Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten

  • Oscar & das fünfundsiebzigste Gedicht

    Oscar & das fünfundsiebzigste Gedicht

    Gedichtstau! Wer hätte das gedacht? Von der Ost-Tour am Wochenende schweben noch fast zehn Gedichte in der Warteschleife, aber die Nummer 75 soll doch ein Langtext sein – aus der neu entwickelten Reihe der Oscar-Balladen, die davon ausgeht, dass neue Balladenstoffe den optisch übermittelten Mythen entspringen könnten. Hier, mit optischem Rückblick auf den Mittagsspaziergang in der Sächsischen Schweiz am Freitag, Teil 1 der Ladies-Edition der Oscar-Balladen:

    Nina Sayers (Black Swan, Natalie Portman)

    Du bist der perfekteste Schwan, Nina!
    Stiebt auch ins Idyllne des Lebens Intrige,
    Bleibt Deine Verwandlung im Plan, Nina!
    So stirbst du denn schließlich im höchsten der Siege.

    Reut oder freut Dich das jähe Vergehen
    Einer, die von der Spitze ins Eis eingebrochen?
    Kannst Du Dich schon in ihren Fußstapfen drehen?
    Du bist ihnen emsig entgegen gekrochen.

    Kapp Dir knapp Deine Nägel in Mamas Nest,
    Denn das Rosa der Haut – es muss unzerkratzt scheinen.
    Eine Hand wird zur Kralle, sobald man sie lässt.
    Hör wie plüschentwachsene Stofftiere greinen:

    Da ist Blut in Deinem Schuh, Nina –
    Du bist nicht die Richtige für diese Rolle!
    Man sucht das Prinzesschen, doch Du, Nina,
    Bewahrst Deine bestens bewährte Kontrolle!

    Schaffst Du es, vom Ufer Dich abzustoßen?
    Gibst Du Dich hin dem schwarzen Kleid?
    Deine Lippen sie tragen die Farbe der Großen –
    Auf Kosten Deiner Ehrlichkeit.

    Sieh dort im Spiegel die Undankbarkeiten!
    Wo ist nur Mamas Mädchen hin?
    Möchtest Du Deinen Weg via Kränkung erstreiten,
    Entnabelt für den Neubeginn?

    Stetig verrät Dich der Schorf auf dem Rücken –
    Es nährt ihn die Zerrissenheit.
    Lässt der garstige Zwang sich durch nichts unterdrücken –
    Bist du wohl zu alldem zu wenig bereit!

    Königin könntest Du sein, Nina –
    Also öffne die Flügel fürs dunklere Ich!
    Im Nest war’s behaglich und rein, Nina –
    Nun entzieh Dich der Welt, die gewacht über Dich!

    Wart nicht auf ein Morgen im alten Leben!
    Alles, was jetzt geschieht, das entlockte Dein Ehrgeiz.
    Der hat Dir seit jeher Kontrolle gegeben,
    Doch nun liegt im Schwindel der Hingabe mehr Reiz.

    Spür das fedrig Leichte der Abgründigkeit,
    Neue Lust im Urinduft der Nachtclubtoilette,
    Treib ins Leben und zeig Dich zu allem bereit,
    Zerreiß Dir die Zeh’n für die Prachtpirouette,

    Die Deinen Durchbruch markiert, Nina –
    Und endlich entschwebst Du dem neidenden Reigen!
    Noch scheinst Du uns etwas blockiert, Nina?
    Du spürst die Verwandlung – kannst Du sie auch zeigen?

    Macht das Licht wieder an – hier wird noch geprobt!
    Denn die zweite Besetzung, sie steht immer bereit
    Und Ersetzbarkeit wird nicht vom Erdball gelobt.
    So gebär Deinen Zwilling und stell dich dem Fight!

    Gib niemals zu, dass der Druck Dich vernichtet,
    Sondern zwing dich, die Augen in Blut einzutauchen!
    Du hast Deine rosige Heimstatt vernichtet,
    Um als schwärzeste Schwänin zum Angriff zu fauchen.

    Da tropft Blut von Deinem Kleid, Nina!
    Dreh Dich wie im Trance zu des Publikums Tosen,
    Genieß es als Lohn für Dein Leid, Nina,
    Lass Dich von dem Beifallssturm zärtlich umkosen!

    Der Spiegelsplitter steckt in Dir.
    Doch du hast es gefühlt: Es war alles perfekt.
    Die ganze Welt steht Dir Spalier,
    Hat den flatternden Traum eines Lebens geschmeckt.

    Du warst der perfekteste Schwan, Nina –
    Doch wird Dein Triumph hier im Siege versiegen.
    Du hast Deine Chance nicht vertan, Nina –
    Das Sprungtuch, es fing Dich. Und nun bleibst du liegen.


  • Albertplatz & das vierundsiebzigste Gedicht

    Albertplatz & das vierundsiebzigste Gedicht

    Beim x-ten Dresden-Aufenthalt immer noch keinen Besuch des Kästner-Museums am Albertplatz eingebunden. Aber der Skulptur mit dem Zitat aus „Als ich kleiner Junge war“ einen kurzen Besuch abgestattet.

    Als ich ein kleiner Junge war

    Als ich ein kleiner Junge war
    Hab ich selbiges Buch Erich Kästners gelesen
    Der war zwar selbst schon nicht mehr da
    Und ist dennoch mir irgendwie nahe gewesen

    Solltest du, Bub, im Papier mal verweilen
    Da ich längst geworfen vom Rappen der Zeit
    Schnapp dir die Zügel der passendsten Zeilen
    Gib Spuren die Sporen, blick vorwärts und reit!


  • Dresden & das zweiundsiebzigste Gedicht

    Dresden & das zweiundsiebzigste Gedicht

    Der Slam in der Scheune Dresden. Top 3 der am häufigsten von mir besuchten Poetry Slams. Ab gestern Vergangenheit.

    Verlustig

    Heut hat im Gewühl auf den Brühlschen Terrassen
    Mich sang- wie auch klanglos die Wehmut verlassen
    Da stand ich nun plötzlich allein im Gewühl
    So elendig fröhlich, ganz ohne Gefühl


  • Brandenburg & das einundsiebzigste Gedicht

    Brandenburg & das einundsiebzigste Gedicht

    Ins Brandenburger Umland gefahren, zur wunderbaren Potshow. Für Potsdam selbst war dann keine Zeit – schaue ich mir nächste Woche an. Solch ein Kratzen an der Oberfläche soll dann auch nicht mit Tiefgründigem überreizt werden:

    Überfordert

    … kommt sich der Brandenburger Tor
    Beim Anblick einer Burka vor
    Weil immer, wenn er drunter schaut
    Die Braut ihm eine runterhaut


  • Pollock & das siebzigste Gedicht

    Pollock & das siebzigste Gedicht

    Berlin, Kunsthalle. Große Bilder, kleines Gedicht:

    Mural (6,039 x 2,429 m)

    Jackson Pollock packt seen Zollstock
    Streckt sich stolz von Eck zu Eck
    Sacht: „Zwofuffzich mal sechs Meter!“
    Steckt den Zollstock wieder weg


  • Berlin, zum Zweiten & das neunundsechzigste Gedicht

    Berlin, zum Zweiten & das neunundsechzigste Gedicht

    Berlin, zum zweiten Mal in fünf Tagen. Ich komme immer gerne in die alte Bruthöhle von sechs meiner Bücher. Aber ist man im Gegenzug eigentlich gern gesehen dort? Oder alles nur ein Missverständnis:

    Zur Harmonie des Missverständnisses

    Bewölkt bölkt der Himmel über Berlin:

    „Ey, hörs‘ schlecht, du Pimmel?! Du solls‘ dir verzieh’n!“

    „Ach, verzieh’n – hab ich dir doch schon längst!
    Obschon du mich ja manchmal kränkst.“


  • Göttingen & das achtundsechzigste Gedicht

    Göttingen & das achtundsechzigste Gedicht

    Göttingen. Nicht mehr im Anatomiesaal, sondern im Jungen Theater, dafür mit formschön geschnittenen Lichtspielen hinterm Vorhang.

    Gen Göttingen

    Gen Göttingen dringen die Finger der Götter
    Und wringen den Larynx der Götterverspötter


  • Niederhone & das siebenundsechzigste Gedicht

    Niederhone & das siebenundsechzigste Gedicht

    Schlüsselblume Niederhone. Hier war ich schon zu Gast beim ersten Poetry Slam, als die alte Metzgerei samt Gasthaus gerade frisch bezogen und alle Räume noch mit Retro-Trends setzenden Altlasten gefüllt waren. Zeugnis einer vergangenen Ära, die auch ihre Träume hatte.

    Das Zicklein

    Komm schnell aus dem Kasten der Standuhr hervor!
    Das Schicksal wird sich noch nicht heute entscheiden
    Zum Nachtisch entspannt sich der Konquistador
    Leichte Brisen berieseln die Knospen der Weiden

    Diese Stille ist trüglich
    Drum Kindchen vergnüg dich
    So lang noch der Schatten dem Tageslicht weicht
    Denn Später ist später
    Und das Glück ein Verräter
    Dessen seltsame Sippe den Dachsbau umschleicht

    Was heute selbstverständlich ist
    Verleugnet, dass es endlich ist

    Ein Stier hat die Tür unsrer Standuhr verriegelt
    Im Korridor steh’n lehmverkrustete Schuhe
    Ein Glockenschlag später ist alles besiegelt
    Und über den Wipfeln der Bäume herrscht Ruhe


  • Berlin & das sechsundsechzigste Gedicht

    Berlin & das sechsundsechzigste Gedicht

    Soloabend in Berlin. Leider zum letzten Mal im Corbo, das Ende April die Pforten schließen muss. Ein Anker weniger in der alten Heimat.

    So ist mir Berlin

    So ist mir Berlin doch ein andres geworden
    Vertrauliches staut sich vorm Abfluss der Nähe
    Will mich meine Stadt heut per Dresscode ermorden?
    Es bleibt mir verborgen, was ich hier gern sähe

    Man muss nicht erblinden
    Weil Dinge verschwinden
    Wärst du wieder hier
    Würdst du anderes finden

    Die Stadt heißt dich, brandneue Schätze zu heben
    Du stolperst, als müsst es die alten noch geben
    Die Gehwegplatten sträuben sich
    Schon gerät das Flanieren dir gegen den Strich

    So ist mir Berlin doch ein andres geworden
    Ob der Blick vom Balkon plötzlich unvertraut ist?
    Jede Nacht unterquert von der goldenen Horden
    Erneuertem Sog, hängt er da und vergisst


Die 272 Städte/Länder der Fotos (2016-2026)


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