Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten

Wasser

Verse für die Phlegmatiker, denen man Wasser, Winter, Nacht, Baby- und Greisenalter zuordnet.
Die beschreibenden und erzählenden Gedichte.
Von der Naturlyrik bis zu allen Längenvarianten der Ballade.

Sollte Ihnen ein hier eingereihtes Gedicht eher den anderen Kategorien Erde, Luft oder Feuer entsprechen, bitte ich, mir eine Nachricht über www.hirnpoma.de zukommen zu lassen!


  • Trinidad & das zweitausendsiebenundachtzigste Gedicht

    Blick auf den Plaza Mayor von Trinidad

    Trinidad (ich muss dich lassen)

    Es prägt das Städtchen Trinidad
    Der maximal mögliche Sättigungsgrad
    Eines Ortes bezüglich Musik
    (und das macht man auch zügig publik).

    So tönt im Städtchen Trinidad
    Ein scheinbar unbändiger Band-Apparat
    Sein Guantamemuchachandante
    (und improvisiert durchs Bekannte).

    Man lässt das Städtchen Trinidad
    Nie, wie man’s zu Beginn betrat,
    Da das Wippen im Fuß sich noch hält
    (selbst wenn längst wieder Schneeregen fällt).


  • Nachmieter & das zweitausendsiebenundsiebzigste Gedicht

    Einer der von neuen Mietern genutzten Stadtpaläste Havannas

    Havannas Paläste in der Wiederverwertung

    Es ist, scheint’s, die Gerechtigkeit
    Nicht sehr erpicht auf stilgerecht.
    Zunächst vergeht doch sehr viel Zeit,
    Dann muss es schnell geh’n – oft wird’s schlecht.

    Man schaut auf alter Prachts Verfall
    Als das, was wir erstritten –
    Verwittert mit im Abgasschwall
    Längst ausrangierter Schlitten.

    Man restauriert ein Überall
    In stets zu kleinen Schritten
    Und überhört den Widerhall,
    Wie hart man einst gelitten.

    Bewerten wir Gerechtigkeit
    Bisweilen etwas ungerecht –
    So, weil halt Optik sehr laut schreit,
    Wenn man zu viel an Schönheit blecht.


  • El Cubano Nationalpark & das zweitausendsechsundsiebzigste Gedicht

    Lichtspiel im El Cubano Nationalpark

    Ripostegedicht auf das Gedicht „Zusammenkunft. Ostasiatischer Zirkel“ von Ai Qing

    Zusammenkunft in Reimen

    Hier ein Grüppchen, da ’ne Gruppe,
    Hier Gelaber, dort ’ne Fluppe,
    Erst’res um sich selbst rotierend,
    Letztere ward selbst gedreht,
    Multilingual parlierend,
    Da man sich auch stumm versteht.
    Da Dispute sich erhitzen –
    Wütend aufsteh’n … wieder sitzen.

    Und wie von Sehnsucht angefacht,
    Entflammen Wut und Glut die Reden
    Und jed‘ Wort, das miterwacht
    Schürt; erzürnt und rührt hier jeden.
    Um diesen vibrierenden Brutkasten schließt
    Jene leblose Stadt ihren Rahmen
    Im Regen, der kühl sich ans Fenster ergießt –
    Sie bemüßigt sich nicht fremder Dramen,
    Die heiß zu verfechten, ein Grüppchen erfrecht sich
    In Paris, rue Saint-Jaques, in dem Haus 61.


  • Camagüey & das zweitausendvierundsiebzigste Gedicht

    Die Plaza de San Juan de Dios in Camagüey

    Plaza de San Juan de Dios

    Der Platz schwitzt aus dem Pflaster: „Alles fertig zur siesta!“
    Fast übernimmt die Nostalgie das Maß für dich, mein Bester!
    Bloß billigt jeder Wohnungsschacht ein sehr bejetztes vida,
    Bezirzt mit letztenbehrtem Ton durch stolzbewährte Lieder.
    Die sol spielt eine Rhumba an, verschickt ihre Kassiber –
    Drauf rührst du dir den Rum ins Eis und schlürfst Genuss, mein Lieber!


  • Valle de los Ingenios & das zweitausendeinundsiebzigste Gedicht

    Ruinas de Ingenio San Isidro de los Destiladeros im Valle de los Ingenios bei Trinidad

    Unabhängigkeit

    Wir ruhen auf dem Fundament
    Aus „Momentan nicht lieferbar!“,
    So lange jemand einen kennt,
    Wo alles noch viel schiefer war.

    Die neue Folter heißt Geduld,
    Der Sklavenhalter Zeit.
    Die Strenge ölt das Lehrerpult
    Und preist Genügsamkeit.

    Ein Einspruch schreit hier mannigfach,
    Sobald ihn wer benennt.
    Doch fehlt auch alle Kraft zum Dach –
    Es bleibt: ein Fundament.

    Alle Rechte bei Christian Jobst, der das Gedicht im Rahmen der Kubafestival-Spendenaktion von mir gekauft hat.


  • Viñales Downtown & das zweitausendachtundsechzigste Gedicht

    Abend stimmung am Ortsausgang von Vinales

    Viñales

    Im Spalier des Schaukelstuhls
    Liest man per Blick die Predigt,
    Das Licht taucht in die Blütenpools.

    Es stellt das Dorf in Einigkeit
    Die Uhr’n auf Feierabendzeit,
    Und alles ist erledigt.


  • All in one & das zweitausendsiebenundsechzigste Gedicht

    Kleines Riesenrad im All in one Center von Varadero

    Diesig

    Einsam schweigt sich Farbe aus
    In Klage übers Licht –
    Das eingeklappte Rad des Pfaus
    Deckt lau opake Schicht.

    Die Helle kommt heut nicht mehr raus
    Und schließt von innen ab.

    Am Wall verhallt der Nicht-Applaus
    Und rieselt still hinab.


  • Trinidad & das zweitausendeinundsechzigste Gedicht

    In den Gassen der Stadt Trinidad

    Memento mori cubano

    Wo der Ruhm ab Geburt zum Verfall übergeht,
    Ist die Oldtimerpflege ein Hobby aus Not.
    Man umfleht manch Ruine, dass sie‘s übersteht,
    Nutzt die Spielraumausdehnung zum Dino-Verbot …

    Jede blendende Idee besticht
    Der Stachel der Verblendung,
    Und jede Sensation macht dicht
    Just nach ihrer Vollendung.

    Doch hernach wird im Drumherum improvisiert,
    Man besänftigt das Ar vor dem Mut,
    Mixt sich Hoffnung an, obzwar man offenbar irrt.
    Vielleicht geht, vielleicht wird: alles gut.

    Alle Rechte bei Wolfgang Ramadan, der das Gedicht im Rahmen der Kubafestival-Spendenaktion von mir gekauft hat.


  • Mystique & das zweitausendsechzigste Gedicht

    Sonnenuntergang bei Varadero

    Kuba

    Es umströmt die Karies der Weltpolitik
    Die Strände der Insel, die Zuckerrohr scheißt.
    Noch strauchelt die Süße des Lächelns im Sieg,
    Wenn kurz vorm Gelächter die Wehmut es beißt.

    Noch schmeckt man auf Kuba das Salz jeder Träne –
    Doch alte Gewalt hat bald sehr schlechte Zähne.
    Wer im Leiden trainiert ist, den bringt nichts mehr um –
    Und der erntet aus Zuckerrohr goldenen Rum.

    Alle Rechte bei Markus Berg, der das Gedicht im Rahmen der Kubafestival-Spendenaktion von mir gekauft hat.


  • Where the World is Melting & das zweitausendfünfundvierzigste Gedicht

    Eingang zur Ausstellung "Ragnar Axelsson. Where the world is melting." im Kunstfoyer der Versicherungskammer München

    Piteraq (am Eismeerbeach)

    Auf der Masse im Jenseits acht arktischer Staaten
    Lastet achtzig Prozent aller Nacht.
    Dort, wo achtsame Spalten auf Wanderer warten,
    Zahlt das Unbarmherz bargeldlos Pacht.

    Doch auf schmelzenden Schilden voll gleißendem Licht
    Braut ein Lab, wenn’s durchtränkt wird vom Eise.
    Es knarzt die auf Hoffnung beharrende Schicht
    Und ein Gletscherkalb geht auf die Reise.

    Jeder Eisluftsturz tobt in die Beiläufigkeit,
    Entgrimmt sich gewiss bis zur Tagesschauzeit,
    Unerbittlich durchfährt uns belebender Frost
    Und alles wird sichtbar. Und alles ist lost.


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