Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten

Wasser

Verse für die Phlegmatiker, denen man Wasser, Winter, Nacht, Baby- und Greisenalter zuordnet.
Die beschreibenden und erzählenden Gedichte.
Von der Naturlyrik bis zu allen Längenvarianten der Ballade.

Sollte Ihnen ein hier eingereihtes Gedicht eher den anderen Kategorien Erde, Luft oder Feuer entsprechen, bitte ich, mir eine Nachricht über www.hirnpoma.de zukommen zu lassen!


  • Stalinallee & das eintausendeinhunderteinundvierzigste Gedicht

    In einem Häuserdurchgang der Karl Marx Allee / Otto Grotewohl Grundstein

    Regen in der Simon-Dach

    In Berlin ist der Regen am grausten
    Und treibt durch die Straßen wie desint’ressiert
    An all der temporär enthausten
    Unwürdigkeit, die da frömmelnd spaziert
    Und irrt
    Und irrt.
    Und irrt.
    (Man will etwas Spirit ja trotzdem erleben.)
    Und immer nasser,
    Blasser
    Wird.
    (Hier wirkt aller Abschaum nur herrlich daneben!)

    Es belächelt die Stadt die zerzausten
    Schöpfe, die ohne Berechtigung sind.

    In Berlin ist der Regen am grausten
    Und aus dir nieselt immer noch Schönheit, mein Kind!


  • Föhnblick & das eintausendeinhundertdreiunddreißigste Gedicht

    Münchner Hausberge und Frauenkirche

    Frühes Frühlingserwachen

    Die Luft sinnt klar mit reinem Klang
    Vom Baden in der Kälte!
    Wie immer ward das Warten lang,
    Eh sich das Jahr erhellte.

    Es rascheln Flieg- und Gliedertier
    Ihr schieres „Wir sind wieder hier!“,
    Als gäb’s ’nen neuen König!

    Die Sehnsucht knistert blümerant –
    Wie prickelnd plustert sich das Land!

    Und dann wird es gewöhnlich …


  • Schäfflertanz & das eintausendeinhundertfünfundzwanzigste Gedicht

    Schäfflertanz 2019 am Josephsplatz

    Dieser Songtext greift schon mal ein wenig vor. Aber was wir haben, das haben wir. Die letzten Nächte der Westend Bohème werden dann ab September 2019 monatlich begangen!

    Die letzten Nächte der Westend Bohème

    Wenn das Licht versinkt
    Und vom Gerüst der Hackerbrück‘ mit
    Angebroch’nen Weinflaschen die Trecks gen Westend zieh’n

    Durch die Bergmann hinkt
    ’ne cowboylose Tölenkrücke
    So als hätt‘ die Straße etwas Sehnsucht nach Berlin

    Da grüßen wir noch eben
    Den Rest vom süßen Leben
    In jedem „Grüß di/Servus!“ weht ja auch ein …
    Hauch von Abschied

    Refr.: Denn was heut so gut beginnt, könnte morgen schon vorbei sein!
    Der DJ schwankt noch zwischen Sex Pistols und Wham
    Es ist vielleicht nicht die, aber sicherlich schon eine
    Der letzten Nächte der Westend Bohème

    Die letzte Runde dreht
    Und ein verirrter Wies’n-Touri
    Trinkt mit dir am Tresen selig seinen dritten Schnitt

    Der Plan zum Neubau steht
    Die Umlaufbahn von dem Saturn ist
    Topsaniert und jeder fragt sich, komm’n wir da noch mit?

    Da grüßen wir noch eben
    Den Rest vom süßen Leben
    In jedem „Grüß di/Servus!“ weht ja auch ein …
    Hauch von Abschied


  • Max-Joseph-Platz & das eintausendeinhunderteinundzwanzigste Gedicht

    Max-Joseph-Platz vorm Residenztheater München

    Nächtliche Busfahrt zum Theater

    Sternschnuppenhuschend verblitzen die Lichter
    Auf beschlagnen Fensterscheiben
    Das Vage in ihnen appelliert an die Dichter
    Bei diesem Thema dran zu bleiben

    Was wäre es, gäb es hier etwas zu sehen?
    Was gäbe es, wär es für uns zu verstehen?

    Gelbliches Weltlicht wirft mähliche Schatten,
    Die vom Tage verblasst sich im Rinnstein begatten.
    Die lernen noch die Dunkelheit,
    Kleben uns an den Hacken wie fehlende Zeit.

    Was würde es, könnt hier noch etwas entstehen?
    Was könnte es, würd es nicht einfach vergehen?

    Die Schaufenster strahlen wie Suchscheinwerfer
    Über treues Kopfsteinpflaster.
    Keine Frage in mir stellt mein Augenlicht schärfer,
    Kein Vers ist ein zum Plan Gefasster.

    Doch manches scheint im Werden.


  • Mainzer Rheinufer & das eintausendeinhundertzwanzigste Gedicht

    Mainzer Rheinufer

    Zweiter Frühling

    Leise rieselt’s zu tötender Schicht, die verzäht.
    Sie schluckt glatt eine Stadt, die darunter gerät.

    Durch die Leisheit des Rieselns zur Andacht gelockt,
    Stapft manch Lausbub hinaus und wird untergeflockt.

    Doch vor
    Zugefror’nen Ohren
    Stoppt der Eltern Schelte.

    Mancher
    Meint sich neugeboren
    Als ein Kind der Kälte.


  • Davos & das eintausendeinhundertneunte Gedicht

    Ausblick auf Davos Platz

    Weltwirtschaftsgipfel

    Man rüstet sich zum Legoland,
    Dem Fetisch der Fassaden.
    Das Mägdlein wird vom Herd verbannt
    Und man fleht um die eigene Gnade.


  • Halsbandsittich & das eintausendachtundneunzigste Gedicht

    Halsbandsittich im Yalla Nationalpark

    Stille Weihnacht

    Ich entdecke
    In der hinterste Ecke
    Der Wohnstube, wohin sonst niemand gerät
    (Wo höchstens mal drohend ein Einbrecher steht),
    Einen mächtigen
    Prächtigen
    Leuchtenden Baum,
    Und Festlichkeit durchströmt den Raum,
    Spiegelungen potenzieren
    Warmes Licht wie Grippeviren,
    Ärmlichkeit scheint überwunden
    In der Herrlichkeit für Stunden.

    Doch dahinter sehe ich
    Zwischen den Zweigen,
    Die Einbrecher wieder in Vorfreude schweigen.


  • Bindenwaran & das eintausendsechsundneunzigste Gedicht

    Bindenwaran im Yalla Nationalpark

    Wägenmut

    Das Quarren alter U-Bahnwägen
    In den angekurvten Schrägen –
    Wie aus aufgewühlten Mägen.
    Geradezu, als ob den Trägen
    Unzumutbar schmerzend Last
    Aufgeladen.

    Nun diesen Schaden
    Auszubaden,
    Geht hart in die Wagenwaden.

    Doch ’ne Waage
    Checkt die Lage:
    Unzumutbar? Nicht mal fast!


  • Victoria Viharamahadevi Park & das eintausendzweiundneunzigste Gedicht

    Buddha Statue im Viharamahadevi Park in Colombo

    Weihnacht

    Als wär’n wir noch nicht eingeschult,
    Dackeln wir durch der Tage Schablone –
    Im schönsten Sinn von abgespult.
    An jedem Klimbim prangt ein „Geht halt nicht ohne!“.

    Und überall
    Liegen Babys im Stall.

    Als wär’n wir wissensresistent,
    Umarmen wir warmherzig uralte Lieder.
    Wenn erst die vierte Kerze brennt,
    Kehrt auch jeder Brauch völlig unbrauchbar wieder.

    Und überall
    Liegen Babys im Stall.

    Als wär’n wir vor Vergessen blind,
    Erscheint uns der Trott in perfekt schnurr’nden Gleisen.
    Und jährlich grüßt das Christuskind
    Auf den unsere Wagenburg schmückenden Weisen

    Und überm Stall
    Beginnt fast schon das All.

    Mehr Gedichte zu Weihnachten & Ostern


  • Dambulla & das eintausendachtundsiebzigste Gedicht

    Chipstüten am Straßenshop in Dambulla

    Vom Duften

    Heiße Luft bläht die Blüten der Chipstütenrispen
    Und die Tuk Tuks hupen wie Grillenkonzerte

    Wie viel kann der Duft aus den Straßenbaumknospen
    An Süße und Orient noch für Nüsse verschenken?

    Als gelte sein Zauber alleine dem Strömen

    Im Mantel verwandelter Mädchenbrustknospen
    Feiert seinen Bestand als das bald schon Verzehrte:

    Die Luft in den Blüten der Chipstütenrispen


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