Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten

Wasser

Verse für die Phlegmatiker, denen man Wasser, Winter, Nacht, Baby- und Greisenalter zuordnet.
Die beschreibenden und erzählenden Gedichte.
Von der Naturlyrik bis zu allen Längenvarianten der Ballade.

Sollte Ihnen ein hier eingereihtes Gedicht eher den anderen Kategorien Erde, Luft oder Feuer entsprechen, bitte ich, mir eine Nachricht über www.hirnpoma.de zukommen zu lassen!


  • Der tote Elefant & das eintausenddreiundsechzigste Gedicht

    Totes Elefantenbaby im Bwabwata Nationalpark

    Ripostegedicht auf Rilkes „Das Karussell“

    Das nächste Karussell

    Gib Acht, mein Kind, wenn der Schatten dreht!
    Dann hat hier im Weiler fast nichts mehr Bestand
    Denn ein Bund von Gefährten erschafft sich sein Land
    Und Umtrieb spricht ein Hetzgebet
    Sie alle haben Wut in ihren Mienen
    Und große Böen weh’n mit ihnen
    Und dann und wann auch ein toter Elefant

    So gart das Hier in noch stiller Gewalt
    Schnurrt vor Sattheit so träge wie drückend
    Maues Gebläh scheint wie in sie gekrallt

    Und jedem liegt stets ein Beweis auf der Zunge
    Man erhebt wie zum Schwur seine rechteste Hand
    Da bölkt’s wie von Zähheit gezeichnetem Schwunge

    Und dann und wann auch ein toter Elefant

    Wer will sich noch in Verkommenheit üben?
    Wer tätschelt Gebelle mit werbenden Zungen?
    Wer eint alle wachsam zerstrittenen Jungen?
    Schauder und Aufstand gerier’n sich in Schüben

    Und dann und wann auch ein toter Elefant

    Und Volk geht hin und weiß nicht, was es wendet
    Und kräht nur dreist und hat kein Ziel
    Ist roh und zürnt wie vom Grauen geblendet
    Und teilt sich den Traum vom gewonnenen Spiel
    Ein Mahnmal wird leicht übersehen
    Wenn’s Wissen erblindet und verschwindet
    Weshalb so ein Dickhäuter fiel


  • Havel & das eintausendachtundfünfzigste Gedicht

    Havel bei Potsdam

    Ripostegedicht zu Goethes „Zauberlehrling“

    Der Laubbaumsperling

    Hat im alten Zweiggeäste
    Äsend Rehlein nachts gewütet?
    Aufgewellt häng’n welk die Reste
    Die ein Jahr lang ich behütet!
    Siechen gelb und gräulich
    Manche sind fast braun
    Krümmen sich abscheulich
    Grässlich anzuschau’n

    Wackle, wackle
    An dem Aste
    Lös‘ die Last der
    Toten Blätter
    Da ich nicht mehr länger fackle
    All das Laub zu Boden splätter‘!

    Seht, schon gehen die danieder
    Die dem Grün ihr Kontra boten
    Gänzlich frisch strahlt alles wieder
    Niemand trauert um die Toten
    Und in neuem Leuchten
    Glänzt mein heim’lig Baum
    Wie in einem feuchten
    Sperlingmärchentraum!

    Wackle, wackle
    An dem Aste
    Lös‘ die Last der
    Toten Blätter
    Da ich nicht mehr länger fackle
    All das Laub zu Boden splätter‘!

    Kaum, dass ich mein Werk vollbracht hab‘
    Gilbt es schon am nächsten Zweige …
    Noch halt‘ ich hier eisern Wacht ab!
    Was ich rasch dem Rott’nden zeige
    Und mit frischem Mute
    Tu ich, wie’s erprobt!
    Spür den Stolz im Blute
    Mein Erfolg mich lobt

    Rüttle, rüttle
    An den Stellen
    Wo die hellen
    Blätter kleben!
    S’soll am Ast, an dem ich rüttle
    Nichts als grüne Blätter geben!

    Aber wehe, noch bevor der
    Nächste Tatort ist bereinigt
    Dringt zu mir die höchste Order
    Dass die Krone Welkung peinigt!
    Und im Wipfel seh‘ ich
    Gelb und Braun und Rot!
    Denk‘ noch, ich sei fähig
    Herr zu werd’n der Not …

    Doch dann birgt der
    Ganze Himmel
    Farbgewimmel
    Sondergleichen!
    Schon ist mein Plan ein Verwirkter!
    Keine Kraft kann hierfür reichen!

    Rasend schnell erbleicht das Grünen!
    Mir bleibt, hilflos zuzuschauen …
    Soll wohl für den Hochmut sühnen
    Dass ich Herrscher ward dem Grauen?!
    Und es schwebt von selber
    Nieder Blatt um Blatt!
    Alle Welt wird gelber
    Alle Welt wird matt

    Wie ist jener
    Anblick schmerzlich
    Da nun leert sich
    Ganz die Krone!
    Baum, der einst belaubt wie keener
    Zeigt sich plötzlich gänzlich ohne!

    Ach, hätt‘ ich doch nie gerüttelt
    Nie die Grenze übertreten
    Nicht das Laub selbst abgeschüttelt!
    Muss jetzt brav zum Meister beten:
    Herr, der du verwaltest
    Jedes Blatt der Welt
    Gut, dass du mich schaltest!
    Weil mir nun erhellt:

    Sperlingschnäbel
    Soll’n sich hüten
    Rumzuwüten
    Im Geäste!
    Spüre nun der Demut Säbel …
    Danke, Meister, bist der Beste!

    „Dennoch sollst du bitter büßen
    Spatzenhirn, für deine Taten!
    Blätter lass ich wieder sprießen
    Aber du kannst lang drauf warten:
    Bis es wieder grünt, sollst
    Du erfroren sein!
    Doch nachdem du blutzollst
    Schwebt mir vor, dass dein

    Reuig Sühnen
    Fortan stünde
    Für der Sünde
    Früherkennen!
    Drum soll man das Neu-Ergrünen
    Dir zur Ehre Frühling nennen!“


  • Treptower Park & das eintausendsechsundfünfzigste Gedicht

    Das Treptower Ehrenmal

    Das Treptower Ehrenmal

    Den Treptower Ehrenmalerdhügelmann
    schau‘ ich mir sehr gern und auch häufiger an

    Ditt Hakenkreuz noch anne Hacken
    rechts Schwert und links das Kindlein packen
    wirft er gemächlich seinen Schatten
    auf Gras und Grab- wie Gehwegplatten

    Dem Dichter: Oase, herrscht allmächtig: Stille
    Davon gibt’s ja sonst hier nu wirklich nich ville

    Und drum beehr‘ ich’s hundertmal
    als Versemehrers erste Wahl!


  • Buchs & das eintausendsechsundvierzigste Gedicht

    Im Schlosspark Nordkirchen

    Die zwei Jahreszeiten

    Die Sonne schwalbt durchs Schattgeäst
    Und Laub wie Laub krönt Welten farben
    Wie wallt sich auf zum Schatz der Rest!

    Als würde noch geheim: Es starben
    Die Prachten solcher Königtümer
    Im angestammten Jahrestakt
    Und üblich reisst’s von ungestümer
    Glorie Herzhaut, falben nackt

    Für dich regt sich schon Auferstehung
    Mit mir schimpft Herr St. Nimmerlein
    Schwenkt längstens in die Unumgehung
    Des baldigst Ganz-Gewesens ein


  • Landschaftspark & das eintausendfünfunddreißigste Gedicht

    Landschaftspark Nord

    Linie 903

    Gab’s je genügend Traurigkeit
    Sie diesem Ort zu spenden?

    Caramba, Mutter, es wird Zeit:
    Ich supp‘ schon vor Verenden!

    Was an möglicher Schönheit hier degeneriert
    Weil jegliches über- und unterdosiert
    Kappt jeder Hoffnung Strang

    Man säuselt der Besserung Segen entgegen
    Vertäut mit nur einem von täusenden Wegen

    Es däuert nur so lang


  • Hochjoch-Hospiz & das eintausendneunzehnte Gedicht

    Auf dem Weg zur Hochjoch-Hospiz

    Im Whiteout

    Nachdem der Himmel beschloss, sich einzuweißen
    Schien der Erdgeschosshorizont in ihn zu gleißen
    Und die Unendlichkeit rückte näher

    Im Unerreichtsein schlief die Welt wie verwunden
    Nur Gesichtsloses ward miteinander verbunden
    Und die Unendlichkeit drückte zäher

    Bis zu dem Punkt, wo alles Weiß / nicht Zustand, sondern Schicksal ist
    Und jedes Ziel zum Gegenschlag / mit ungestümen Willen frisst

    Kein Weg, der sich zur Richtung zieht
    Beregelt dieses Nicht-Gebiet

    Ein eisiger Wind kristallt: „Lebensgefahr!“
    Es entschwebt alle Regung
    So haltlos
    So bar


  • Spurenelemente & das eintausendzwölfte Gedicht

    Im Giardino Giusti

    Im Giardino Giusti

    Im Wuchs
    Der Buchs-
    Baumhecken
    Entdecken sich, verstecken-
    Derweise,
    Sehr, sehr leise -:
    Zwei ungemischte Paare,
    Die je das Andere finden
    Zum zärtlich sich Verbinden
    (Man weiß nun: nicht auf Jahre)

    In mancher Gärten Lauschigkeit
    Verzehrt’s uns nach dem Rausch zu zweit

    Und vieles wird zu Spuren
    Von abgelauf’nen Uhren


  • Giardino Giusti & das eintausendsiebte Gedicht

    Im Giardino Giusti

    Die Kameseilie

    Von der Einsicht, die Welt würde immer vorangeh’n
    Sah ich vier Kadaver versinken
    Man konnte ein Leben ihn’n wirklich nicht anseh’n
    Doch träum‘ ich seither vom Ertrinken
    Meine Sorge um sie
    Führt des Nachts die Regie
    Und obschon auch mein Bett Traulichkeiten umsteh’n
    Seh‘ ich um sie Blaulichter blinken

    Von dem Mantra, der Fortschritt schlüg‘ goldene Routen
    Sah ich drei Metalle verblassen
    Schon wollt‘ ich dem Kelch kein Getränk mehr zumuten
    Erschrocken von gültigen Massen
    So als ging’s Stück um Stück
    Auch schon wieder zurück
    Doch waren nicht wir hier und immer die Guten?
    Wer könnte grad uns ernsthaft hassen?

    Aus dem Glaube, der Drall läs‘ sich aus den Geboten
    Sah ich, wie zwei Seiten sich lösten
    Wie läppisch sprach sich das Gedenken der Toten
    Bevor sie den Schlachtplan entblößten

    Aber eins sah ich noch
    Das verhinderte doch
    Dass wir mit der Anderen Dämm’rung verrohten

    Da wir in die Schlusssequenz dösten


  • Gardasee revisited & das neunhundertneunundneunzigste Gedicht

    Malcesine am Gardasse

    Italienische Reise

    Es stimmt, Johann Wolfgang, es ist diese Flora, die andre Geschichten erzählt
    Die Mitgift ans Dunkel verlorener Tage warnt: Wandrer, Du hast Dich verwählt!
    Hier sumpfen die Täler im Sonnenbenzin, hier lallt alle Landschaft Limone
    Hier prallt sich der Apfel, der Farb-DIN entgrenzt (auch ich fühl‘ mich plötzlich so ohne)

    Küstenwärts flüstert sich Südlichkeit ein, in den Seen plätschert etwas Karibik
    Mein Sächsisch berlinert sich seinsblümerant und pfeift durch die Zähne: Ditt lieb ick!
    Ein ahnender Duft stürzt aus fremden Gewächs, altrömische Gärten zu füllen
    Die Lust wird von Eidechsenzungen gedämmt, zur Brustgröße schwill’n die Papillen …

    Ja, wer sich zu einer Reise entschließt, ist im besten Fall völlig verschwunden
    Sobald dann daheim das Genießen verwaist, soll uns die Erinnerung munden!


  • London revisited & das neunhundertvierundneunzigste Gedicht

    In der Tate Modern

    Todschick

    An der Schwelle zum Alter empfing mich der Tod
    Mit „Kann ich Ihnen behilflich sein?“
    In der Fremde oft schnell in Erklärungsnot
    Gelang mir zur Antwort ein griffiges „Nein,
    Ich schaue mich vorerst hier nur etwas um.“
    (Und brauch dazu kein Publikum!)

    „Aber gerne!“, entgegnete denkbar devot
    Und von Dienstleistungseifer beseelt
    Der fortan nicht mehr von mir weichende Tod
    „Sie melden sich, wenn Ihnen irgendwas fehlt?
    Wir hab’n jede Krankheit von Krebs bis Katarrh
    Auch noch in andren Größen da!

    Und ich weiß ja, man zögert es gerne heraus
    Auch Ernsthaftes mal zu ertragen
    Doch schlussendlich ist’s ja für viele im Haus
    Die letzte Chance etwas zu wagen!
    Das Leben ist kurz – heißt das elfte Gebot!“
    Bekräftigte nochmals wie freundlich der Tod

    Und obschon ich ihn anfangs mit Argwohn beäugt
    Fühlt‘ ich mich auch etwas geborgen
    Er hat schon Millionen von sich überzeugt
    Und erlöst von der Last aller Sorgen

    Also ging ich zur Probe
    In seine Garderobe
    Nahm mir das nächste Stück und fand
    Dass dieses mir schon prächtig stand
    Wie jedes Stück der Kollektion –
    Das ist vielleicht des Alters Lohn

    An der Schwelle zum Alter empfing mich der Tod
    Und machte mir ein Angebot
    Mir war bis dato gar nicht klar
    Wie nahe ich ihm da schon war


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