Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten

Wasser

Verse für die Phlegmatiker, denen man Wasser, Winter, Nacht, Baby- und Greisenalter zuordnet.
Die beschreibenden und erzählenden Gedichte.
Von der Naturlyrik bis zu allen Längenvarianten der Ballade.

Sollte Ihnen ein hier eingereihtes Gedicht eher den anderen Kategorien Erde, Luft oder Feuer entsprechen, bitte ich, mir eine Nachricht über www.hirnpoma.de zukommen zu lassen!


  • Outskirts & das zweitausendsechshundertvierundfünfzigste Gedicht

    Siedlung am Rand Ljubljanas

    Slowenien

    Ein Tüpfelchen von Sozialismus
    Konterkariert das Auenland.
    Der Industrieschlotkatechismus
    Hält gegen die Idylle stand.

    Fünf Häuschen aus Tomatengärtchen
    Purzeln durch die Täler.
    Und bunt umhupft von Backsteinpferdchen
    Winken Erbsenzähler.

    Fast scheint’s, als juchzten Kinderlieder
    Von redlichen Berufen
    Und hallten aus den Klämmen wider,
    Beswingt von Kälberhufen.

    Doch von irgendwo gilbt noch die Braunkohle ein
    In den Ehrgeiz, schon sehr viel moderner zu sein.

    Mal stockt’s, dann stoppt’s und stets zu slow –
    Darum, Slowenien, heißt du so!


  • Nördlingen & das zweitausendsechshundertsiebenunddreißigste Gedicht

    Am Gerd Müller Platz in Nördlingen

    Erinnerungen am Denkmal (von Gerd Müller)

    Man rauchte außer Rand und Band,
    Auch wurd‘ viel Bier gesoffen.
    Was ich an alldem bloß verstand
    War: Der Bomber hat wieder getroffen.

    Ich, der ich sonst stets im Mittelpunkt stand,
    Fand nicht richtig in die TV-Partie –
    Denn meine Mannschaft war gebannt
    Vom den Schlusspfiff sich nähernden Genie.

    Als ich erwachsen ward genannt,
    Erlas ich dann betroffen:
    Das Nachspiel gab sich eklatant,
    Denn der Bomber hat zu viel gesoffen.

    Nun schau von eines Platzes Rand
    Ich (voller Zichtennostalgie)
    Auf die Treffsicherheit, in ein Denkmal gebannt,
    Von dem an den Schlusspfiff verlor’nen Genie.


  • Ende, Poet! & das zweitausendsechshundertdreiunddreißigste Gedicht

    Die Straße Endepoet in Essen-Kettwig

    Das Entblühen

    Im Nu der Maximalentfaltung
    Fällt schon das erste Blatt.
    Das Wachstum führt zur ersten Spaltung:
    Erwach!/Blüh auf!/Ermatt!

    Ein My an Müh wird aufgefahr’n –
    Es scheint uns zu umspielen -,
    Entfernt sich halbwegs durch sein Nah’n
    Von kurz erspürten Zielen.

    Im Lalala der Frühlingsseelen
    Basst ausdringlich ein Ton.

    Den kann die Blüte nicht verhehlen
    Als Maß der Extinktion.


  • Alpspitz & das zweitausendsechshundertachtundzwanzigste Gedicht

    Blick auf die Alpspitze von Kranzbach

    Die Namen der Berge

    Bei den Namen für Berge herrscht zunächst freie Wahl.
    Macht jemand ’nen Vorschlag, heißt’s oft „Scheißegal!“,
    Bis irgendein Durchsetzungswilliger schreit:
    „Nun ist es besiegelt – wurd‘ auch höchste Zeit,
    Der Berg heißt fortan Soundso!“

    Gibt’s dann nicht auch ein Tal, von wo
    Protestschrei nennt ihn falsch benannt?
    Denn sei’s doch diesseits anerkannt,
    Seit anno tuck häß dieser Berg
    „Undsoso“ – was sich leichter merk…
    …en ließe hier wie dort im Tal.
    „Undsoso“ – einfach ideal!

    Ob A, ob B sich durchher setzt,
    Wie sehr man sich ob dessen fetzt –
    Man startet nicht mehr ganz von vorn.
    Ans Ende fügt man noch ein „-horn“
    Als Täler zähm’nden Kompromiss,
    Dass obendrauf nu Name is.


  • Sataris Kalvarie & das zweitausendsechshundertdreiundzwanzigste Gedicht

    Hl.-Kreuz-Doppelkirche auf dem Kalvarienberg im oberbayerischen Bad Tölz

    Im Frühtau zu Kurpark

    Im Sommer gibt es hier nicht genug Bänke –
    Das zwingt Müde aufrecht zu steh’n
    Trotz des kränkelnden Jammerchors aller Gelenke
    Und des „tout est perdu!“-Tons der Herzkasperfeen.

    Und für einen Moment scheint hier Kleinholz wahrscheinlich –
    Aber alles denkt stolz: „Nee, das wär mir zu peinlich!“
    Und der Aufstand der Steh’nden bleibt aus.

    Drum zu Kurparks nicht nur starke Gangs übersteh’n,
    Sondern lederne Gerdas bestimm’n das Gescheh’n –
    Die zieht’s schon im Frühtau hinaus.


  • Reset & das zweitausendsechshundertzwölfte Gedicht

    Erste Knospen im Botanischen Garten München

    Rasenstarre

    Das, scheint’s, zu nichts entschloss’ne Gras
    Verbleibt noch im Pastell.
    Durchwrungen von der Sonne Maß
    Erstrahlt es sommerhell

    Und ausgedörrt.
    Man spürt, es stört
    Sich nicht am wiederentstehenden Takt.

    Ist es noch im Verglühen,
    Doch im Wiedererblühen?

    Welche Jahreszeit hat auf Wachturm geflaggt?


  • Kienbachsenke & das zweitausendfünfhundertsiebenundneunzigste Gedicht

    Der Kienbach bim Kloster Andechs

    Einschlafgedicht für hartgesottene Kinder

    Nächtens nächtlich‘ Dunkelheiten
    Gruseligen Gruß bereiten,
    Undurchschaubar Schauer hauchen,
    Aufgeschreckte Schrecken fauchen …

    Un- und heimlich formt ein Spuken
    Das, was vordem Heim dir war,
    Spuckt in alle Lücken Luken
    Für den Eintritt von Gefahr.


  • Grundwasserpool & das zweitausendfünfhundertachtundachtzigste Gedicht

    Moosacher Badeparadies auf der Baustelle der Unterführung an der Dachauer Straß

    Ripostegedicht auf „Die drei Spatzen“ von Christian Morgenstern

    Wenn im Frühling, zusammengeschweißt vom Eis,
    Erst der Hans, dann der Franz, dann der Erich auftauen,
    Fragt jeder den andern, ob er’s vielleicht weiß:
    „Wo zum Teufel sind unsere Frauen?“
    Und jeder gibt zu, nu, er weiß grade nicht.
    Das führt uns zu einem ganz neuen Gedicht:

    Die drei Spätzinnen von Morgan Sternenchrist

    Irene, Helene und Ines
    Sagen zu sich: „Ich verdien es!“
    So lang stand der Gelege Pflege
    Jeglichem Entspann’n im Wege –
    Diesen Winter wellnesst man,
    Fliegt vom Heimgeäst von dann’n
    In die Sonne Korsikas
    Und ihr Chor singt: „So’n Spaß
    Hatten wir schon lang nicht mehr –
    Nächst‘ Jahr flieg’nwa wieder her!
    Und es fehlten uns, ganz ehrlich,
    Weder Hans, noch Franz, noch Erich!“

    Die prob’n ihr’n Zusammenhalt
    So Po an Po, nur schweinekalt.
    Da im Warmen ihre Damen
    Laben sich an Pappelsamen
    Und auf Sonnenliegen liegen,
    Nichts von der Saison mitkriegen,
    Nein, rein
    Gar nichts von ihr’n Kerls in der Kälte erahnen –
    So flanieren die Mädels im Mediteranen.

    „Stopp! Jeder Satz ist Betrug, denn es weiß jedes Kind,
    Dass Spatzen – Strich – Spätzinnen keine Zugvögel sind!“

    Gut, wer zwanghaft solchen Regeln glaubt
    Halt mangels Mut sich selbst beraubt;
    Zum Aufspür’n neuer Möglichkeiten
    Genügt’s die Flügel auszubreiten!

    Doch wer mag, kann Satz für Satz parier’n –
    Und friert dann fest als Spatzenhirn.

    Ja, der dröge Standard fetzt sich meist
    Mit dem Wandlungsvermögen vom Spätzinnengeist …

    Will dein Nest dich zum Stillstand verdammen, so wehr dich!
    Oder friere – zusammen mit Hans, Franz und Erich.


  • Chiemgau & das zweitausendfünfhundertvierundachtzigste Gedicht

    Auf der Birkenallee von Bernau zum Chiemseeufer

    In den Speiseechokammern

    Es gär’n die Verschwörer, Empörer im Brät
    Vom virtuellen Lackmus-Grill,
    Dessen Glut jeden Nonsens zum Thema aufbläht –
    Weil das der Algorithmus will!


  • Botanischer Garten & das zweitausendfünfhunderteinundachtzigste Gedicht

    Im winterlichen Botanischen Garten München

    14 Grad

    Es dampft vor Unentschlossenheit
    Der aufgetaute Firnis.
    Er weiß, es ist noch nicht die Zeit,
    Doch Temp’raturen-Wirrnis
    Lockt Samenkapseln aufzuspringen,
    Aus der Deckung vorzudringen,

    Bis

    Nach den frühen Wärmeschüben
    Es letztlich wieder schneit.

    Der Lenz kam nur vorbei zum Üben –
    Noch ist es nicht soweit.


Die 272 Städte/Länder der Fotos (2016-2026)


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