Vierte Auftragsversewoche 2021: Gewünscht wurden Gedichte zu den Themen Angst vor dem weißen Blatt, Discounter, Kratzbäume, Joggende, Porzellanservices und atomare Endlagerung.
Joggende
Man glaubt’s kaum, doch ich trau’s dir zu,
Du fandst noch grad vorm Spiegel „Whooo!
Ich schnittigflotter Sausewind
Feg gleich durch alle Gassen!“
Laut schreit dein Outfit „Gott ist blind“,
Vom Mindestmaß verlassen.
Jede Zeit hat ihr Debakel
Von ästhetischer Natur –
Bald huschst du als Gehweg-Makel
Zum „Das geht echt gar nicht!“ pur.
Magst du dich nicht hinbegeben,
Wo man unverdächtig schwitzt?
Eh durch das gepflegte Leben
Ständig dein „Ich trau mich!“ blitzt?!
Bürgersteige sind dem Sporte
Selten zugeneigte Orte.
Vierte Auftragsversewoche 2021: Gewünscht wurden Gedichte zu den Themen Angst vor dem weißen Blatt, Discounter, Kratzbäume, Joggende, Porzellanservices und atomare Endlagerung.
Kratzbäume
Manch Verzweiflung, mancher Wut
Täte so ein Kratzbaum gut –
Wo man seine Krallen wetzt,
Eh man sich mit allen fetzt.
Ach, dank unsrer Kultiviertheit
Schleift sich manches nicht ins Lot –
Derweil Frauchen „Mehr Geduld!“ schreit,
Türmt sich ungemahlnes Schrot.
Manch Erregung bräuchte halt
Einen ganzen Kratzbaumwald –
Bis der letzte Kater ratzt
Seelenruhig, abgekratzt.
Vierte Auftragsversewoche 2021: Gewünscht wurden Gedichte zu den Themen Angst vor dem weißen Blatt, Discounter, Kratzbäume, Joggende, Porzellanservices und atomare Endlagerung.
Discounter & Mängel
Du magst sie miesgelaunt gern dissen,
Doch ich würd die Discounter missen,
Durch die manch Kontoeingangsflaute
Ich umstandslos wie satt verdaute.
Mich labten Sonderangebote
Ganz ohne ne besondre Note.
Nur
In die Mangel, der’n „der“-Pendant ich so entkommen,
Werden reziprok die Lieferanten genommen.
Drum nährt sich der Plan, nochmals umzuentscheiden,
Eröffnen sich mir wieder weitere Weiden.
Vierte Auftragsversewoche 2021: Gewünscht wurden Gedichte zu den Themen Angst vor dem weißen Blatt, Discounter, Kratzbäume, Joggende, Porzellanservices und atomare Endlagerung.
Die Angst vorm weißen Blatt
Mir bangt nicht vor dem leeren Blatt,
Weil all das Weiße rasch verweht.
Wovor ich Angst hab, is nur dat
Da nachher so viel Scheiße steht.
Aus der milchgesichtigfahlen Masse
Ragen sie wie Alhambren empor.
Es strahlt ihr Charakter im stillen Geprasse,
Es ist ihre Gegenwart reiner Komfort.
Sie umschillert die lässigste Würde
Und versagt ihrem Einfluss den Tusch.
Kein Geltungsbedürfnis befällt sie als Bürde,
Weil ihr Selbst so verständlich ist, ganz ohne Pfusch.
Im Überhast nannt ich uns Geistesverwandte,
Doch bin nur ein Mensch, der das Original kannte.
Aus der Tiefe des Raumes raunt dein Kühlschrank ins Hier:
„Ich will dir ein Freund sein, ich kühl und gefrier,
Werd deine Versorgung von Sorgen entkeimen –
Bin wirklich sehr angetan von deinen Reimen!
Auch der Stuhl juchzt, wie cool es sei dich zu be-untern,
Und mag nun zu neuen Gedichten ermuntern.
Und
Tiriliert nicht die treu isolierende Tür:
„Hätt’st du einen Vorschlag – ich wär schon dafür!“?
Dann
Lass dich nicht zu sehr beschwingen
Von von dir bezahlten Dingen!
Solch Binnenlichtblicke sind nur eine Falle –
Denn draußen, da hassen dich ausnahmslos alle!
Ein ungepflegtes Freundschaftsband
Baumelt unehrenhaft über Leere –
Wie schnell nach dem Stimmbruch der Wortbruch stattfand,
Wie entleert unsre Blutsbrüderehre!
Wir hätte um Alles dagegen gewettet,
Dass unser unbeugsamer Anstand nicht rettet,
Was uns so gesetzlos verband.
Doch war es im Endeffekt logisch zu glauben,
Die Hektik der Jugend wog, es zu erlauben,
Dass man sich des Netzsogs entwand.
Kann den Winter ja immer noch lieben,
Obschon sein Beginn schmerzhaft schwermütig macht,
Und ganz gleich auch, wie schlimm er’s getrieben –
Der Rest der Tonsur schwindet uneitel sacht.
Doch droht mir ein Dasein, da ich wohl gewillt
Bin, immer zu schrei’n, dass der Winter mich killt!
Bisher ist sein Zorn mir erträglich geblieben
Und mir’s manchmal möglich, den Winter zu lieben.