Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten

Ripostegedichte

Antwortgedichte zu Werken der großen und kleineren Poesie. Inspiriert von den Federn der Anderen. Monatlich vorgetragen in der Rubrik „Parade und Riposte“ der Lesebühne Der Schlössl Salon im Pelkovenschlössl in Moosach.


  • Pichola See & das sechshundertfünfundvierzigste Gedicht

    Pichola See Bei Uidapur

    Ripostegedicht zu Erich Kästners „Maskenball im Hochgebirge“

    Am Mittwoch nach Maskenball

    Ab Mittwoch wär wieder was frei im Hotel
    Und man freue sich auf den Besuch
    Die Tanzabende vorerst zwar ohne Kapell‘
    Doch Schnee gäb’s noch immer genug

    Im Garten wär jetzt so ein Massengrab
    Und auch manch totes Reh
    Der Vollmond vom Maskenball nähm wieder ab
    Im Gegensatz zum Schnee

    Du zweifelst: „Vielleicht fahr’n wir doch nicht dorthin?
    Der Hausherr heißt Erich, mein Bester …
    Ich bin in solch Vers-Tecken nich so gern drin
    Denn der Mörder ist immer der Kästner!“


  • Hanuman-Languren & das sechshundertvierundvierzigste Gedicht

    Hanuman-Languren

    Ripostegedicht zum berlinerischen Kindergedicht „Der Klops“

    Der Leberkäs

    Da hock i, ess an Leberkäs
    Es klopft, i brumm: „Wer’s’n’dös?
    Zur Brotzeit kimmt mia keina nei!“
    I öffne nur mei Maul und schrei:
    „Schleich di, du Lackl, sonst gibt’s a Fotzn
    Mann, isch tu disch inne Fresse rotzen!“
    Und weitaus noch weniger freundliche Sachen
    Entfahren samt Leberkäs-Fetzn mei’m Rachen
    „Ja, mei“, denk i, i denk: „ja, mei
    Wos’n dös jetzt fia a bleedes Geschrei
    Mit dem man mia hia mei Brotzeit versaut?!“
    Ers war es leis, nu is es laut …
    Und i denk, wo i grad mei Pistoln schon wollt zieh‘:
    „Der, wo hia schreit – dös bin ja i!“


  • Forst & das sechshundertzweiundzwanzigste Gedicht

    Pullacher Forst

    Ripostegedicht zu „Mondnacht“ von Joseph von Eichendorff.

    Mondnacht bei Hausarrest

    Der Eichendorff hat Hausarrest
    Und einsam ist’s im Wald
    Heut lobt kein Vers das Blattgeäst
    Als göttliche Gestalt

    Die Linde rauscht bedeutungslos
    Der Linda droht das Gleiche
    So all des Sinnens Schwere bloß
    Ohn‘ Dorffpatron der Eiche

    Die Vögel weiten – nur zum Test
    Die seelenlosen Flügel
    Und alle finden Hausarrest
    Viel grauslicher als Prügel

    Mehr Gedichte über Pflanzen und Natur


  • Draußen Essen & das sechshundertzehnte Gedicht

    Brombeeren

    An Anne Bude (Schwitters im Twitterformat)

    Anne Bude, schönet Gör
    tust den ganzen Pott versorgen
    mit Geklön, Gedöns und möhr
    Danke, Anne – und bis morgen!


  • Ringelnatz & das fünfhundertsiebenundneunzigste Gedicht

    Im Englischen Garten

    Ein Ripostegedicht, das sich die Zuschauer meiner Lesebühne Poetry & Parade zu „Morgenwonne“ von Ringelnatz gewünscht haben. Diesmal gleich doppel-ripostiert: inhaltlich mit meinem Gedicht-Tryptichon „Die verkaterten Morgen“, „Im Bade“ und „Spätes Frühstück“ – sowie formal:

    Rohachim Natteritz: Morgenwonne

    Die Wachtel ist ins Gnu verknallt
    Das Huftier hat ’ne Klatsche
    Was sehr verlockend sei, doch bald
    Zerschürft es sie zu Matsche

    Ein Kackekicker macht ’nen Schmu
    Und balanciert am Grate
    Zum „Schlagt dem Wicht die Augen zu
    Bei einem Attentate!“

    Auf rauer See ein Schifflein wippt
    Das hat, was vielen blühe
    Ein Ungeheuer angenippt
    Zerstückelt in der Frühe


  • Rückert & das fünfhundertdreiundvierzigste Gedicht

    Wörthsee Erholungsgelände Oberndorf

    Ripostegedicht zu Friedrich Rückerts „Du bist die Ruh“ – ein formaler Zwilling.

    Du bist die Uhr

    Du bist die Uhr
    Hältst niemals still
    Die Sucht, die stur
    Nach vorne will

    Ich eil zu dir
    Du bist zu schnell
    Schon fern vom Hier
    An andrer Stell‘

    Stockt der Verkehr
    So schiebst du an
    Vom Hinterher
    Kommt nichts voran

    Treibst an den Schmerz
    In deiner Brust
    Spamst voll dein Herz
    Bis dein Bewusst-

    sein, angezählt
    Ins Nichts gelangt
    Von Zeit gepfählt
    Der Hülle bangt


  • Moohr & das fünfhundertdreißigste Gedicht

    Algen in Venedigs Lagune

    Wieder einmal beginne ich die Gedicht-Woche mit einem Ripostegedicht, das sich die Zuschauer meiner Lesebühne Poetry & Parade gewünscht haben. Diesmal eine erotischer Remix von Annette von Droste-Hülshoffs „Der Knabe im Moor“.

    Das Knabbern am Ohr

    O kau ich dir am Ohr, ist’s schön,
    Wenn es knistert im Speichelschaume,
    Schlucklaute über dein Trommelfell dröh’n
    Und die Zunge entspringt ihrem Zaume,
    Unter jedem Schleck ein Quellchen springt,
    Wenn’s rund um dein Ohrläppchen zischt und singt,
    O kau ich dir am Ohr, ist’s schön,
    Wenn ein Röhren flüstert vom Gaume‘!

    Fast hold vor Liebe, erzittert das Kind;
    Nun trennt es vom reinen Behage
    Die Frage, wie ehrlich die Absichten sind –
    Hat das Schleckermaul nicht eine Raubtiervisage?
    Hat denn jemals gebändigt das Menschengeschlecht
    Jenen Trieb, für den meistens ein Beutetier blecht?
    „Duhu …bist sicher nicht bissreflexblind?!
    Nicht schlucken! Nur knabbern und nagen!“

    Vom Kiefer starret Gestumpf hervor,
    Das heimlich giert nach Gehöre,
    Als Knabberei verschwand manch Ohr
    Durch Riesenhungers Begehre;
    Und wie fies es tief im Rachen spricht:
    „Ohrmuscheln sind mein Leibgericht!“
    Da bleckt der Backenzähnechor,
    Da späht die Speiseröhre!

    „Ohr dran, Ohr dran!“ so wimmert es laut,
    „Ohr dran – ach, ich will doch noch hören!
    Mit wenig Genuss wird solch Knorpel verdaut,
    Sein Fleisch will kein Mund gern verzehren!“
    Erst lippengebändigt, hebt sich das Visier;
    Da blitzt des Schneidezahns Ungetier,
    Das in diebischer Absicht den Ohrrand bekaut –
    Der will noch Papillen betören!

    Da birst’s im Ohr, den Löffel zerrt’s
    Herein in die klaffende Höhle;
    Schon rutscht’s vom Zahndamm magenwärts:
    „Ho, ho, hinein in die Kehle!“
    Der Knabberer schlingt wie im rohen Wahn;
    Wehrhaft trutzt das Kind dem nahen Zahn,
    So befreit es die Kraft des sich sperrenden Pferds
    Und gewährt, dass kein Ohr an ihm fehle.

    Da endlich Grunz-Erotik wich
    Der bübischen Zärtlichkeits Weide,
    Die Leidenschaft stimmt heimelig,
    Der Knabberer steckt in der Scheide.
    Tief atmet er auf, zum Ohr zurück
    Doch dorthin zieht’s ihn echt kein Stück:
    Denn am Gehör schmeckt’s fürchterlich,
    Und schaurig war’s für sie beide!!


  • Bahnhof Niederhone & das fünfhundertelfte Gedicht

    Bahnhof Niederhone

    Frisch von einem Tourwochenende zurück, beginne ich die Gedicht-Woche mit einem Ripostegedicht, das sich die Zuschauer meiner Lesebühne Poetry & Parade gewünscht haben. Neckischerweise gelüstete ihnen nach einem Antwortgedicht zu einem nicht-existenten Text, nämlich „Max und Moritz“ von Wilhelm Busch. Crossover-Wünsche erzeugen Crossover-Lyrik:

    Eine maxistische Romitze

    Als sie fast acht Streiche miteinaden
    Vollbracht unter mancherleuts Buh’n
    Kam Ihnen das Subversive abhanden
    Wie andern Witwen ein Hahn oder Huhn

    Menschen necken, Tiere quälen,
    Äpfel, Birnen, Zwetschgen stehlen,
    Das war früher angenehmer
    Anerkannt als Prüfungsthema,
    Juveniles Sich-Probieren
    Will die Welt ja akzeptieren
    Doch dies wandelt sich zum Bösen
    Wenn man Kind schon längst gewesen

    Sie sahen sich an und wussten nicht weiter
    Versuchten sich an alter Kinderei
    Man war ja bereit und wurd immer bereiter
    Man tat bisher, doch empfand nichts dabei

    Das Ritzeratze! voller Tücke,
    Füllt nicht mehr die Sinnes-Lücke
    Und das Schneider, meck, meck, meck! –
    Scheint ein schaler Daseinszweck
    Auch der Pfeiffen stopf, stopf, stopf!
    Sättigt keinen hellen Kopf
    Der schon bald verkommt zur Fratze
    Trotz der Käfer, kritze, kratze!

    Man winkt ab statt gekonnt aus dem Fenster zu schiffen

    „Ach, wen trifft’s schon in unserem Viertel nach vier?“
    
Die Zeit in dem Kaff, die verbracht man mit Kiffen.

    Nebenan übte Lehrer Lämpel Klavier.

    Max klagt Moritz: „Wehe, wehe
    Ob ich das noch lang durchstehe?
    Unsre Streiche sind doch Kacke!“
    Drohend klingt’s schon Rickeracke!
    Von der Mühle, die die beiden
    Schier zergrübelt über Leiden
    Jeder krault sich noch ein Ei
    Und wünscht sich den Tod herbei

    Jeder denkt, die sind perdü!
    Aber nein! – Noch leben sie!
    Auch wenn’s dünkt, es sei vorbei
    Mit der Übeltäterei

    Sie ging’n oft ins kleinste Kittchen am Ort
    
Manch Richter schien das so zu passen
    Als Insassen war’n sie kaum fort, wieder dort

    Sie sassen für alles, mit Ausnahme Mord
    Und konnten es einfach nicht lassen.


  • Ellmau & das fünfhundertfünfte Gedicht

    Skifahren in Elmau am Wilden Kaiser

    Von den Zuschauern der Lesebühne „Poetry & Parade“ wurde sich vor Kurzem ein Ripostegedicht zu Leonard Cohens „Halleluja“ gewünscht. Anlässlich des nahenden dritten Jahrestags meiner München-Übersiedlung wurde daraus ein fröhlich auf die Karaokeversion des Songs zu singendes Lied über meine hiesige Integration – die sich mit dem gestrigen sonnigen Ski-Ausflug ins nahe Elmau freilich nochmals gefestigt hat, wie der Rückreisestau aus Münchner KFZ-Kennzeichen bewies.

    Luja! (My Bavarian Integration)

    Zunächst hab ich stets das „Grüß Gott!“ überhört
    Und mit „Juten Tach!“ meine Nachbarn verstört
    Nun sag ich selbst „Servus!“ und denk gehört irg’ndwie dazu, wa?

    Das ist noch nicht Einsicht, da ist auch kein Zwang
    Ich spreche kein Bayrisch und fang’s auch nicht an!
    Doch diesen Schritt geh ich – wag mich mit ’nem Hellen dazu, ja

    Und dann sog i „Luja!“, sog i „Luja!“
    Sog i „Luja!“, sog i „Lu-u-Jodler-ja!“

    Ich hab auch die Kunden beim Bäcker verstört
    Für mich war’s ironisch – doch sie war’n empört
    Ich dacht; wenn ihr so was nicht rallt, seid ihr einfach nicht cool, wa?

    Nun werd ich dort längst wieder höflich empfang‘
    Man sagt zu mir „Saupreiß!“, doch küsst mir die Wang!
    Geht ungefragt zu meinem Biertisch, gesellt sich dazu, ja

    Und dann sog i „Luja!“, sog i „Luja!“
    Sog i „Luja!“, sog i „Lu-u-Jodler-ja!“

    Erst wusste ich nicht, was „a Reherl“ wohl ist
    Und wie man „sei Weißwurscht“ denn artgerecht frisst
    Doch vor zwölf was Warmes – da kommt man ja eh nicht oft zu, wa?

    Nun ess ich mein Radi und Steckerlfisch auch
    Den Obatzten ramm ich mir pur in den Bauch
    Gebt mir noch a Brezn und stellt mir ein Helles dazu, ja?

    Und dann sog i „Luja!“, sog i „Luja!“
    Sog i „Luja!“, sog i „Lu-u-Jodler-ja!“

    Mein Leben lang habe ich „CHina“ gesagt
    „CHemie“, „Walentin“, „Wiktualienmarkt“
    Heut tu ich das nur noch zum Spaß, weil für Euch klingt das schwul, wa?

    Das ist noch nicht Einsicht, da ist auch kein Zwang
    Ich spreche kein Bayrisch und fang’s auch nicht an!
    Doch diesen Schritt geh ich – wag mich mit ’nem Hellen dazu, ja

    Und dann sog i „Luja!“, sog i „Luja!“
    Sog i „Luja!“, sog i „Lu-u-Jodler-ja!“


  • Osa & das vierhundertachtundachtzigste Gedicht

    Rincon Playa

    Zurück am Entstehungsort meines Gedichts „Hinten im Korn“ – elf Jahre später.

    Der Wege wegen

    Wenn ich ’nen Pfad hark‘
    Dann tu ich’s im Park
    Denn draußen vom Park
    Steht kein Harkzeug parat
    Was auch weiter nicht schad‘
    Weil dort gibt’s auch kein‘ Pfad
    Denn wenn ich ’nen Pfad hark‘
    Dann tu ich’s im Park

    (Es braucht ja gar kein Argument –
    Man tut nur das, was man auch kennt)


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