Noch anderthalb Tage Freizeit, bevor es wieder auf Tour geht.
Die Ärsche der Anderen / Generation Y
Nach dem Abi-Ball in die Charakter-Arthrose
Man postet gemeinsam ein „Ich – ich – ich!“
Empfängt jedes Like wie ’ne Baccararose
Und taggt seine Schwüre mit #weißichnochnich
Man wittert die lauernden Niederlagen
Und fordert vom Leben, mal fairer zu sein
Die Überauswahl lässt sich kaum noch ertragen
Drum richtet man sich im Ironischen ein
Und kommt überein, es sei wichtig im Leben
Sich selber mal – Yolo! – ’nen Arschtritt zu geben
Lasst den Fokus der Welt von dem hehren Ich wandern!
Entdeckt mal als Ziele: die Ärsche der Andern!
Noch zwei Tage Freizeit, bevor es wieder auf Tour geht.
Die Linden im Juli
Mit süßer Schwere benebeln die Nacht
Die sich spät in den Blütenduft mischenden Linden
Deren Fertilität mit der üppigsten Macht
Dampft vor honigem Willen ins Frühlingsentschwinden
Schon scheint sich ihr Ruch mit der Nacht zu vereinen
Als Bündnis für die Ewigkeit
Solch stolzer Duft muss doch was Bleibendes meinen
Und sich isolieren vom Feldzug der Zeit …?
Als Wunsch besteht dies, keine Frage
Im Lindenduft der Juli-Tage
Doch spürst du in ihm auch das bittere Wissen:
Du wirst ihn alsbald schon sehr lange vermissen
Zum Start in die zweite Jahreshälfte ein Gedicht über München, wo ich zurzeit meine längste Auszeit vom Touren nehme, die sich in diesem Jahr ergibt. Zehn Tage. Erst Donnerstag geht’s los nach Görlitz … Übers Wochenende werden dann auch noch die Gedicht 248-250 hier veröffentlicht. Aber erst mal wirken lassen!
Die Münchner
Die beim Protzen etwas ungalanten
Braungebrannten Zwangsentspannten
Auf „Passt scho!“-Modus eingeeicht
Und gläubig, dass es immer reicht
Sonnenbrillen-Chill-affin
„Joa, is denn scho Italieien?“
Pomadige Hallodri-Posen
Und Habewas in Überdosen
Gekleidet nach dem eignen Schrei’n
Heißt’s bloß vermeiden, fad zu sein
Sie parken auf Pump in der Sorglosigkeit
Es scheint mir Marburg an der Lahm
So spröd und öd, so allzweckzahm
Idyllisch-willig, tief im Tal
Und nah am „Mir doch scheißegal!“
Doch du entgegnest: „Bursch, von wegen!“
Ziehst für Marburg deinen Degen
Im Gegenteil: „Ein steiler Zahn!“
Sei dieses Örtchen an der Lahn
„Witzig-spritzig, mega-hip
Voll der nette Städte-Trip!“
Was bedeutet, dass zum Schluss
Jeder selbst entscheiden Fluss
Für die einen ist es das pompöseste Einkaufszentrum der Welt, für die anderen ist es einfach Duplo: Die Schloss-Arkaden Braunschweig.
Das Schloss
Des Schlosses Tor ist aufgeschlossen!
Schon strömet das Fußvolk mit pilgernden Riten
Selig gewahr, dass die Herrn auf den Rossen
Über Braunschweig, Saturn und das Weltbild gebieten
Wie fiel Männer und Butlers hier verkehren!
Dort preist man Thalia, da segnet Apollo!
New Yorker Gesandte die Stadt heut beehren
Und mittenmang, schaut!, residiert Marc O’Polo!
Und mit Esprit, Nanu Nana
Besieht man, was kein Volk je sah!
Welch Pracht! Auf die kraft Ladenschluss
Man kurz entschlossen warten muss
Vollmai’sige Prachtidyllen allenthalben. Insbesondere ein paar Regionalbahnhalte vor München.
Dichtung und Wahrheit
Ersinn‘ dir den ruhigsten Garten der Welt
Wohin sich kein Ton der Verrohung gesellt
Wo das sprießende Grünen im Überfluss quellt
Und sich blütenschwer Zweige in Windstille wiegen
Wo idyllisch ein Schweigen die Farben erhellt
Alle Pflichten im Schoß dieses Rückzugs versiegen
Wo die Aura der Stille die Quengler verprellt
Bis das drängelnde Draußen sich selber erschießt
Nur noch Vogelgezwitscher jed‘ Kampftöle bellt
Sich die Schönheit der Schöpfung dem Auge ergießt
Dort, wo sich ein Vers für den Eindruck verstellt
Es gäb‘ diesen ruhigsten Garten der Welt
Wie lang gilt noch dein Eid aufs „Von da nach dort“?
Dein Daseinsbrei aus Immerfort?
Solch Eifer für ein gutes Wort
Ist das des Sinn des Lebens‘ Hort?
Nun fragst du mich, ob es sich lohne
Dass ich so tief im Reisen wohne
Nun, bislang noch nicht – wird’s wohl niemals – und wenn …
Gegenfrage: Weißt du denn
Wie viel Schwimmwesten sich in die Lüfte erheben
Und einsatzbereit überm Stadtverkehr schweben?
So viel Reisen um nichts, frag ich, muss es die geben?
Ja? Nein? Oder: „Kann man nie wissen“? Na eben.
Der zweite Tag in Finnland ist recht grau. So grau, dass sich auch die Bäume auf Schwarz-Weiß beschränken
Die Birken
Als der Leopard ums Zebra
Zärtlich seine Arme warf
War den Amourierten eh klar
Dass man derlei gar nicht darf
Doch Leo sagt Zebi – den Huf in der Pfote:
Ein Zweig wahrer Liebe entmachtet Verbote!
Seitdem wächst für der beiden Traum
Sogar auf kargem Grund ein Baum
Die Fellmuster beider Tiere vereinend
Die Grenze zu dem, was nicht sein kann, verneinend
Singet nun ein Lob den Birken
Und sagt’s auch den andern Tierken!
Potsdam. Flaneurpromenade meiner Berliner Zeit. Aber zu viel Idylle reizt auch. Selbst in der Kolonie Alexandrowka.
Nichts Schlechtes über Potsdam
Du nennst dich selbst nur Nachgeburt
Gesäßabszess und Randgewächs im hehren Glanz Berlins
Du, liebes Potsdam, richtest dich
Fatal brutaler, radikaler als du, Potsdam, es verdiens‘
Schimpfst dich verzog’ner Kinder Stube
Und Möchtegerners Jauchegrube
Sag, glaubst du, Potsdam, selbst den Mist
Dass du statt Stadt nur Kotzkram bist?
Da schaut die Stadt mich an und klagt:
„Das hab ich alles nie gesagt!“
Wie bitte? Stimmt. Das war ja ich
Na, wie gesagt, es stimmt ja nich‘!
Wenn’s Lenz wird und im Schweinekoben
Frisch abgenabelt Ferkel toben
Weil, immer wenn sich’s Leben mehrt
Der Start gelingt ganz unbeschwert
Da ringelschwänzt die Leichtigkeit
Wo ich als Bauer ein nich‘ schreit‘
Ich weiß ja, wie die Aktien steh’n
Die bald haarlos überm Rost sich dreh’n
Doch für diesen Moment
Und zu hundert Prozent
Besinn‘ ich mich innig, all dieses zu loben
Das Leben, die Ferkel, den Lenz und den Koben