieben
    Und ein Mörtelstrang ragt aus der Wandnostalgie
    Die Arbeit ward aus den Maschinen vertrieben
    Und harrt auf den Neustart – ich wüsste nicht wie

    Geschulterte Vermächtnisse
    Ruh’n in unsteten Schreinen der Handlangerei
    Untradiert über ein Handmanual
    Doch die Fertigkeit stummer Gedächtnisse wiegt
    Nur im Hain alter Mauern noch resthaft real

    Wie den Eifer und Schliff noch im Guten vergeuden?
    Allen Unterschied, den bald schon niemand mehr merkt?
    Du wirkst für die Aura von toten Gebäuden
    Und wirst von den Damalssekunden gestärkt


  • London revisited & das neunhundertvierundneunzigste Gedicht

    In der Tate Modern

    Todschick

    An der Schwelle zum Alter empfing mich der Tod
    Mit „Kann ich Ihnen behilflich sein?“
    In der Fremde oft schnell in Erklärungsnot
    Gelang mir zur Antwort ein griffiges „Nein,
    Ich schaue mich vorerst hier nur etwas um.“
    (Und brauch dazu kein Publikum!)

    „Aber gerne!“, entgegnete denkbar devot
    Und von Dienstleistungseifer beseelt
    Der fortan nicht mehr von mir weichende Tod
    „Sie melden sich, wenn Ihnen irgendwas fehlt?
    Wir hab’n jede Krankheit von Krebs bis Katarrh
    Auch noch in andren Größen da!

    Und ich weiß ja, man zögert es gerne heraus
    Auch Ernsthaftes mal zu ertragen
    Doch schlussendlich ist’s ja für viele im Haus
    Die letzte Chance etwas zu wagen!
    Das Leben ist kurz – heißt das elfte Gebot!“
    Bekräftigte nochmals wie freundlich der Tod

    Und obschon ich ihn anfangs mit Argwohn beäugt
    Fühlt‘ ich mich auch etwas geborgen
    Er hat schon Millionen von sich überzeugt
    Und erlöst von der Last aller Sorgen

    Also ging ich zur Probe
    In seine Garderobe
    Nahm mir das nächste Stück und fand
    Dass dieses mir schon prächtig stand
    Wie jedes Stück der Kollektion –
    Das ist vielleicht des Alters Lohn

    An der Schwelle zum Alter empfing mich der Tod
    Und machte mir ein Angebot
    Mir war bis dato gar nicht klar
    Wie nahe ich ihm da schon war


  • Davos revisited & das neunhunderteinundachtzigste Gedicht

    Davos Parsenn

    Das Hoch

    Noch brennt uns der Sommer ins Narkosement
    Doch wir können das Wetter nicht halten
    Nur loses Gewölk bandagiert den Verstand
    Der Blick in die Sonne wirft Falten

    Es sei unsre Welt seit Äonen geheilt
    Heißt feist uns der Trägheit Versprechen
    Der Nachschub wird uns in den Mund abgeseilt
    Wen scheren da künft’ge Gebrechen?

    Noch dümpelt der Zweifel von nirgendwo her
    Es zerdrückt ihn die Schwere der Hitze
    Wir fläzen uns bäuchlings zum Durchgangsverkehr
    Verarbeiten all das Geschwitze

    Die Sonne brennt uns in narkotisches Glück
    Als vergäße die Welt sich zu drehen
    Die Temperatur findet immer zurück
    Und bleibt gern an Nullpunkten stehen


  • Chicago revisited & das neunhundertsechsundsiebzigste Gedicht

    Chicago Straßenflucht mit U-Bahn

    Ripostegedicht zu „Erinnerung an die Marie A.“ von B. Brecht

    Erinnerung an den Bertolt B.

    Es war nicht September, er war auch kein Sommer
    Auch war er zu sehr in sich selbst verliebt (Komma)
    Um mir irgendnäh’re Beachtung zu schenken
    Da musst er die Fakten in Lyrik ertränken

    Nie war ihm all das Angefasse
    Nur Fron triebgesteuerter Profanität
    Alles half der Befreiung der Arbeiterklasse
    Die ihn angeheuert als Verse-Athlet

    So bölkte er, als er mein Höschen entfernte
    „Bauer auf, zur Pflaumenernte!“
    Bei dem Brecht-Techtelmechtel erkannt ich zu spät
    Seinen Fetisch proletischer Fertilität

    Sieben Kinder!? Bertolt, ernsthaft: sieben!?
    Es ist wie erwartbar, bei einem geblieben
    Denn mehr gab trotz Geschlechtsverkehr
    Mein Job als Stewardess nicht her …

    Oh, ich wär ihm als Näherin lieber gewesen
    Ein Zwangslieferant sozialistischer Thesen
    Unser Liebesnest hat er dann ländlich geschildert
    Und mit einer Wolke noch schwülstig bebildert

    Nun, das einzige Luftspiel – ich erwähn es mal kurz
    War ein mir beim Geschlechtsakt entglittener Furz
    Über den, lacht‘ er, müsst‘ er doch irgendwas schreiben …
    Damals hoffte ich noch, Bertolt, du ließest es bleiben!


  • Oasen & das neunhundertsiebzigste Gedicht

    Bergflora

    Substrat des Überragenden

    Tödlich grau
    Im Nahbeschau
    Ist der Fetisch
    Majestätisch
    In die Höhe rag’nder Gipfel
    Sehr gewöhnlich
    Zeig’n die Höh’n sich
    Als von kleinen
    Schottersteinen
    Üppigst überstreute Wipfel

    Die fanden sich schon auf den Straßen
    Eh unsre Lust auf Höh’n entfacht

    Wie oft hat das, was wir besaßen
    Ein neuer Standpunkt schön gemacht


  • Streifengnu & das neunhundertzweiunddreißigste Gedicht

    Streifengnus im Etosha Nationalpark

    Solidarität

    „Und sahet ihr auch Gnus?“ „Fürwahr,
    Auf unsrer Fahrt durch Afrika
    Da sahen wir auch Gnus!
    Und das in wahrlich großer Zahl!
    Auch blieb es nicht bei einem Mal …“
    „So oft sahet ihr Gnus?!“
    „Naja, wir hatten kein Wahl!
    Den meisten sind ja Gnus egal –
    Drum wundert fast Ihr anormal-
    Es Fragen nach den Gnus?!“
    „Ja, wissen Sie – ich bin so einer
    Nach dem fragt für gewöhnlich keiner
    Drum solidarisier‘ ich mich
    Mit einem Tier, das so wie ich!
    Dann frag‘ ich das Unfragenswerte
    Grad so, als ob es mich was scherte.“


  • Wasserbock & das neunhunderteinunddreißigste Gedicht

    Wasserbock in der Auas Lodge

    Begegnung im Busch

    Starr
    In War-
    Teposition
    Regungslos erregt
    Steh’n
    Wir konzentriert auf’s Seh’n
    Ob sich was bewegt
    Ich fixier‘
    Das fixe Tier
    Und werd‘ zurückfixiert
    Bis ein Zuck
    Vom Atemruck
    Sich ins Bild verirrt
    Der die Spannung seitwärts lenkt
    Und das Tier nach links versprengt

    Dennoch wurden heute hier
    Für der Augenblicke vier
    Von uns zwei jäh Aufeinandergeprallten
    Alle Uhren angehalten


  • Potsdamer Platz & das neunhunderteinundzwanzigste Gedicht

    Potsdamer Platz

    Potsdamer Platz (und ein, zwei Gedanken über eine Namensänderung)

    Potsdamer Platz, Potsdamer Platz
    Auf dich reimt sich eig’ntlich nur Kotzalarm, Schatz!

    Wie: „Ach, da schau ma‘ her, hey – das wusst‘ ich ja nich!“
    Mensch, Platz, dafür braucht’s auch ’nen Dichter wie mich
    Wie: „Toll, aber fällt dir nichts Schöneres ein?“
    Nun, Kotzalarm, Schatz! kann so schlecht ja nicht sein
    Impliziert doch der Reim: Da sind zwei, die noch fighten
    Für die Liebesbeziehung in schwierigen Zeiten

    „Mein Zielpublikum wird das wohl nicht so versteh’n …“
    Dann müssen wir beide am Endreim was dreh’n

    Hier kommt schon Teil Zwo: Gib Pföt’gen, Schatz!
    Und dich, dich nenn’n wa Klötgen-Platz!

    Einverstanden? „Ja, ok!“
    Ich glaub’s, wenn ich die Schilder seh’…


  • Kulturforum & das neunhundertzwanzigste Gedicht

    Kulturforum und Potsdamer Platz

    Spaghettieis (Die Konstanten des Lebens)

    Ein Teil deines Zaubers ist die Profanität
    Wenn nach lustlosem Scannen der Eisbecherkarte
    Vorm „Ach, das klingt auch lecker!“ klar wird: Zu spät!
    Denn bevor ich auf eigne Entscheidungen warte
    Heißt es: „Einmal Spaghettieis – ganz normal!“
    Drei Sorten zur Auswahl – klar, weiß ich, egal!
    Inmitten von hunderten Fruchtkreationen
    Die sich schon allein ob des Obstwertes lohnen
    Brütet kühl jener Standard ganz ohne Verkleidung
    Und die Wahl, die auf ihn fällt, ist keine Entscheidung

    Will: Dieses fädrig verwob’ne Vanillegekräusel
    Unter erbeerversüßendem Saucenbehang
    Und den weißschokoknackigen Fettzuckerstreusel!

    Ein mit meiner Kindheit verknoteter Zwang

    Und auf dem Grat zum Ewig Gerne
    Genieß ich, dass die tief im Kerne
    Eis geword’ne Sahne is
    Schon von der Haptik Leckerbiss!

    Doch ahn ich wohl, dass eines Tages
    Sitz ich in ’nem Café und wag es
    Am Standard vorbei etwas andres zu wählen

    Fortan wird auch dort dann die Auswahl mich quälen


  • Salzach & das neunhundertneunzehnte Gedicht

    Salzach bei Burghausen

    Ripostegedicht auf das Liebe-Brauen-Blumen-Ghasel von Hafis

    Ohne Titel

    Mir wird so blumig
    Wenn beharrlich
    Deine Wimpern klimpern
    In einem Bett aus Blütenblättern
    Wär’s jetzt schön zu p….
    Nein, also bitte, das sag ich jetzt nicht!
    Wozu willst du mich denn da zwingen, Gedicht!?
    Ich wollte mit Versen auf Daunenpantoffeln
    Bloß morgentauzärtlich betropfen
    Was von Blütenstaubstempeln zu Früchten gereift
    Im Wunsch, meine Liebste zu st…
    Ach, Mensch, dieses Reimen bringt mich noch in Verruf!
    Aber das bin nicht ich, der solch Anstöße schuf!
    Ich wollt‘ nur leis preisen
    Die Brauen der Braut
    Gleich dem Flockengewölk unterm stahlblauen Himmel
    Und mit meines Schöpfers unendlicher Gnad
    Frohlockt nun mein vorfreudigst bebender …
    Ach, vollkommene Ruh – da ich neben dir döse
    Benebelt vom rosigen Duft deiner …
    Ich will Schwüre in Rinden
    Von dir schwärmend ritzen
    Und unentwegt mit Sper… spr… …

    Warum nur trifft heut meine Reime
    Die volle Wucht der Unzuchtkeime?!
    Ich hatte ja wirklich nur Reinstes im Sinn!
    Alleine der Reim trieb mich immer wo hin!

    Nun füg dich meiner Absicht, du schlimmes Gedicht
    Benimm dich gefälligst – sonst schreib ich dich nicht!


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