Alter & Schmerz

Gedichte über das Älterwerden, den Lebensabend, Krankheiten. Und den Tod.

Zürichsee & das zweihundertsiebenundzwanzigste Gedicht

Zürichsee

Nach Dauerregen endlich wieder Ausgelassenheit am Zürisee.

Verweile doch!

Könnte das ewig so weiter gehen ...
So versperrte allein diese Möglichkeit
Den Blick auf die Brachen vom Nicht-mehr-Bestehen
Die wahre Benotung im Zeugnis der Zeit

Frankfurt & das zweihundertzweiundzwanzigste Gedicht

Frankfurt am Main. Fußgänger-Einflugschneise vom Bahnhof.

Frankfurt am Main. Fußgänger-Einflugschneise vom Bahnhof. Alt vs. Neu.

Auf der Bank

Wenn das Junge sich über das Alte erhebt
Und den ersten Geschmack seiner Reife erlebt
Gerät dies oft rauschhaft und unbalanciert
Was freilich im Eifer kein Schwein int'ressiert

Und doch müssen all die gewachsenen Bachen
Den berstenden Ferkeln stets Übermut machen
Ermuntern zum abermals nächsten Versuch
Bewundern: "Ja, hast du denn noch nicht genug!?"

Man war ja schließlich auch mal jung
Durchlebte jenen Überschwung
So selbstverliebt wie unverfror'n
Doch ging mit dem Haar auch der Ehrgeiz verlor'n

Nun, lasst uns die Jugend mit Nachsicht betrachten
Gleich wie man vordem uns getan
Wir rücken eins auf auf dem Bänkchen zum Schlachten
Und sie steht direkt hintenan

Schlosssaal Immenstadt & das zweihundertfünfte Gedicht

Schlosssaal Immenstadt

Die beeindruckenden Decken-Eindrücke vom Slam im Immenstädter Schlosssaal wirken nach:

Deckungskapital

Für meine bescheidene Renteneinzahlung
Bitte ich lieb um mehr Stuck und Bemalung
Von Alten- und Pflegeheim-, Krankenhausdecken!

Denn sollte ich dort dereinst zeitreich verrecken
Ängstigt mich, dass ich nur stur in weiße
Ödnis starre und denk: "Scheiße,
Hätt'st beizeiten du mehr eingezahlt
Für einen, der Decken bestuckt und bemalt!"

Wendelstein & das hundertsechsundachtzigste Gedicht

Wendelstein

Wendelstein, Mainstreet. Und wieso hörst du jetzt mit alldem auf?

Im Rückzug

Wandeln oder Wandern?
Mein Plan ward der der andern

Kurort & das hundertneunundsiebzigste Gedicht

Kurpromenade Baden-Baden

Abschied von Baden-Baden. Erholt, natürlich.

Kurpromenade

Alle wollen sich hier erholen
Hier erholen wollen sich alle
Alte toll'n herum wie Fohlen
Promenier'n mit frohem Schalle
Dass sich dran die Jungen laben
Solche Restzeit noch zu haben

Selig streckt sich der Spazierweg
Uns wohlgefällig das Altern zu mildern ...
Spröde Pragmatik nennt das vielleicht Irrweg

Doch krönt den Genuss ja sein Wird-nichts-Verhindern

Späte Ehren & das hundertvierundsechzigste Gedicht

Die Fantastischen Vier beim GEMA-Fest

Und noch ein Nachtrag zum 28-Jahre-auf-einen-Preis-Warten.

Sehr geehrte Juroren

Gebt mir die Preise, aber gebt sie mir leise
Es gibt jetzt nichts mehr zu bejubeln
Es ist nur Pietät, die euch elendig spät
Veranlasst, an mir Lob zu hudeln
Längst ist alles vergeben, doch nichts ist verzieh'n
Das, was ich mir verdiente, habt ihr nun verlieh'n

Schulslam & das hunderteinundvierzigste Gedicht

Sassari Gastronomieschule

Zum Schulslam in Sassari. Wilder Vormittag.

Noschonung

Entscheidungen, liebe
Jungen und Mädchen
Sind die adjustier'nden Rädchen
Die im Körperwuchse wohnen

Haut nur laut und stetig rein
Stellt sie ständig anders ein
Später bleibt noch so viel Zeit
Um sich in Beständigkeit
Für das, was man niemals erreichte, zu schonen

Franz Josef Strauß & das hundertfünfunddreißigste Gedicht

Helsinki Tervasaari

Am Flughafen hat man Zeit, aber keine neuen Fotomotive. Daher noch etwas Herziges aus Helsinki.

Leichte Ziele

Wie konnte euch DAS grad berühren?
Da lasst ihr euch zum Händewaschen
Ins frisch polierte Bad entführen
Mit prall gefühlten Jackentaschen!?

Ihr tänzelt satt
Ich seufze matt
Weil ihr im Punkt Ergriffenheit
So gänzlich glattgeschliffen seid

100 Tage & das hundertzweiunddreißigste Gedicht

Helsinki Achterbahn

100 Tage des neuen Jahres - und meiner Slam-Abschiedstour sind vergangen. Schnell, finde ich. Ein Foto aus Helsinki als Blick zurück.

Hundert, immer schon

Verwundert
Blick' ich auf die hundert
Nunmehr schon vergang'nen Jahre
Die ich im Gewirr der Strecken
Stimmungstiefen abzustecken
Durch die Republiken fahre

Vermindert
Gleichwohl ungehindert
Schleichen sich die Schlussakkorde
An die unverändert breiten
Hürden der Beständigkeiten
Fähig zum Tyrannenmord

Verwundet und vermint
Sind Weggefährten, Wege
Was nur dem Stillstand dient
Der tatverblassten Hege

Drei Monate & das hundertundfünfzehnte Gedicht

Wald Marienbad

Drei Monate der Abschiedstour sind rum. Bleiben noch neun Monate und keinerlei Gründe zur Trauer.

Drei von zwölf

Für nur ein Viertel Abschied vergieß ich keine Träne
Fünfundzwanzig Prozent? Also, ... nee!
Is' nich ma ein Drittel, errechne ich, gähne
Das dauert noch viel, viel zu lang, eh ich geh
Es zieht sich und zieht sich - wie ein Stalaktit, ich
Habe den Eindruck, es geht nicht vorbei
Die Hälfte der Hälfte - dann noch mal das selbe
Die Restzeit vergärt schon zur "Tschüss!"-Narretei

Und ist die erst geschluckt, kau ich weiter hier, gähne
Dann ist mir der Abschied doch längstens vertraut
So lasse - wie heute - ich ab von der Träne
Sei das Häuschen am Wasser für andre gebaut

Es fällt ein Abschied uns fast leicht
Wenn trotz der Zeit
Die Endlichkeit
Nie vollends der Bewusstheit weicht

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