Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten

Dutzendzeiler


  • Sirena & das vierhunderteinundneunzigste Gedicht

    Tapirmutter mit Jungem im corcovado NP

    Wem man so am Strand begegnet.

    Im Tapirquartier

    … – da sahen wir ein Paar Tiere
    Zwar irg’ndwie erwartbar, schrie’s in mir: „Tapire!“
    Ich konnt‘ sie vor mir atmen seh’n!!!

    Und mehr ist dann auch nicht gescheh’n

    Doch der Umstand, wie nah mir der Tapir war
    Schien fast zu erfordern, dass sonst nichts geschah
    Uns hätt‘ ein Szenario, das besser bewacht
    Wohl niemals so nah zueinander gebracht

    So dass ich als das, was ich darf, akzeptiere
    Ein ganz knapp vorm Dasein im Schlaf der Tapire

    Manchmal ist ein großes Ziel
    Im Erreichtsein sehr subtil


  • Poor Man’s Paradise & das vierhundertneunundachtzigste Gedicht

    Rincon Playa

    Zurück am Entstehungsort meines Gedichts „Hinten im Korn“ – elf Jahre später.

    Die Saat

    Ich hab mich elf Jahre vom Kornfeld ernährt
    Nun kehr‘ ich zu den Ähren zurück
    Manch Saatgut hat sich ohne Frage bewährt
    Doch da scheint mir noch Spielraum zum Glück

    Das Kornfeld ward unlängst ein Teil vom Ressort
    Dass kein Schwede hier weilt, ist ein Fakt ohne Ziel
    Die Mähdrescherkunst brachte manches hervor
    Ich vermiss‘ nicht mal selbst mehr den fehlenden Stil

    Bevor wir uns willig im Reststroh verlieren
    Aus reiner Folklore die Blickwinkel wenden
    Ruft der Ort: „Alles fertig zum Umorientieren!“
    Um all das Gemähe nun auch zu beenden

    Ich hab mich elf Jahre vom Kornfeld ernährt
    Doch nun ist die Saat wirklich restlos verzehrt


  • Jardín Botaníco Lankaster & das vierhundertneunundfünfzigste Gedicht

    Jardín Botaníco Lankaster

    Von Diven und Dienern

    Beim Anblick der Pracht in botanischen Gärten
    Mag sich wohl bei manchem der Eindruck erhärten
    Der Natur Gestaltungskraft
    Sei doch eher stümperhaft

    Denn erst durch der Menschenhand fördernde Güte
    Gelangt so ein Pflanzbestand wirklich zur Blüte

    Mit dem, was wir da kultivieren
    Darf sich dann die Natur verzieren
    Die selbst ja nur das Wuchern kennt
    Nicht zwischen Wuchs und Unwuchs trennt

    Es könnt‘ ihre Schönheit doch gar nicht besteh’n
    Würd‘ sie nicht auf unsere Baumschulen geh’n


  • San José & das vierhundertvierundfünfzigste Gedicht

    image

    Fremd hier!

    Ständig ruft die Stadt mir zu:
    „Oller Stubenhocker, du!
    Wir schwurbeln rum im Trubelzwang
    Und du, du streunst nur stumm hier lang!“

    Gelingt’s mir noch, mich auf die Gassen
    Gar auf die Gässchen einzulassen?
    Die Auslagen sind …interessant
    Zum Einstieg viel zu unbekannt
    Und letztlich schafft die fremde Sprache
    Fast mätzchenhaft ’ne Zugangsbrache

    Und doch – das wird sich integrieren
    Einfach immer reinspazieren…!


  • Leaving Liechtenstein & das vierhunderteinunddreißigste Gedicht

    Vaduz Städele

    Liechtenstein

    Bist ein Hort von Schokoladenseiten
    Mit ’nem durchgangsverkehrten Pain in the Ass
    Und Horden von Japanern gleiten
    Von „Willkommen in Liechtenstein!“ bis zum „Das war’s.“
    Und stößt du auch ständig an deine Grenzen
    Dazwischen spielst du Zampano!
    Tust tausend Museen und Skulpturen kredenzen
    „Das muss doch teuer sein …?!“ „Iwo.“

    Land der Bauern und Bänker und protzigen Kirchen
    Bist eigentlich ja nur ein Tal …
    Deiner Sorglos-Gelecktheit gedenk ich beim Bierchen
    Als drohte ein „Es war einmal …“


  • Ganges & das vierhundertzweiundzwanzigste Gedicht

    Pilsen

    Die Schönheit des Ganges

    Hallöchenpopöchen, Ihr Götter da droben
    Ich meld‘ mich, die Schönheit des Ganges zu loben:
    Die grazile Gazelligkeit schreitender Beine
    Der Damenbesetzung vom Straßenballett!

    Mich treibt nicht der Geifer nach Fleisch – nur der reine
    Augengenuss eines „Guck mal, wie nett
    Flaumige FlaminGo-Go-Mädchen
    Raumüberwindend durchstelzen dies Städtchen!“

    Da, ein Knie federt wadenwärts über das Pflaster!
    Und der Hüftschwung verglüht als in Backen gefasster
    Betörend die Böden bezuckernder Guss …

    Nach dem ihr benanntet ’nen indischen Fluss!


  • Leere & das vierhundertneunzehnte Gedicht

    Bild 2

    Prowinz

    Die wenigsten Autos fahr’n abends umher
    Und die wissen auch nicht, warum
    Ein Mindestmaß an Stadtverkehr –
    Das muss wohl sein – Brummbrumm!

    Die wenigsten Menschen sind jetzt noch zu seh’n
    Und die wissen auch nicht, wohin
    Und wenn niemand hinsieht, dann bleiben sie steh’n
    Und wispern: „Macht eh keinen Sinn …!“

    Fast jede Uhr lügt, es sei grad erst halb sieben
    Ich fühl mich wie von einem Jetlag zerrieben
    Will wenigstens noch’n Gedicht drüber schreiben

    Doch dann sag ich sachte mir: Komm, lass es bleiben!


  • Bodensee & das vierhundertsechzehnte Gedicht

    Bodensee bei Bregenz

    Gute-Nacht-Lied für alte Kinder

    Deine Stimmungsverwandten sind ausgewandert
    Und der Aufruf zum Wandel plakatiert jede Wand
    Trotz Verständnisnot hast du bald angebandelt
    Klagst: „Das Schicksal hat jeder mal selbst in der Hand!“

    Der Normalfall erstrahlt ob der neuen Gestaltung
    Scheint nach Abblendung fast ganz der Alte zu sein
    Dennoch lässt sich der Abtransport nirgends mehr halten
    Und irgendwer macht sich mit Allen gemein

    Nur du giltst im Kern solidarisch verdächtig
    Und ertappst dich am Abend verhaltensallein
    Du strampelst dich ab, summst dann stark übernächtigt:
    „Schlaf, mein alterndes Kindchen, schlaf ein!“


  • Basler Münster & das vierhundertneunte Gedicht

    Basler Münster

    Altlasten

    Ich bück und verdrück mich zur Neutralität
    Vom ewigen Hassen zu lassen!
    Da sperrt sich ein Brustton und munkelt: „Zu spät!
    Mich foltert, wenn Dinge nicht passen …

    Und Du Depp hast mich damals als Don adoptiert
    Um Dein Denken mit nötigem Pep zu versorgen!
    Nunmehr schaltest Du trendig auf desint’ressiert
    Weil nur Uncoole sich noch Verlässlichkeit borgen?!

    Auch in alle Eide verleugnender Zeit
    Belege ich träg Deinen Rücken
    Und stehe für Zeugenaussagen bereit –
    Du kannst Dich nicht einfach verdrücken!“


  • Dortmund & das vierhundertvierte Gedicht

    das Dortmunder U

    Jajuwidu

    „Ein U ist auf dem Dach dort!“ „Ach –
    Warum – weshalb – wozu?“
    So frachte ich nach
    Und ein Engländer sach-
    Te: „It’s a you wie du!“
    Ja, ju wie du – ja, ju wie du
    Da jubelten wir zwei uns zu
    Und unter uns schäumte vergessenes Bier

    Von der Sehnsucht nach Fässern erstrahlt: das Revier
    Dort der Mond, dort das Dortmunder U
    Beide formen ein Lächeln – nur niemand sieht zu
    Ja, ju wie du – ja, ju wie du …


Die 272 Städte/Länder der Fotos (2016-2026)


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