Häuptling 2.0
Das Anlernen unsrer Novizen
Als Aufwärmen künft’ger Komplizen
Ist Feilen am eignen Verderben
Wir teilen im unfeigen Geben
Zu früh mit den Strebern das Leben
Und haben dann nichts zu vererben
Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos
Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten
Gedichte über das Älterwerden, den Lebensabend, Krankheiten. Und den Tod.

Häuptling 2.0
Das Anlernen unsrer Novizen
Als Aufwärmen künft’ger Komplizen
Ist Feilen am eignen Verderben
Wir teilen im unfeigen Geben
Zu früh mit den Strebern das Leben
Und haben dann nichts zu vererben

Die Camper
Hast du noch das Igluzelt
In dem wir auf Festivals schliefen?
Die Spannseile einer vergangenen Welt
Die auch nach Vergangenheit miefen?
Uns hat’s seither in mancherlei Richtung gezogen
Wir hab’n leichtfüßig letzte Ideale betrogen
Doch nie unser Faible fürs Camp Nostalgie
Hast du noch den Aufbau drauf?
Und wie lang kannst du das noch bewahren?
Wie weit gelangt dein Lebenslauf
In den Taumel von früheren Jahren?
Höchste Zeit, jenen Sack auf den Inhalt zu checken
Mit Verbliebenem rasch unsren Platz abzustecken
Was wir jetzt nicht markieren – das gab es auch nie

Männergrippe
In einen Sack voll Fieber
Hat man meine Hülle gesteckt
Samt Schlappheit vom Kaliber
„Ich fühl mich wie zweimal verreckt!“

Lückenlos
Und der Tod reißt voller Tücke
In dein Leben eine Lücke …
Dich umgarnt des Trostes Schoß
Doch das Loch ist viel zu groß
Und es hallt von seinen Rändern:
Alles, alles wird sich ändern

Piemont
Die geschwungenen Hügel und die prügelnden Jungen
Sind bleibend als Eindrücke in mich gedrungen

Für Shane M. et al.
Groll‘ nicht den Drogen der Irrfahrten wegen
Ohne sie gäb‘ es gar keine Reise
Trünn‘ auch nicht ab von des Alkohols Segen
Denn wer will die Welt doppelt so leise?
Nun wiegt dich die Zerbrechlichkeit
Zu dem Sermon „Das war zu erwarten“
Der gern als nebensächlich weiht
Allen Ungestüms prächtigste Taten
Beginn’n auch meiner Jugend Helden
Sich nacheinander abzumelden
Für den Rest meiner Zeit rühr’n sie tief durch die Knochen
Schür’n hinter dem Vorhang vom einstigen Brennen
Ich hab‘ meine Seele längst zigmal erbrochen
Aber vier bis fünf Songs lang kann ich sie erkennen

Zuvor aber
Schenkst du mir noch was Zeit, gib nie mehr als zwölf Stunden
je à drei Minuten wie Box’n’Stop-Runden
Für mehr fehlt mir die Übersicht
Dann spul‘ ich ab mein Antrainiertes
stetig in die Welt Verirrtes
Der Drang nach mehr berührt mich nicht
Hab‘ geschenkten Tagen nie ins Maul geschaut
Was hätt‘ es zu sehen gegeben?
Mir schien das Gewonn’ne stets vorverdaut
Es gibt zu viel Gutes im besseren Leben
Wir haben das Gestern nicht halten können
Was gölte es nun, dieses Jetzt zu bewahren?
Dem Fremdeln und sich eine Auszeit zu gönnen
scheint fast das Geringste nach so langen Jahren
Nur, dass ich jetzt auf See erblinde
ist ein Wortwitz, den so wirklich niemand hier braucht!
An Bord war ich Sir Helmut Schmidt
hielt den Blicken der Kinder stand: „Guck mal, der raucht …!“
Und nun plitscht es und platscht es
durchnässt mir die Planken
zerrt beidseits zur Reling
in rhythmischem Wanken
von Zwischenhochs und Niederlagen
da mir die letzten Stündleins schlagen
Das Leben, wenn man sauber misst
doch früh schon überschaubar ist
Nur: Werd‘ ich es kläglich verreckend beenden
oder neckisch ein „Folks, bin in Sehnot!“ versenden?
Nichts Genaues weiß man nicht
Bei Seegang. Ohne Augenlicht
Hey,
wir sind nicht auf See, Kerlchen – das sind die Berge!
Du mummelst hier rum, summst um Abgang und Särge
und kredenzt die erbärmlichste Unform von Blindheit
– bitte nicht zu erklär’n via Schwierige Kindheit!
Dein selbstausgebrütet-behütetes Leiden
sich brunftig am eigenen Unheil zu weiden
ist lebensmüder, trüber Stuss!
Denn Zeit, die bleibt, ist Überfluss
Ob ein Tag, ob ein Jahr – ist doch letztendlich schnurz
Wenn du jetzt nicht beginnst, ist sie immer zu kurz
Und dein ewiges Plan-Schmieden macht es nur schlimmer
Drum hau rein – und mach schnell
Heute. Morgen. Und immer

Altes Eisen
Die Scheinwerfer wandern
Und gönnen nun andern
Im gültigen Spotlight zu steh’n
Du bleibst unverdrossen
Zu allem entschlossen
Nur kann und wird es niemand seh’n

Wishlist für das Totenspalier (Meine Mander)
Hier kommt meine Wishlist fürs Totenspalier
zu den Recken der Family wünsche ich mir:
Zunächst Tom Waits und Thomas Bernhard
Marlene Dietrich, Robert Gernhardt
Rivers Cuomo und Billy Bragg, Harry Belafonte
Orson Welles und Friedrich von (wie man ahnen konnte)
Falls noch Platz im Kirchlein ist:
’nen Comedian Harmonist
und dann können gleich daneben
auch The Cure ein Ständchen geben
Das hört sich dann leicht neidisch an:
Der Kaiser Maximilian
Maximilian I. von Habsburg hat für sein Grabmal 40 überlebensgroße Bronzefiguren in Auftrag gegeben, von denen 28 den – leeren – Sarg in der Innsbrucker Hofkirche eskortieren. Diese „Schwarzen Mander“ stellen Familienmitglieder sowie von Maximilian auserwählte Persönlichkeiten dar.

Vorbei in tiefer Nacht
Ich lehnte mich zum Wundenlecken
An einer Linde kühles Moos
Gewärmt von ersten Lichterflecken
Gewahr. Und doch bedeutungslos
Ihr Stamm gönnt mir das Abschiednehmen
Von unentwegt gezähmter Wut
Für immerdar könnt mich beschämen
Wie friedensreich ich hier geruht
Ich wusst‘ ja, dass ich Ruhe fände
An jenem versumrosten Ort
Doch lüfte jetzt erst die Verbände
So sterbensrein, umkost vom Wort
– Die 272 Städte/Länder der Fotos (2016-2026)
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