Verse für die Phlegmatiker, denen man Wasser, Winter, Nacht, Baby- und Greisenalter zuordnet.
Die beschreibenden und erzählenden Gedichte.
Von der Naturlyrik bis zu allen Längenvarianten der Ballade.
Sollte Ihnen ein hier eingereihtes Gedicht eher den anderen Kategorien Erde, Luft oder Feuer entsprechen, bitte ich, mir eine Nachricht über www.hirnpoma.de zukommen zu lassen!
Gebückt und an Krücken auf Seebrücken geh’n
Sich über die Aussicht entzücken: „Ach, schön …!“
Entrückt das Bestehen des Glückes erseh’n –
Die näher gerückte Zurückfahrt bestöh’n
„Also, nächstes Jahr fahren wir wieder hier her!“
Und dann bleibt ein Stück auf der Seebrücke leer …
Wo einem Berlin noch wie Berlin vorkommt. Nach einem Schwarzbier mit Bauernfrühstück.
Unter den S-Bahnbögen
Unter den wummernden S-Bahnbögen
Gestanden sie stumm sich einander zu mögen
Befreit, beseelt sah’n sie sich an
Derweil die Bahn verschwand und dann
Enteilten auch sie, ohne weitere Worte
Doch fortan verbanden die zwei mit dem Orte
Wie nah man dort einander war
Obschon ja wirklich nichts geschah
Nachtrag:
Nun, wer den beiden zugeschaut
Schiebt dies auf im Lärm noch gefallene Worte
Doch dafür war’s dann echt zu laut
Und wer mehr versteh’n will – der lausche dem Orte!
Es scheut sich der Tag zwar, die Nacht zu berühren
Doch lässt sich das Nichts schon im Blinddarm verspüren
Selbst gröbste Selbstverständlichkeiten
Lümmeln sich auf beiden Seiten
Man wird’s dir mit berstenden Grenzen erklären
Mit der Tendenz zum Ungefähren …
Doch ist’s, dass die Fülle der Schönheit nur blitzt
Weil in ihrer Hülle ihr Abwesen sitzt
Der Herrgott tränkte einst dies Land
Dass aus den Blumen Butter sprießt
Und Seligkeit zum Treuepfand
Als Griebenschmalz durch Kehlen fließt
Wir sind überall Schinken
Unser Geld schwimmt im Heu
Hab’n vor allem Linken
Natürliche Scheu
Der Schmack im Fleisch, im Gras der Saft
Das Pfund im Brot, im Arm die Kraft …
Dass die Luft hier so klar ist, so sauber die Seen …
Auch die Schönheit der Berge gibt uns zu versteh’n …
Und dies ahnen genauso die weniger Frommen:
Das alles hat Bayern vom Herrgott bekommen
Idylle am Grazer Hauptbahnhof. Später wurde es ungemütlicher.
Der Zuggereiste
Die von Platznot befohlene Sitzposition
Lähmt mir alle Glieder von Anbeginn schon
Verfinstert mir seither das Dasein per Dauer
Und blinzelt gerissen zum dräuenden Aua!
Die despotische Herrschaft des Unausgestreckten!
Der aus Muskelfleisch tränende Drang nach Bewegung …
Diese fiese Gewalt am in Ketten gesteckten
Körper in regungslos tauber Erregung
Der in die Polster rückenschwitzt
Als Plattgedrückter grollt. Und sitzt.
Gäste im Abseits beim Poetry Slam im Landpark Lauenbrück.
Unter Tieren
Die Tiere sind immer in ihren Verstecken
Was sich unbedacht zeigt, wird schnell niedergestreckt
Der Wald wird Gewehrlauf und Fangzähne blecken
Wo ein Schnäuzchen zu weit sich in Lichtungen reckt
Die Tiere sind immer in ihren Verstecken
Sie sind nicht zu sehen und doch sind sie da
In blickdichten Dickichten nicht zu entdecken
Ihr’n Fluchtinstinkt zügelnd bei nah’nder Gefahr
Doch Angstschweiß verrät die Gedanken der Tiere
Ein spähender Blick streift die Fährte zum Bau
Die knurrenden Mägen markieren Reviere
Und Anwesenheit spürt ein Jäger genau
Dann schnellt eine Kralle ins Herz einer Höhle
Gellt ein Schuss, kläfft die siegreiche Jägersmann-Töle
Werden Kobel und Nester von Glut überfallen
Und Blutrunst durchstöbert die heim’ligen Hallen …
Doch die Tiere sind immer in ihren Verstecken
Es werden Verluste und Wunden beleckt
Kurz ohne ein Heim und ermattet vom Schrecken
Besteht eine Welt, die ist bestens versteckt
Moselschwimmer, vom Schönfärber verwöhnt. Und ein Rheingedicht. Mit Gruß aus Koblenz.
Treibgut (darum ist es am Rhein so schön)
Dass ein alter und schmutzigschauriger Fluss
Im Tal der Romantik sehr traurig sein muss
Mag jeder nach Stimmigkeit Dürstende glauben
(Und niemand soll hier ihm die Zuversicht rauben)
Auch zur Schmach der Dramaturgen
Schauen Fachwerk, Wein und Burgen
Auf die brackigbraunste Brühe
Die als Fahrtweg nur beliebt
Weil es all das andre gibt
Ach, leidige Idyllen-Mühe!
Da am stärksten dich genießen
Die sich dreist und mit Genuss
Ins gemachte Flussbett gießen
Nivelliert vom Überfluss
Da schwingt wohl eine kleine Fremdsprachensehnsucht mit … kaum, dass man fünf Tage nur in Deutschland war.
Karwenzig blasst de Avenhumm
Karwenzig blasst de Avenhumm uwer Pickwikkastell
Da einsamst klamm ehn Petersmann im Blottschreif durg de Astel
Sei Wündspalts purgelt furchtersicht, un krähwärts zirrt sei Nassen
Da hebbet sig de Mann un richt: „No kommet Darsteen Kassen!
No kommet he, no kommet he!“ – un all da Spritzback bämmst in’n sne‘
De Zarm kühn’ns nimmer fassen …
Verländert geift an letzt Gerück‘
Herdorch de Heen von Peters
Da spanend außig alsen Drück
Hinnach flächt dess Gezeters
Larendebt locht de Avenhumm un ab de Lurgen Beime
Von stillerst ward, niet angepelcht – vorkorst de lichten Eime
Un wenzig blasst de Avenhumm uwer Pickwikkastell
Klamm einerter de Petersmann. Im Blottschreif foh’sen Astel!
Beinahe Urlaub: drei freie Tage in München. Im, aber ohne Sommer
Moose und Mosern
Da atmen die keuchenden Bäume den Staub
Den der sonnendurchdrungene Boden nicht hält
Es senkt sich verzagend vom Zweige das Laub
Dem gilbenden Grase als Frage gestellt:
„Weißt du, ob des Regens belebender Guss
Ist schon auf dem Wege zu uns? Denn sonst muss
Das vom Frühling Erworbene wieder verderben
Und noch als Gedeihendes frühzeitig sterben!“
Da, wie auf ein Zeichen, verfinstern sich Wolken
Werd’n Wasser auf Wasser aus Watte gemolken
Den Pflanzen ist’s fraglos erlösender Segen
Nur ich moser‘ böse: „Den ganzen Tag Regen!“