Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten

Wasser

Verse für die Phlegmatiker, denen man Wasser, Winter, Nacht, Baby- und Greisenalter zuordnet.
Die beschreibenden und erzählenden Gedichte.
Von der Naturlyrik bis zu allen Längenvarianten der Ballade.

Sollte Ihnen ein hier eingereihtes Gedicht eher den anderen Kategorien Erde, Luft oder Feuer entsprechen, bitte ich, mir eine Nachricht über www.hirnpoma.de zukommen zu lassen!


  • Neuschwanstein? & das eintausendneunhundertachtundneunzigste Gedicht

    Der Archiconvent der Templer in München

    Reisevorbereitungen 1: Das Körperpacken

    Beim Beinhalten sei mir mein Koffer ein Fuß.

    Der Arme erbarmt sich zum hoffenden Gruß
    An großkopfertpropfenden Reinstopfinhalt –
    Als Krüppel entrückt alle Koffergestalt.

    Mit Wut und Blutdruck zugeklappt,
    Verkörpert er die pure Pein.
    Hat erst das Schlosswort zugeschnappt,
    Beknie ich schon das zweite Bein.


  • Zugvogel? & das eintausendneunhundertsechsundneunzigste Gedicht

    Überwinternde Gans am Flauchersteg

    Pure Chance (Die Überwinterer)

    Wenn ihr die
    Hiesigen Breitengrade
    Grad Unbehagen bereiten
    Und ihr der Biss des Winters stinkt,
    Tragen sie alsbald die Weiten
    Ihrer Flügel und beschwingt
    Gleitet sie gen Afrika
    Für ein gutes Vierteljahr.

    Dort gilt’s bloß, Hyänenzähnen
    Forsch die Stinkefeder zeigen!
    Und beim Anblick größ’rer Mähnen
    Hoch in heiße Höh’n zu steigen,
    Um auf flirr’nder Luft zu segeln
    Und der Rest wird sich schon regeln
    Im besagten Vierteljahr.

    Heute klagt man: Afrika
    Sei noch so ein Sinnbild vom Voll-Übertreiben –
    Man müsse doch gar nicht so weit!
    Denn die, die im Froste vor Orte hier bleiben
    Wärmt Flucht als pure Möglichkeit.


  • Île aux Nattes & das eintausendneunhundertdreiundneunzigste Gedicht

    Rückblick auf frühere Reisen: Schwarzweißer Vari auf der Nachbarinsel Île aux Nattes von Sainte Marie/Madagaskar

    Vari-Verse

    Wär‘ i ein schwarweißer Vari
    (die Wahrscheinlichkeit erspar‘ i
    mir mal hier zu eruier’n – möcht‘ kein Wirrwarr provozier’n)
    fühlt‘ i wahrlich
    wunderbar mich!

    Lauthals schreiend rumzutoben
    ob am Boden oder droben
    auf der Wipfeln höchsten Zipfeln
    Flauschigweißes Engels-Fell
    (stellenweise nicht ganz hell)
    Kerl der puscheligsten Dern

    Wahrlich, Vari wär‘ i gern!


  • Nachtwanderer & das eintausendneunhundertzweiundneunzigste Gedicht

    Rückblick auf frühere Reisen: Mausmaki by night auf Madagaskar

    Schluss und aus, Maki Maus

    Sie, Marquis Maus, schau’n handlich aus
    ein Fäustling wär‘ Euch ein Full House

    Als heller Kopf scheut Ihr das Licht
    mit knopfbeäugtem Trollgesicht
    welches aufglüht im blendenden Schein meiner Maglite
    und wir starren erstarrt, bis dass Ihr plötzlich weg seid

    Nur mäuschengroß sind Nachtmakisen
    doch Motten fürchten sich vor diesen
    Sie entflieh’n den Grapschern, schrei’n stumm: „Oh, Graus!
    Herrmott, was schau’n die riesig aus!“


  • Brauner Lemur & das eintausendneunhunderteinundneunzigste Gedicht

    Rückblick auf frühere Reisen: Brauner Lemur auf Madagaskar

    Grund zu grunzen, Brauner Lemur!

    Plumper, munt’rer Brauner Lemur
    immer kregel, stets „Juchhe!“ – nur
    nennt zu selten jemand schön dich
    weil dein Anblick zu gewöhnlich

    Hockst halt rum auf allen Zweigen
    tust auch ungesucht dich zeigen
    Kaum zuckt wer ’ne Kamera
    hockt die ganze Horde da!

    Ein als Star hier Geltender
    macht sich rar. Und seltener
    kriegt ihn jemand zu Gesicht

    Dir, du Racker, liegt das nicht


  • Seinesgleichen & das eintausendneunhundertneunundsiebzigste Gedicht

    Flamingos im Zoo Berlin

    Das letzte Blatt (Herbst im Salon)

    Die ausgeteilten Karten
    Hat sie nicht mehr aufgenommen.
    Daneben, längst verkommen:
    Die mit Ehrfurcht aufbewahrten
    Pralinés (und nicht Pralinen
    Sagt – wer preisbewusst – zu ihnen)
    Von der Firma mit dem Namen
    Und dem Flair vergang’ner Zeit,
    Da ein Bridgetisch steht bereit
    Für Partien von großen Damen
    (Die sich niemals Frauen nennen
    Und an Pralinés erkennen)

    Und stoisch wirbt dieses verdeckte Blatt,
    Da die Fotos von ihr längst verblichen.
    Nichts von einst gepflegtem Trott findet noch statt
    Und der Glanz der Callets ist gewichen.


  • Bienenfresser & das eintausendneunhundertachtundsechzigste Gedicht

    Bienenfresser in der "Welt der Vögel"-Vogelhaus im Zoo Berlin

    Der Minnesang

    Es ist ja grad die Hohe Minne
    Im Tiefen zu erspür’nden Sinne
    Ohne Maß.

    Das immergleiche Leid als Suhlgrund
    Empfand man einst als megacool und
    Man blieb dem Trip der Agonie fromm,
    Dem Liebesrausch, obschon man nie vom
    Mohne aß.


  • Kakteenschwemme & das eintausendneunhunderteinundsechzigste Gedicht

    Kakteen im Jardin Majorelle

    Nach der Eiszeit II

    Die Statuen im Wasser sind Zeugnisse einer nicht überlieferten Eiszeit,
    Da längst Elefanten an den Ufern grasen
    In unerreichter Weisheit.
    Grasen,
    Obwohl sie einst Bäume zerplückten –
    Doch den Voreiszeitdrang sodann unterdrückten,
    Als die Sockel nach neuen Helden riefen,
    Da die Welt so durchplumpst war von schweigenden Tiefen.
    Und man fügte sich ganz ohne Arg einer Ruhe,
    Verschluckte das einst so bewährte Getue.
    „Gras“, raunt ein Stein, dessen Stahlgestreb rostet.
    „Vom Wertlosen habe ich niemals gekostet.“


  • Oberbaum & das eintausendneunhundertsechsundfünfzigste Gedicht

    U-Bahn auf der Oberbaumbrücke vorm Eierspeicher Universal Gebäude

    Dem tapferen Baum an der Warschauer Brücke

    Auferstanden aus Ruinen
    Und aus Rinden, winterstarr
    Zwischen Tram- und S-Bahnschienen
    Blühst du auf! Wie jedes Jahr.

    Unbeugsame Flowerpower
    Trotzt dem eitlen Gammel-Look
    Spammt dich auch ein noch so rauer
    Degentrifizierungsdruck
    Du sagst durch die Blume, unbeirrt
    Es freue dich, dass Frühling wird!

    Umströmt vom Party-People-Muff
    Versumpfter Twens nach Billigsuff
    Schluckst du den Touripöbelpiss
    Nebst Pennerwein und Tölenschiss
    Wirst regelmäßig vollgestrullt
    Und unaufhörlich eingelullt
    Vom Atzen-Sang von Kevins Miss
    Von Studi-Talk und Bullen-Diss
    Doch du blühst weiter, unbeirrt
    Freust dich halt, dass Frühling wird!

    Du konterst mit dem Blütenkleid
    Der allgemeinen Hässlichkeit:
    „Ich zieh mir heut wat Schicket an
    Und frische auf, so gut ich kann!
    Ein Frühlingserwachen in ewiger Dreckzeit
    Und vielleicht halt‘ ich durch, bis dass ihr alle weg seid!“

    Muss Schönheit auch vergänglich sein –
    Ich zähl auf dich, Baum, häng dich rein!

    In zwei Wochen ist all dein Zauber verblüht –
    So lang sei Oase dem edlen Gemüt!


  • Gummibäume & das eintausendneunhundertzweiundfünfzigste Gedicht

    Reifenhalde in der Nähe vom Waldseiter Hof

    Die adventlichen Müllsammler

    Der Marabu ist mein Begleiter
    Beim Schreiten durch den Müll.
    Wir sind umwolkt von Futterneid, ver-
    Meiden aber still
    Und schweigend, hier Formen der Missgunst zu zeigen –
    Uns eint wie entbrüdert, die Kunst abzuzweigen
    Von dem, was hierher abgemüllt
    Und unsre simplen Mägen füllt,
    Seit Bissenwissen uns umweht,
    Von dem, was andren obsolet.

    Wir teilen als glücklose Stelzvögel hier
    Die Früchte der feuchtwarmen Zone.

    Uns kümmert nicht mehr, ob da Mensch oder Tier
    Ist fremderleuts Herrgottes Sohne.


Die 272 Städte/Länder der Fotos (2016-2026)


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