Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten

Grusel

Mysteriöses, Düsteres und Unheimliches. Gruselgedichte!


  • Tate Modern & das sechshundertsechsundsechzigste Gedicht

    Tate Modern

    666

    Lass unsrer Körper Rohheit noch weiter vergröbern
    In Stumpfheit und Dumpfen akribischstens stöbern
    Unsre Eintönigkeit soll vernichtender wüten
    Und fortwährend nur das Entsetzlichste brüten

    Uns verfinstert die Schwärze von Abgrund und Fäule
    Das Schnauben der apokalyptischen Gäule
    Wir woll’n rücksichtslos jedweden Zustand zerstören
    Und uns dem Ruin wie dem Abgrund verschwören

    Unser katastrophales Dahinvegetieren
    Wird tödliche Unruhe kontaminieren
    Und den tödlichen Wahn, auf dem lässig wir gleiten
    Besprenkeln bald Gehässigkeiten

    Wir sind von neuem Unglück erschütterte Wesen
    Von Qualen und Fürchterlichkeiten erlesen
    Anstatt zerbrechlich woll’n wir nun verbrecherisch sein
    Und Widerwärtigkeiten spei’n

    Von verzagenden Balken ward unlängst berichtet
    Die grundlos von Armut zugrunde gerichtet
    Man beklagt sich bei uns sichtlich entrüstet: „Warum?“
    Drum.


  • Septembertiefe & das sechshundertvierundsechzigste Gedicht

    Am Ammersee

    Unter Stürzenden

    Die Luft ist hier ein Kilo schwerer
    Die Nächte fast elfmal so kalt
    Hier zieht noch der Flächenbeteerer
    Den Hut vor dem dräuenden Wald

    Der Pfarrer fragt uns, wo es weh tut
    Wir werden von jedem gegrüßt
    Sind Brüder und Schwestern in Demut
    Und haben für all das gebüßt

    Wir schmecken lebendige Süße
    Doch niemals ganz ohne Verdacht

    Dir, Mutter, die herzlichsten Grüße
    Ich wünsch dir ’ne bessere Nacht


  • von Wittelsbach & das sechshunderterste Gedicht

    Reiterstandbild Herzog Ottos von Wittelsbach

    Süßer Gries

    Schnitzt aus meinem Schädelknochen
    Euch ein Elfenbeinbesteck

    Schmeißt, was vorm Dessert zerbrochen
    Und auch all die Selfies weg


  • Gaugrau & das fünfhundertdreiundachtzigste Gedicht

    Bild 63

    Im Gau

    Da sitzte
    Im Gau
    Und weißt ja genau
    Das verspritze
    Blut
    Ist Brut
    Einer doch zu intensiven
    Spitzfindigen, dringlich tiefen
    Narbennahen
    Nabelschau

    Bauer A spricht wütend: „Wei,
    Siagst as – so a Sauerei!“
    Bis es allen ähnlich graut:
    „Gut, dass wir noch nachgeschaut!“

    Dir, gerühmter Analyst
    Reicht man Blümchen und du bist
    Nach der Wand aus Rand-Misstrauen
    Und dem Mist in andren Gauen
    Immerhin
    Mittendrin


  • Hütte 1 & das fünfhundertfünfunddreißigste Gedicht

    Im Wald von Ludwigshöhe bei Ebersberg

    Im Haus der Sünder

    Oh, reiß dir das kalbende Herz aus der Brust!
    Dann huste die Blutleere rosig und plünder‘
    Gesünderen Seelen entflohene Lust
    Aus Musterregalen im Hüttchen der Sünder

    Dort, prustend vor höhnischem Lachen, erspähten
    Wir mündervereinigend Kalamitäten
    Gleich von uns angepüstelten Sahnehäubchen
    Und schlürften vom Boden verendete Täubchen


  • Nachtschattengewächse & das fünfhundertzweiunddreißigste Gedicht

    Saatkrähe an der Isar

    Die im Dunkeln

    Düsternis an hellen Tagen
    Mahnt euch, nicht zu viel zu wagen
    Warnt vor nahendem Versagen
    Lasten, die alsbald zu tragen …

    Mein Gemüt beizt längst der Saft
    Einer düstern‘ Brüderschaft
    Den berauscht schon volle Kraft
    Wenn man kurz die Rollos rafft

    So sind aufs Dunkeln dieser Welt
    Die Unken besser eingestellt


  • Moohr & das fünfhundertdreißigste Gedicht

    Algen in Venedigs Lagune

    Wieder einmal beginne ich die Gedicht-Woche mit einem Ripostegedicht, das sich die Zuschauer meiner Lesebühne Poetry & Parade gewünscht haben. Diesmal eine erotischer Remix von Annette von Droste-Hülshoffs „Der Knabe im Moor“.

    Das Knabbern am Ohr

    O kau ich dir am Ohr, ist’s schön,
    Wenn es knistert im Speichelschaume,
    Schlucklaute über dein Trommelfell dröh’n
    Und die Zunge entspringt ihrem Zaume,
    Unter jedem Schleck ein Quellchen springt,
    Wenn’s rund um dein Ohrläppchen zischt und singt,
    O kau ich dir am Ohr, ist’s schön,
    Wenn ein Röhren flüstert vom Gaume‘!

    Fast hold vor Liebe, erzittert das Kind;
    Nun trennt es vom reinen Behage
    Die Frage, wie ehrlich die Absichten sind –
    Hat das Schleckermaul nicht eine Raubtiervisage?
    Hat denn jemals gebändigt das Menschengeschlecht
    Jenen Trieb, für den meistens ein Beutetier blecht?
    „Duhu …bist sicher nicht bissreflexblind?!
    Nicht schlucken! Nur knabbern und nagen!“

    Vom Kiefer starret Gestumpf hervor,
    Das heimlich giert nach Gehöre,
    Als Knabberei verschwand manch Ohr
    Durch Riesenhungers Begehre;
    Und wie fies es tief im Rachen spricht:
    „Ohrmuscheln sind mein Leibgericht!“
    Da bleckt der Backenzähnechor,
    Da späht die Speiseröhre!

    „Ohr dran, Ohr dran!“ so wimmert es laut,
    „Ohr dran – ach, ich will doch noch hören!
    Mit wenig Genuss wird solch Knorpel verdaut,
    Sein Fleisch will kein Mund gern verzehren!“
    Erst lippengebändigt, hebt sich das Visier;
    Da blitzt des Schneidezahns Ungetier,
    Das in diebischer Absicht den Ohrrand bekaut –
    Der will noch Papillen betören!

    Da birst’s im Ohr, den Löffel zerrt’s
    Herein in die klaffende Höhle;
    Schon rutscht’s vom Zahndamm magenwärts:
    „Ho, ho, hinein in die Kehle!“
    Der Knabberer schlingt wie im rohen Wahn;
    Wehrhaft trutzt das Kind dem nahen Zahn,
    So befreit es die Kraft des sich sperrenden Pferds
    Und gewährt, dass kein Ohr an ihm fehle.

    Da endlich Grunz-Erotik wich
    Der bübischen Zärtlichkeits Weide,
    Die Leidenschaft stimmt heimelig,
    Der Knabberer steckt in der Scheide.
    Tief atmet er auf, zum Ohr zurück
    Doch dorthin zieht’s ihn echt kein Stück:
    Denn am Gehör schmeckt’s fürchterlich,
    Und schaurig war’s für sie beide!!


  • Biedersteiner Kanal & das fünfhundertdritte Gedicht

    Eisstockschießen vorm Nymphenburger Schloss

    Unterm Eise

    Unter dem Eise
    Blubberte leise
    Eine Blase
    In mein Ohr
    Und im Gase
    Hört ich Welten
    Die die trübe Schicht erhellten
    Unter der ich gern erfror …
    Meine Arme ausbreitend
    Reglos gleitend
    Auf der Reise
    Unterm Eise


  • Spinne, bunt & das vierhundertsechsundsiebzigste Gedicht

    image

    Wem man so beim Spaziergang begegnet. Auf vielfachem Wunsch: ein Spinnengedicht! Was man nicht sieht: Im Netz hing ein wunderschöner, halb verwitterter Morphofalter.

    Die binomischen Formeln der Insektenphobie

    Spinnen drinnen?
    Braucht man Mut!
    Spinnen draußen?
    Auch nicht gut …!
    Und in Spinnen innendrin?
    Klingt nicht grad nach Hauptgewinn!

    Gut? … da alle einig grienen
    Widmen wir uns nun den Bienen:
    Bienen drinnen?
    Etc. etc.


  • Parque Central & das vierhundertfünfundfünfzigste Gedicht

    San José Parque Central

    Die Distinguierten

    Wir schlendern umher wie durch sichere Zeiten
    Als würd die Verlässlichkeit niemals gestutzt
    Wir geben uns achtlos, wir schreiten und gleiten
    Und selbst die Galoschen sind immer geputzt

    Polizei und auch Policen
    Blieben immer ungenutzt
    Wir, die wir uns sorglos hießen
    Haben jeder Angst getrutzt

    Was für uns gegolten
    Gilt schon längst nicht mehr
    Unreinheit und Wolken
    Reimen immer näh’r

    Narrenhände
    Schreiben schon
    Unser Ende
    In ihr Droh’n

    Keiner
    Sah
    Die Ge-
    Fahr

    Wir schlendern umher wie durch sichere Zeiten
    Als würd die Verlässlichkeit niemals gestutzt
    Wir geben uns achtlos, wir schreiten und gleiten
    Und selbst die Galoschen sind immer geputzt


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