Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten

Dutzendzeiler


  • Abu Dhabi VI & das dreihundertsechsundzwanzigste Gedicht

    Cornichon-Beach

    Abend an Corniche-Beach.

    Zur Profanierung des Glaubens

    Und zärtlich kläfft der Muezzin:
    „So, allet jetzt zur Kirche hin!
    Ach, wat sach ich – zur Moschee!
    Aber, Jesses, wie ich seh
    Will ma wieder keener beten!
    Zu erschöpft vom Hoden Kneten?
    Vom Befummeln eurer Biester?
    Wartet nur, ihr Schweinepriester!
    Ich setz nie mehr Ablassfristen –
    Klär mich auf zum Atheisten
    Steig schnell ab vom Minarett
    Und leg mich zu euch ins Bett!“


  • Strandcruising & das dreihundertneunzehnte Gedicht

    Sylt Strand bei Kampen

    Am Strand

    Ich konjugiere die Vergangenheitsform von Effektivität
    Und verfehle dabei noch die Unternorm – von morgens früh bis spät

    Im Korridor meines Elans herrscht der Strand, ganz tief gedrückt ans Meer
    Wo die Kühle des stiebenden Salzdunsts entspannt – mit Füßen, sandstapfschwer

    Wenn du in den Kern meiner Langsamkeit dringst, der sich nur selbst umgarnt
    Mag sein, dass du gleichtief und tiefer noch sinkst – nun gut, du bist gewarnt!

    Der beglückende Schimmer benässter Haut wird eins mit ihrem Glanz
    Vor der noch die windigste Brise abflaut ob solcher Eleganz

    Silhouettenbeglättend versiegt die Zeit ins tiefgedrückte Meer
    Vor dem Idyllen-Kokon der Einsamkeit entseufzt sich Gegenwehr

    Ich konjugiere die Gerundiumsform von Attraktivität
    Aus der sonnenbetankt sich der Rest an Strom ganz ohne Puls entlädt


  • Das Lied der Deutschen & das dreihundertfünfzehnte Gedicht

    Lange Anna Helgoland

    Anlässlich des 175sten Geburtstags des Liedtextes – entstanden auf Helgoland – habe ich alle Worte der für die Deutschlandhymne gestrichenen ersten zwei Strophen neu arrangiert. Wurden schließlich auch bezahlt und sollten nicht unnütz verkümmern.

    Lied der Deutschen, Strophe 1-2, re-arranged

    1) Der treue Deutsche hält die Maas von Wein – und be(l)lt:
    Unser Frauen sollen stets ihren Alten begeistern – über den schönen Biss!
    Von Deutscher an Deutsche zum Deutscher über Deutsche
    Deutscher in Deutsche!
    Lang‘ alles an, alles – bis der Frauen Memel übertrutze!
    Und es zusammen KlangSangSang …

    2) Alles wein‘: „Der Leben behalten!“
    Uns brüderlich: „In Deutschland!“ – edler Tat!
    Und alles Welt in Deutschland …
    Der Treue über – deutscher Schutz!
    Wenn der ganzes Welt Deutschland:
    Deutschland zu – Etsch, Welt!


  • Sommerfrischen & das dreihundertundelfte Gedicht

    Tegernsee

    Aufziehende Gewitter.

    Talkessel

    Das von Bergkettenbändern gebändigte Land
    Hechelt am Knebel der glänzenden Seen
    Und ständig fließt irgendwas über den Rand
    Und Ängstlichkeit reift längst zum bangen Versteh’n:
    „Vorm Deifi sind wir hier im Tal niemals sicher!“
    Und höhnisch erklingt auf den Höh’n ein Gekicher
    Rauscht eisekalt brausend als Windstoß hinab!

    Vom See schweigt Kühle wie ein Grab

    Es fröstelt tief in allen Seelen
    Die hier fromm ihr Leben fristen
    Und oft sich mit der Frage quälen:
    „Weshalb kommen die Touristen?“


  • Blaue/rosa Bauröhren & das dreihundertundzweite Gedicht

    Baustelle Unter den Linden

    Das Dutzend ist voll: zwölfte Berlin-Reise in diesem Jahr.

    Berlin ist das

    Berlin ist Spatz
    Blaue Baugrubenröhren (oder in rosa)
    Ist „Gab mal viel Platz …“
    Und gluckst: „Nachtruhe stören!“ (als Allzweckbühne für die Poser)
    Ist seit Jahr’n auf der Kippe
    Und immer noch Punk
    Historiengerippe
    Seziert für das Hippe
    Riskiert als Xanthippe die ganz dicke Lippe
    Mit stets einer Brise Kloakengestank

    Wenn du willst, stillst du hier noch den irrigsten Durst
    Wenn du still bist, ist vieles ein Irrtum und Wurst


  • Bahnhof Friedrichstraße & das zweihundertachtundneunzigste Gedicht

    Bahnhof Friedrichstraße

    Wo einem Berlin noch wie Berlin vorkommt. Nach einem Schwarzbier mit Bauernfrühstück.

    Unter den S-Bahnbögen

    Unter den wummernden S-Bahnbögen
    Gestanden sie stumm sich einander zu mögen
    Befreit, beseelt sah’n sie sich an
    Derweil die Bahn verschwand und dann
    Enteilten auch sie, ohne weitere Worte
    Doch fortan verbanden die zwei mit dem Orte
    Wie nah man dort einander war
    Obschon ja wirklich nichts geschah

    Nachtrag:

    Nun, wer den beiden zugeschaut
    Schiebt dies auf im Lärm noch gefallene Worte
    Doch dafür war’s dann echt zu laut
    Und wer mehr versteh’n will – der lausche dem Orte!

    – Mehr Gedichte über Liebe und Beziehung –


  • Asamkirche & das zweihundertvierundneunzigste Gedicht

    Asamkirche München

    Gut gerüsteter Hallraum.

    Pinocchio

    Ach, Hall, mir macht dein ferner Schall
    Bewusstig, dass ich überall
    Mal konsterniert „Ach, hallo!“ sag
    Mal forsch „Na, und wie geht’s so?“ frag
    Und mehr abscheulich Zeug abruf
    Als der, der mich dereinst erschuf
    Mir in die Fibel eingelegt!
    Es klagt Gepetto unentwegt:
    „Was redet mein Balg bloß so blöde und schief?!“
    Sei du mir, Hall, das Korrektiv!
    Da ich der Stichwortgeber bin –
    Berüst den Mist mit etwas Sinn!


  • Publikum & das zweihundertsiebzigste Gedicht

    Fesselballon über dem Englischen Garten

    Oben: Idylle. Unten: Abgründe.

    Poetry Slam

    Diese Masse an Menschen! Und alle verdauen!
    Wie sollt‘ als Ästhet ich mich nun noch getrauen
    In diesen Morastpulk mein Lied zu versenken
    Da alle an Glied- oder Scheidenstrom denken
    Um schon in der Pause ein Meer voller Pisse
    In Kübel zu strullern? Wo ich doch gewisse
    Ideale von Schönheit zu gern propagiere …
    Vor Körpern, den’n Kotknetung und Uriniere
    Das einzige Gebot der Zeit
    Führt solcher Anspruch bloß zu Leid

    Drum geh nicht den Weg über weit’re Verkopfung
    Sondern quäle die andern und sorg für Verstopfung!


  • Sommerpause & das zweihundertsechsundsechzigste Gedicht

    Tollwood Festival

    Beinahe Urlaub: drei freie Tage in München. Im, aber ohne Sommer

    Moose und Mosern

    Da atmen die keuchenden Bäume den Staub
    Den der sonnendurchdrungene Boden nicht hält
    Es senkt sich verzagend vom Zweige das Laub
    Dem gilbenden Grase als Frage gestellt:
    „Weißt du, ob des Regens belebender Guss
    Ist schon auf dem Wege zu uns? Denn sonst muss
    Das vom Frühling Erworbene wieder verderben
    Und noch als Gedeihendes frühzeitig sterben!“

    Da, wie auf ein Zeichen, verfinstern sich Wolken
    Werd’n Wasser auf Wasser aus Watte gemolken

    Den Pflanzen ist’s fraglos erlösender Segen
    Nur ich moser‘ böse: „Den ganzen Tag Regen!“


  • Leavin‘ Görlitz & das zweihundertfünfundsechzigste Gedicht

    Görlitz at night

    Drei Tage Görlitz, Straßentheaterfestival. Abflug.

    Nun bin ich manche Stunde

    Solch Beschaulichkeit müsste erfunden werden
    Um als Ernte der kopfsteingepflasterten Erden
    Den Kantenvernarrten in mir zu entspannen
    Das aufsässig Drängende sanft zu verbannen
    Aus diesem Garten der Nostalgie
    Wo die saftigsten Früchte aus Melancholie
    Und einstiger Pracht nun im Immerfort reifen
    Dass mich deren Düfte wie Ahnungen streifen:

    Hier fänd’st du deine Ruh!

    Doch brennst halt immerzu …
    Ich trinke genüsslich, gemächlich Kaffee
    Erspür‘ so viel Gründe zu bleiben, doch … nee!


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