Reisen

Globetrottergedichte und andere Verse vom Reisen und Unterwegssein.

Puerto Viejo & das vierhundertneunundsechzigste Gedicht

Salzstreuer

Länder, in denen der Salzstreuer bockt
Haben die richtige Feuchte
Die sorgt dafür, dass alles Rieseln verstockt
Das sich ob der Streulöcher deuchte

Doch jedes Loch ist zugeklebt
Wie rüttelnd und schüttelnd man auch danach strebt
Die eben servierten huevos zu würzen

Es lässt sich der Vorgang insoweit verkürzen
Dass man des Streuers Schraubverschluss
Zwecks Pökelung benutzen muss
Um dann mit seinen Fingerspitzen
Zwei, drei Kristalle zu stibitzen
Die zugedeckt von altem Reis
Der darlegt, dass man durchaus weiß
Ob hiesigen Kränkelns vom Streuergerät
Aber hier geht's vor allem um Identität:

Denn immer, wenn der Streuer bockt
Bist du in einem von wenigen Ländern
In die uns ein Stück Paradiesnähe lockt

Weshalb sollt' da irgendwer je was dran ändern?

Wo die Sinne mit all ihren Züngelchen schnalzen
Erträgt man sein Rührei auch leidlich gesalzen!

Trotten & das vierhundertzweiundsechzigste Gedicht

Kapuzineraffe in Cahuita

Globetrotterblues

Und immer gibt's wieder ein Nie-mehr-Zurück
Kein Arzt wird uns je eine Rückkehr verschreiben
Quer über die Welt verstreut liegt altes Glück
Und unwiederholt wird es dort fortan bleiben

Orosital & das vierhundertachtundfünfzigste Gedicht

Orosital

Immergrünus tropicans

Nimmersatte Pflanzen quengeln:
"Regen! Regen!" und "Mehr Licht!"
Drum sagt Petrus seinen Engeln:
"Morgen wieder Extraschicht!"

Es gibt in den Tropen stets doppelt viel Wetter
Es ist auch der Regen hier irgendwie netter

San José & das vierhundertvierundfünfzigste Gedicht

Fremd hier!

Ständig ruft die Stadt mir zu:
"Oller Stubenhocker, du!
Wir schwurbeln rum im Trubelzwang
Und du, du streunst nur stumm hier lang!"

Gelingt's mir noch, mich auf die Gassen
Gar auf die Gässchen einzulassen?
Die Auslagen sind ...interessant
Zum Einstieg viel zu unbekannt
Und letztlich schafft die fremde Sprache
Fast mätzchenhaft 'ne Zugangsbrache

Und doch - das wird sich integrieren
Einfach immer reinspazieren...!

Prag & das vierhundertvierundzwanzigste Gedicht

Karlsbrücke von der Moldau

Es liegen drei Kaiser begraben

Ich bin in den Prager Gassen versunken
Wie immer verplant und ein bisschen betrunken
Fand selig vor Glücke
Im Strom eine Lücke
Der über die Karlsbrücke burgwärts sich wand

Und drüben versank ich in anderen Gassen
Verlor schnell den Anschluss am Sturmdrang der Massen
Fand ein Plätzchen am Fluss
Saß im Jetzt mit Genuss
Der aus dem nostalgischen Rauschen entstand

Auf dem Sprung & das vierhundertdreiundzwanzigste Gedicht

Altstadt Pilsen

Vielflieger

Die Freundlichkeit der Landschaft lässt mich abermals in die Reise verreisen
Und in das stumme Rumgegucke

Vom Abnabeln bis zum Vergreisen
Bin ich Landschaft um Landschaft begrasende Schnucke

Auf der Durchfahrt & das vierhundertvierzehnte Gedicht

Solche Ortschaften

Manche Ortschaften sind mir halt gar nicht verständlich
Hier scheinen Visionen im Ansatz schon endlich
Man kann dort nur im Garten steh'n
Gemeinsam mit der Zeit vergeh'n

Manche Ortschaften sind einfach gar nicht echt da
Es ist alles vorhanden - doch nichts geht dir nah
Der Carport bekrönt den Zenit aller Fragen
Wo niemand gewinnen will, gibt's nichts zu wagen
Wo nichts in Bewegung ist, kann sich nichts wenden

Auch du wirst vielleicht in solch Ortschaften enden

Basel & das vierhundertsiebte Gedicht

Basel Rheinufer

Gold

Plötzlich schweift um dich Gold der besonderen Welten
Als Essenz von dem Wunsch, dieses Sein zu erhalten
Doch die Delle des Eindrucks verdümpelt im Selten
Und über die Jahre wird alles zum Alten

Obgleich immer öfter die Züge entgleisen
Und täglich es schwant: Du wirst nie wieder reisen
Sind auch die Tresore schon restlos geleert -
Das Wissen vom Gold verliert niemals an Wert

Brüssel & das dreihundertsiebenundachtzigste Gedicht

Brüssel Grote Markt

Der erste Besuch

1) Schön, dich mal zu sehen ...! Warte,
Hol' mir grad 'ne Tageskarte
Will viel als "Gesehen" taufen
Ohne groß herumzulaufen

Gerne saug ich alles auf -
Aber halt im Schnelldurchlauf
Bin heut zu sehr freizeitklamm -
Reicht nur für ein Kurzprogramm

Will mich nicht umsonst abhetzen -
Kannst du mir in kurzen Sätzen
Sagen, was sich wirklich lohnt
("Wirklich" wirklich stark betont)?

2) Keine Antwort ist kein Satz

3) Doch dann öffnet sich ein Platz
Den ich ganz erfüllt beschreit'
Und mit seiner Gültigkeit
Zwingt er mich zum Innehalten
Und den Turbo abzuschalten
Ach, wie dort die Zeit verstrich!
Und ich dachte an die zig
Dinge, die ich nicht mehr sah -
War zumindest ihnen nah ...

Und nun schlummert das Ersparte
Tief in meiner Tageskarte

La Digue & das dreihundertsechsundfünfzigste Gedicht

La Digue, Uferstraße

Wenig originell, aber ein verlässlicher Quell sprudelnden Glücksgefühls: Fahrradtouren auf La Digue.

Gott ist ein Fahrrad

Ich schiebe per Pedale die ruhigste Kugel
Die sich irgendein Gott für das Erdreich ersann
Ich gelobe dem ewigen Offline und google
Mir Videos, Stichwort: "sehr glücklicher Mann"

Wo Flughunde die Lüfte cruisen
Und Üppigkeit und Sanftheit schmusen
Wo jede Blüte Farbe singt
Von jedem Ast ein Vogel winkt

Jede nächste Kurve, die ich mir ertrete
Beschert eine weitere Fototapete
Vom Schattenspiel des Walds erfrischt
Zwei Meter später: Meeresgischt

Wirklich alle Elysien der Weltreligionen
Kacken kraftlos und sämig gegen diesen Ort ab
Wie sollte sich da all die Fügsamkeit lohnen
Wo ich schon viel Schön'res durchs Flugticket hab?

Ach, Seligkeit des Hedonismus
Bleib du Begleiter meiner Fahrt
Und lass dereinst mich ewig strampeln
Rund um La Digue, mit einem Rad!

Seiten

RSS - Reisen abonnieren