Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten

Zehnzeiler


  • Bad Neustadt & das vierhundertzwölfte Gedicht

    Bad Neustadt Marktplatz

    Kleinstadtmärchen

    Es lehrten die Gebrüder Grimm:
    Ein Zwischentief ist nicht so schlimm!
    Scheint’s auch vor Unrecht randgefüllt
    Von purer Bosheit vollgemüllt …
    Du musst es leiden ohne Schuld –
    Ergib dich nie der Ungeduld!

    Erst wenn du wohldurchlitten bist
    Erlöst man dich per Happyend
    Wie’s in den Märchen Sitte ist
    Die jeder zur Genüge kennt


  • Stuttgart 2016 c & das dreihundertachtundneunzigste Gedicht

    Schiller-Denkmal Stuttgart

    In Stuttegart

    Wie gern hab ich in Stuttegart
    ‚Ner stutendoofen Nutte zart
    Zum Start die Stube klar geputzt
    Des Gartens Rasen grad gestutzt
    Und dann statt wie gewohnt in bar
    Bestanden, dass sie heute gar
    Nichts zahlen müsste
    Worauf sie mich arg artig küsste!
    Denn Stuttegart lädt dazu ein
    Mal gutartig statt stur zu sein


  • Hölderlin & das dreihundertachtundsechzigste Gedicht

    Altstadt Tübingen.

    Altstadt Tübingen.

    Der Hölderlin

    Ach, hol dich doch der Hölderlin!
    Du Hasenheld auf Heroin
    Willst prompt ’ne grade Linie zieh’n?
    Bist grad vier Wochen trübnisclean!

    Denk dir, ich habe kein Christkind geseh’n!
    Und wenig Verbindliches ist im Entsteh’n …
    Warst du nicht viel zu häufig hier
    Als nicht gebuchtes Musketier?
    Unsre Niederschlagsmenge schluckt kein Kokain!

    Schon holt er dich, der Hölderlin …


  • Anse Intendance & das dreihundertvierundfünfzigste Gedicht

    Süd-Mahe

    Mit dem Seychie-ÖPNV Richtung Anse Intendance und Anse Takamaka.

    50 Shades of Green

    Nach Takamaka mit dem Tata
    Vollgepacktes Brummgeratter
    Anse an Anse ans andre Ende
    Pflanzenparadiesgelände
    Gleißend grüßt türkis das Meer …

    Doch überwiegt das Grün so sehr
    In Üppigkeit und Wachtumsdrang
    Dass mir bei seinem Anblick bang
    Ist, ob man da sogar als Mann
    Vom Hinseh’n schwanger werden kann


  • Touristendeck & das dreihunderteinundvierzigste Gedicht

    Mit der Lakana Be 3 auf dem Tsiribihina

    Für zweieinhalb Tage auf dem Tsiribihina. Eine Chaiselongue nebst Zelt als Sonnenschutz auf das Dach eines Bootes zu bauen, ist ein schöne Idee. Dort zu liegen, weckt seltsame Gedanken.

    King of Africa

    Ich bin der King of Afrikanu
    Und lächle meiner Zukunft zu
    Grins‘ schaisselonget vom Sonnendeck
    Und praktizier‘ den Wonnencheck

    Lass mir ein schmackhaft Hühnchen köpfen
    Ein Schalentier vom Flussbett schöpfen
    Derweil die Sonne maßvoll brennt
    Und mich als Herrscher anerkennt

    Ich nuschle straff mein „Salam‘!“ und „Veloma!“
    Ich, King of Durchfahrt – und jetzt herrsch‘ du ma!

    Das madagassische „o“ wie in dem dem deutschen „Tschüss!“ entsprechenden „Veloma!“ wird wie ein „u“ ausgesprochen.


  • Offroad light & das dreihundertvierunddreißigste Gedicht

    Chamäleon

    Kurze Lemurenpause. Mit einem Vertreter der großen anderen Tiergruppe der Insel. Und einem Text zu einer gewohnten Situation: durch ein fremdes Land brettern zu Songs weit hinterm Verfallsdatum. Funktioniert sogar mit Ace of Base.

    Secondary Road

    Nie haben UB40 sich besser in die Landschaft geschmiegt
    Als im stiebend verwehenden Pistenstaub
    Red Red Wine, der in Schlaglöchern taktvoll versiegt
    Und wir ruckeln mit ihm, gesäßmuskeltaub

    Selbst Shakira ist ganz Mama Africa
    Und plädiert für ein ewiges 2010
    Wir pflügen mit ihr durch die Zebu-Schar
    Bitten hupend Geflügel zu Seite zu geh’n

    Wir sind vom Grounddreck fast erfasst
    Beseelt, wie gut der Soundtrack passt


  • Abu Dhabi V & das dreihundertfünfundzwanzigste Gedicht

    Skyline Abu Dhabi

    Abu Dhabi

    Ich senke meine sanften Zähne
    In den warmen Hals der Gazelle
    Ich schmecke Blut und hör Gegähne
    Das ich mit scheuem Zorn bebelle

    Wir finden in keiner der Welten zusammen
    Und scheinen doch aus selbem Sande zu stammen
    Wir entkamen dem Nirgends und kamen so weit
    In den endlosen Fluren der Vorläufigkeit
    Doch stets zeigt sich ein neuer Berg
    Erleuchtet von ’nem Feuerwerk


  • Lummenfelsen & das dreihundertsechzehnte Gedicht

    Lummenfelsen

    Am Lummenfelsen

    Ein Klippengrat als Landebahn
    Für flatterhafte Gleitartisten

    Sie tauchen mit ’nem Affenzahn
    In Abgründe, die sie benisten

    Ihr präzisionsgeschliffner Blick
    Zwinkert souveränst grazil:

    „Und schau mal jetzt: Ich schwebe!“ – schick!
    Wir selbst belämmern unsern Stil

    Als ’ne klobige Masse, in den Ketten der Zeit
    Lässt uns jeder König der Lüfte verstummen

    Doch nicht unsre Demut – es taufte der Neid
    Sie Basstölpel und Trottellummen


  • Drückfahrt & das zweihundertsiebenundachtzigste Gedicht

    Blumenmeer am Grazer Hauptbahnhof

    Idylle am Grazer Hauptbahnhof. Später wurde es ungemütlicher.

    Der Zuggereiste

    Die von Platznot befohlene Sitzposition
    Lähmt mir alle Glieder von Anbeginn schon
    Verfinstert mir seither das Dasein per Dauer
    Und blinzelt gerissen zum dräuenden Aua!

    Die despotische Herrschaft des Unausgestreckten!
    Der aus Muskelfleisch tränende Drang nach Bewegung …
    Diese fiese Gewalt am in Ketten gesteckten
    Körper in regungslos tauber Erregung
    Der in die Polster rückenschwitzt
    Als Plattgedrückter grollt. Und sitzt.


  • Graz & das zweihundertfünfundachtzigste Gedicht

    DSC09323

    Mur und Graz.

    Die Grazer Art

    Grad, da aus dem Grazer Ratssaal
    Graf Zahl alles, was aus Stahl
    Stahl
    Sprachen barsch die Stadtbarone
    Und die Grazer Grazien: Ohne
    Gnade gelt’s derart missratene Grafen
    Mit Zahlung gar all ihres Bargelds zu strafen
    Und gewahr der Gefahr vor noch smarteren Taten
    Darf nach Grazer Art die Straf‘
    Garstig hart und arg geraten


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