Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 37 Länder auf 5 Kontinenten

Einakter

Alles, was zwölf Zeilen überschreitet.


  • Nürnberg & das neunhundertsiebte Gedicht

    Nürnberg Erneuerung

    Nürnberg?

    Ist das nun Nürnberg? Oder nur’n Berg?
    Nähr’n wir uns Burgwerk? Oder gurkt man zum Ärg-
    er der fußmüden Zürnenden hangwärts ab hier?

    Hm.
    Für’n Berg scheint’s zu eben –
    Selbst Zwergberge heben
    Ihre Gipfelchen
    ’n Tüpfelchen
    Höher
    In der Luft Revier

    Nee, ich verbürg mich: Das ist Nürnberg – mit Dürer, Führer, Würstel, Weggla
    Doppelburg und Lederbux

    Für’nberg fehlt’s an jener Höhe, aus der du sonst auf Nürnberg guck’s!


  • Blautopf & das achthundertvierundneunzigste Gedicht

    Der Blautopf von Blaubeuren

    Heil dir, Lau von Blaubeuren!

    Grauschopf an Grauschopf
    Schau’n in den Blautopf
    In ferne Tiefen
    Türkisblauen Schimmers
    Wo sich eines Frauenzimmers
    Schicksal einst entblueste

    Und die grauen
    Greise trauen
    Leis‘ sich dies zu wünschen:

    Gleichsam blau woll’n wir anlaufen
    Eh sie uns zu Leichen taufen –
    Nicht, weil wir entschliefen
    Völlig außer Puste
    Sondern voll mit Pünschen!


  • 43 Schädelknirschen & das achthundertachtundachtzigste Gedicht

    Auf dem Ulmer Dom

    Stufe 1

    Move on, Heinz!
    Stufe eins
    Hast du fast geschafft!
    Ja, jetzt können deine Zehen
    Schon die Treppenkante sehen!
    Mann, hast du ’ne Kraft!

    Kopf hoch, Heinz!
    Stufe eins
    Hätt’ste fast gepackt!
    Wirklich nur um Haaresbreite
    Ist dein Bein nach hartem Fighte
    Plötzlich abgesackt

    Heinz, egal!
    Nächstes Mal
    Gibt’s another try!
    Ist ja alles gar nicht eilig
    Sag, wenn du bereit bist, weil ich
    Helf dir gern dabei!


  • 32 Mordmückenmärchen & das achthundertsiebenundsiebzigste Gedicht

    Frühlingsfest Theresienwiese

    Hochzeitsgedicht 2

    Vielleicht war’s eine Fischvergiftung, vielleicht war’s die Malaria
    Vielleicht war’s auch ein Vogelzwitscher, der deiner Stimme ähnlich war

    Doch in meinen Ohren warst’s zweifelsfrei du
    Die sich da ereiferte, nachts ohne Ruh
    Zu sein aus lauter leiser Liebe zu mir

    Und mir ging’s gewöhnlich ganz ähnlich mit dir
    Was ich dir auch in etwa zu sagen gewagt
    Ermuntert durch das, was du scheinbar gesagt

    Fragt heute jemand: „Und, ihr zwei?
    War’s Liebe auf den ersten Blick?“
    Wen schert’s, was es in Wahrheit war?
    Der Grund erscheint doch einerlei

    Denn vielleicht war’s nur ’ne Fischvergiftung, vielleicht war’s auch Malaria
    Es ist und ist doch zweifelsklar mit dir hier vor dem Traualtar
    Die höchste Form von Glück


  • 31 Rundnadelkünste & das achthundertsechsundsiebzigste Gedicht

    Frühlingsfest Theresienwiese

    Ambulante Behandlung

    Nun, da mich die Nadel sticht
    Schießt vom Munde durchs Gesicht
    Ein fast gepfiff’nes, schrilles „PFFFtt!“
    Augenschlitzentzerrt zum „… hhhTTT!“

    Der Faden gleitet ziepend hässlich
    Kurz vorm Anschlag – megagrässlich!

    Mein Flehen um Gnade starrt starr auf den Mann
    „Noch drei kurze Stiche, dann ist’s überstan …!“
    DNNNN!! Kerl, ich flieh‘ gleich vom Körper hinaus!
    Ich schau nicht! Ich schau NICHT! Ach, so sieht das aus …?!

    Dann tapfer den Tupfer wie Zärtlichkeit grüßen
    Der Schmerz atmet durch gen Erholung auf süßen
    Abschwellungsstadien durchschreitenden Wegen
    Von den’n laue Brisen die Dornbüsche fegen …
    Und süße Madames öffnen mählich die Läden

    „Dann bis nächste Woche – zum Ziehen der Fäden!“


  • 13 Goldkarpfen & das achthundertsiebenundfünfzigste Gedicht

    Ruhpolding Bahnhof

    Die Camper

    Hast du noch das Igluzelt
    In dem wir auf Festivals schliefen?
    Die Spannseile einer vergangenen Welt
    Die auch nach Vergangenheit miefen?

    Uns hat’s seither in mancherlei Richtung gezogen
    Wir hab’n leichtfüßig letzte Ideale betrogen
    Doch nie unser Faible fürs Camp Nostalgie

    Hast du noch den Aufbau drauf?
    Und wie lang kannst du das noch bewahren?
    Wie weit gelangt dein Lebenslauf
    In den Taumel von früheren Jahren?

    Höchste Zeit, jenen Sack auf den Inhalt zu checken
    Mit Verbliebenem rasch unsren Platz abzustecken
    Was wir jetzt nicht markieren – das gab es auch nie


  • Seselwas & das achthundertzweiunddreißigste Gedicht

    Nördlich von Beau Vallon

    Mein erstes Poem auf Seselwas – vorgetragen zum Closing Dinner des Bling Bling Nod Poetry Festival 2018

    Lareponse bann sousouri

    Ler Gondwana ti separe
    On annalan pou arriv lenn
    Bann sil sesel ti arret
    Lan mwatye semen
    Avek en santiman … pour lafrik

    De kantinan zot ranpli avek regre
    Pour sa 50 shades of grey
    Ek 150 shades of … ble!
    Ki ti en rezilta avan
    Ki nou zot ti fini konte

    Deman bann sousouri
    Lekel ki pouvin
    Latraksyon bann zou eropeen
    Akot zot ti
    Debout isi

    Petet zot pou reponn:
    „Nou … ti annalan kot lenn
    E nou ti arret lan mwatye semen
    Avek en santiman … pour lafrik!“

    Me
    Pli probablemen
    Bann sousouri pou reponn:
    „Gete!
    Ek aret mete
    Sa kestyon bet, oke?!“


  • Übersicht & das achthundertneunundzwanzigste Gedicht

    Blick auf Victoria von den Trois Freres

    Ripostegedicht zu „Du bist ein Rätsel mir von fremder Art“ von Rose Ausländer

    Die Auflösung

    Nach fünf Minuten war dann ja
    So zwischen uns schon alles klar
    Wir wollten nicht den Kreis bemessen
    Wir gingen gleich zum Eiskremessen
    Und kurz darauf – auch gemeinsam ins Bett

    Doch niemand seufzte: „Ach, wie nett …!“

    Weil es gilt als Versprechen: Zur Liebe nur wird
    Was sich auch gebührend verkomplifiziert!

    Wir haben es schlichtweg zu simpel getrieben
    Drum nannte man schlecht unsren Weg sich zu lieben

    Schon ward uns genommen
    Was kurz schien vollkommen

    Und gab’s je was zurück? Ach, nein …
    Man darf nicht einfach glücklich sein!


  • Plaisance & das achthundertfünfundzwanzigste Gedicht

    Vorort Victoria Seychellen

    Afrikarand

    In den Vororten und zweite-Reihe-Hausreihen
    Hockt die Folklorefreiheit Afrikas
    Freundlich auf dickfleischigkrautigem Gras
    Doch sie kann die Exotik nicht gänzlich entweihen
    Immer schwänzt eine Palme, ein Dickicht
    Das keiner Gartenwelt Halmung entspricht

    Hier sind das Cruisen, die Bässe noch warm vom Versuch
    Hier wird niemand die Scheinwerfer blenden
    Ist das Eiland ein einig „Ich kenn’n den!“
    Alle Globalisierung bleibt ein fremder Geruch
    Lehrt das Leid, nicht zuviel zu erwarten
    Harkt die Zeit die Option
    Zwischen „noch nicht“ und „schon“

    Ein sehr unverbindlicher Garten


  • St. Patrick & das achthundertsiebzehnte Gedicht

    St. Patrick's Day Umzug München

    Für Shane M. et al.

    Groll‘ nicht den Drogen der Irrfahrten wegen
    Ohne sie gäb‘ es gar keine Reise
    Trünn‘ auch nicht ab von des Alkohols Segen
    Denn wer will die Welt doppelt so leise?

    Nun wiegt dich die Zerbrechlichkeit
    Zu dem Sermon „Das war zu erwarten“
    Der gern als nebensächlich weiht
    Allen Ungestüms prächtigste Taten

    Beginn’n auch meiner Jugend Helden
    Sich nacheinander abzumelden
    Für den Rest meiner Zeit rühr’n sie tief durch die Knochen
    Schür’n hinter dem Vorhang vom einstigen Brennen
    Ich hab‘ meine Seele längst zigmal erbrochen
    Aber vier bis fünf Songs lang kann ich sie erkennen


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