Verse für die Phlegmatiker, denen man Wasser, Winter, Nacht, Baby- und Greisenalter zuordnet.
Die beschreibenden und erzählenden Gedichte.
Von der Naturlyrik bis zu allen Längenvarianten der Ballade.
Sollte Ihnen ein hier eingereihtes Gedicht eher den anderen Kategorien Erde, Luft oder Feuer entsprechen, bitte ich, mir eine Nachricht über www.hirnpoma.de zukommen zu lassen!
Und noch ein letztes lyrisches Mitbringsel aus Potsdam.
Im Garten
Das alles hier hatte mal einen Namen
Fest verstrebt pferchten Lettern den Grundbesitz ein
War’n dem Platz in der Welt jener nötige Rahmen
Um zeitlich befristet ein Ich-Reich zu sein
Nun nistet ein Schwalbenpaar in diesem Bogen
Der war vielleicht mal ein O, war vielleicht Konsonant
Wohl zig mal bebrütet, noch öfter durchflogen
Stand hier mal ein Name, den jemand gekannt
Wenn’s Lenz wird und im Schweinekoben
Frisch abgenabelt Ferkel toben
Weil, immer wenn sich’s Leben mehrt
Der Start gelingt ganz unbeschwert
Da ringelschwänzt die Leichtigkeit
Wo ich als Bauer ein nich‘ schreit‘
Ich weiß ja, wie die Aktien steh’n
Die bald haarlos überm Rost sich dreh’n
Doch für diesen Moment
Und zu hundert Prozent
Besinn‘ ich mich innig, all dieses zu loben
Das Leben, die Ferkel, den Lenz und den Koben
Zurück in München. Zurück im Substanz. Mein zwanzigster Auftritt dort. Damit mein am zweithäufigsten besuchter Slam. Und ein Auftritt steht dieses Jahr gar noch an.
Slam und Substanz
Schau, die Macher schöner Worte
Locken wieder an zum Orte,
Wo in langen Warteschlangen
Hintenan harrt hart am bangen:
Wer da zum Durchquer’n der Pforte
Eine Bahn zu spät gewählt –
Wird wohl nicht nicht mehr ‚reingelangen,
Weil beim Slam das Timing zählt.
Dort drinnen durchdringt das Gedränge im Raum
Ein Ohrenmuschelkuschelflaum,
Dass bald im Strahl der Wortkaskaden
Nackige Gedanken baden.
Schön berauscht von Show und Schaum
Krönt man einen Slam-Nomaden.
Mal gewinnt was haltlos Grelles,
Manchmal auch was Substanz-ielles –
Slam-Ruhm ehrt den Star nie lange
Und verweht auch allzu schnell. Es
… ist um eins nur keinem bange:
Ewig währt die Warteschlange.
Ich weiß, der Titel „Größter regelmäßiger Slam der Welt“ ist hart umkämpft. Offiziell gar nicht mit im Rennen, aber mit 670 Zuschauern verdächtig: Ulm. Anscheinend unwidersprochen hat das Münster der Stadt aber mit dem 161,53 Meter hohen Turm den höchsten Kirchturm der Welt. Ist ja auch was.
Das Schiff
Gestrandet ruht das Kirchenschiff
Eingepfercht im Häuserriff
Wartend auf ’ne Sintflut
Denn, steht dann der Wind gut
Geht es los auf große Fahrt!
Doch, weil Regen unterbleibt
Jenes Schiff nach nirgends treibt
Auch auf dem Rückweg: Fähre bevorzugt. Scheiß auf Umwege & Fahrtkosten.
Auf See
Das Bugwellenmantra zum Wummern
Der Dieselmotoren – wir schlummern
Wie tief auf dem Grund der beschifften Kanäle
Im Tiefdruck der Walgesang covernden Stähle
Und dämmern und dämmern und dämmern dahin
Grüß mir die Genossen vom Sonnendeck
Erklär ihn’n den Haken am Kreuzfahrtgewinn
Und sag ihn’n: Beschwerden hab’n eh keinen Zweck!
Das Bugwellenmantra pfropft in unsre Ohren
Begleitet vom Wummern der Dieselmotoren
Tage, da wir unbescholten
Wohlgemut durch Olten tollten
Bis uns die Äbtissin’n grollten
Dass wir uns verpissen sollten
Jahre später Schreibtischtäter
Schunkelnde Familienväter
Trunken unter grau’n Girlanden
Tauchschein letztes Jahr bestanden
Krass gut drauf und Maske auf
Dinge nehmen ihren Lauf
Längst ist versunken, was wir wollten
Sagen: Rosebud, meinen: Olten
Schlüsselblume Niederhone. Hier war ich schon zu Gast beim ersten Poetry Slam, als die alte Metzgerei samt Gasthaus gerade frisch bezogen und alle Räume noch mit Retro-Trends setzenden Altlasten gefüllt waren. Zeugnis einer vergangenen Ära, die auch ihre Träume hatte.
Das Zicklein
Komm schnell aus dem Kasten der Standuhr hervor!
Das Schicksal wird sich noch nicht heute entscheiden
Zum Nachtisch entspannt sich der Konquistador
Leichte Brisen berieseln die Knospen der Weiden
Diese Stille ist trüglich
Drum Kindchen vergnüg dich
So lang noch der Schatten dem Tageslicht weicht
Denn Später ist später
Und das Glück ein Verräter
Dessen seltsame Sippe den Dachsbau umschleicht
Was heute selbstverständlich ist
Verleugnet, dass es endlich ist
Ein Stier hat die Tür unsrer Standuhr verriegelt
Im Korridor steh’n lehmverkrustete Schuhe
Ein Glockenschlag später ist alles besiegelt
Und über den Wipfeln der Bäume herrscht Ruhe
Wenn man es eilig hat, stellt sich bald die leicht dahingefluchte Frage: Wer hat sich diesen Wegewirrwarr beim Umstieg zwischen den Metrolinien eigentlich ausgedacht – und ist das wirklich der kürzeste Weg? Oder so:
Gängelei
Ich hab mich im Innern der Metro verlaufen
Ein Gängegemenge wie im Ameisenhaufen
Doch nachdem ich gut zweieinhalb Städte durchquert
Bemerk ich: Ach, guck mal – bist gar nicht verkehrt
Da steht schon am Gleis meine Bahn, welch ein Glück!
Die fährt mich vermutlich ein Stückchen zurück …
Am zweiten Skitag die Hörner abgefahren – Rhiner- und Jakobshorn. Und dabei mich selbst entdeckt.
Skilhouette
Ich hab mich grad in meinen Schatten verliebt
Den Bodenstrich rückwärtig wärmender Sonne
Samt Schnee der vom schneeigen Grunde aufstiebt
Im Schwung der beschwingenden Skigleiterwonne
Und tänzelnd entgrenztem Geschwindigkeitsmelken
Da im Off aller Grazie die Snowboarder welken
Da hab ich mich in meinen Schatten verliebt
Der folgsam sich vor mir wie von mir sich schiebt
Ich werd‘ jetzt mit noch höh’rem Tempo ihn nerven
„Ej, geht’s noch da hinten?! Ich muss mich erst werfen!“
Vor einem Monat noch auf Hawaii rumgelümmelt, jetzt in den Davoser Alpen Ski ausleihen. Und wieder muss die Sonnenbrille ausgepackt werden. Das Leben kann schon dekadent sein.
Reines Weiß
Es schneit. Und schneit und schneit. Und schneit
Zerstreut sind Flocken weiß und breit
Auf Wälder, Felder fälltder Schnee
Und weht sein kühles Negligé
Als schalldichte Hülle ums Brodeln der Welt
Das verstummt und verschluckt wird vom Schnee, der noch fällt
Und weiterhin all unsre Spuren dem Schein weiht
Das tapfer Erstapfte sogleich wieder zuschneit
Und es schneit. Und schneit und schneit. Und schneit
Und alles wird zur Kleinigkeit