Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten

Wasser

Verse für die Phlegmatiker, denen man Wasser, Winter, Nacht, Baby- und Greisenalter zuordnet.
Die beschreibenden und erzählenden Gedichte.
Von der Naturlyrik bis zu allen Längenvarianten der Ballade.

Sollte Ihnen ein hier eingereihtes Gedicht eher den anderen Kategorien Erde, Luft oder Feuer entsprechen, bitte ich, mir eine Nachricht über www.hirnpoma.de zukommen zu lassen!


  • Neubeginn & das zweitausendzweihundertvierundneunzigste Gedicht

    Wasserhühnchennachwuchs am Schliersee

    Der Anblick (Etappe 1: Vorherzusehendes)
    Teil des Großgedichts „Hier ruht unsre viel zu früh von uns geschiedene Dorothee-Cosima“

    Ein duftiger Anblick ist ihre Haut,
    So sondergleich und eben,
    So bis zum Anschlag aufgefraut –
    Mein Herzschlag naht dem Beben!

    Es tuscht die Wangen rosigrot,
    Wenn unsre Blicke kreuzen –
    Welch Abgrund und welch tosend‘ Not,
    Wie’s ruft aus feuchten Käuzen,
    Die aus dem Tagschlaf wachgerupft
    Schreckgroßäugig urplötzen!
    Karnickelig mein Herz durchhupft
    Der Drang, sich zu ergötzen.

    Oh, Dorothee! Oh, Cosima!
    So fröstelndmollig unnahbar
    Nehm‘ ich Euch ungebeten wahr
    Und Ihr mich in Gewahrsam,
    Wo ich gefährlich wehrlos bin –
    So hin und weg, so weg und hin,
    So reich beschenkt wie sparsam.

    Wie wird mir nur? Wie an der Schnur
    Verrinnt mein Sein zu Körper pur –
    Absonderlich wie sonderbar,
    Oh, Dorothee – oh, Cosima!
    Ihr Doppelnamenbindestrich
    Macht folgsam zum Gesinde mich …

    Mit Euch verbindlich anzubandeln?
    Trotz der Ehrfurcht vorm sperrigen Namensgeflecht?
    Welch Anmaßungsgrad würd‘ solch‘ Plane gerecht –
    Müsst nicht die Welt sich wandeln?

    Doch dies‘ Spürchen an Hoffnung zieht mich in den Bann –
    Dann schürzt sie die Lippen und, Gott!, spricht mich an!


  • Wasmeierrinder & das zweitausendzweihundertdreiundneunzigste Gedicht

    Weide vom Markus Wasmeier Freilichtmuseum Schliersee

    Auf der Reise nach Jerusalem

    Man kann feinste Düfte veräußern
    An recht schlechtaussehende Leute,
    Auf dass dann die Boys oder Girls ehr’n
    Die Profanierung der Häute.

    Wir säen gemischte Gefühle
    Mit Eindeutigkeiten als Bürgen,
    Erhöh’n statt der Anzahl der Stühle
    Den Drang, sich dazwischenzuwürgen.

    Dann triezt man die Einparfümierten:
    „Verzeihung, ihr könnt ja wohl zählen!?“
    Und kurz winkt ein Ruch Angeschmierten,
    Beim nächsten Mal anders zu wählen.


  • Sieben & das zweitausendzweihundertneunzigste Gedicht

    Gebäude Nr. 7 vom Olympischen Dorf

    Der Blick auf die Monatsbestenliste

    Der Sommer im Juni ist luftig und frisch
    Wie’n neubezog’nes Bett,
    Vom Licht gespreizt legt er sich auf meinen Tisch
    Und macht es sich dort nett.

    Er lässt als Sonnenstrandersatz
    Vom Wannenrand sich fallen,
    Ist trotz des Wonnemonats Mai
    Der wonnigste von allen.

    Und all das jüngst begrüßte Sprießen –
    Es grünt sich nachgewürzt ins Schießen!

    Den Docht der Natur entfacht Juni/(Strich)Juno
    Als unangefochtene Numero Uno.


  • Hasengraben & das zweitausendzweihundertfünfundachtzigste Gedicht

    Der Hasengraben zum Heiligen See im Neuen Garten Potsdam

    Retro

    Die Sitzecke hat ausgedient,
    Die Polster fast zerschlissen,
    Die Schrankwand hält den Raum vermint,
    Im Sofa schlummern Kissen.

    Der Mensch, der für ihr Muster sich
    Einst generös entschieden,
    Sieht nun mit Stolz, dass nichts verblich,
    Nur nicht mehr von hienieden.

    Es schlummern hinterm Einbauschrank
    Der Ersttapete Reste.
    Auch hier schwor man auf sich’re Bank
    Zum Einzug nur das Beste!

    „Modern trotz Minimaletat“
    Ätzt’s jetzt aus Hausverwaltern.

    Der letzte Klecks von „wie’s mal war“
    Darf hier in Ruhe altern.


  • Luftveränderung & das zweitausendzweihundertvierundachtzigste Gedicht

    Formationsflieger zur Krönung Charles III

    Sonne, unverhofft

    Nach all den Regenfällen
    Mag der Himmel sich gern klären.
    Ach, wenn die raren hellen
    Stell’n nicht gar so ferne wären!

    Der Teer der Spärlichkeit verziert
    Die Gründe, schon zu hoffen.

    Bis alles wie von selbst passiert.

    Die Münder stehen offen.


  • Victoria Station & das zweitausendzweihundertachtzigste Gedicht

    Blick vom Shard auf die Victoria Station

    Vorwärts zur Natur

    Wo reine Technik sich bemächtigt
    Naturentsprung’ner Verben,
    Klingt schmiegen durchaus unberechtigt,
    Ein Schlängeln nach Verderben … aber:

    Oft öffnet erst das Nachgeahmte
    Den Blick aufs Originale –

    So segnet das scheint’s voll Entcharmete
    Das vordem fast Egale.


  • Kubareiher & das zweitausendzweihundertsechsundsiebzigste Gedicht

    Fischreiher am Strand von Cayo Santa Maria

    Crossover-Ripostegedicht zu R. Gernhardts „Vom Fuchs und der Gans“ und „Sie war ein Blümlein“ von W. Busch.

    Vom Fuchs und der Gans und dem Blümlein und Esel (Die Heuschrecken)

    Gewöhnlich nennt man Fuchs und Esel
    Je störrisch und gewitzt.
    Was die zu zweit sich einverleiben,
    Gilt vorab als geritzt.
    Denn
    Beharrlichkeit und Raffinesse
    Verehrt man als Erfolgsfaktoren.
    Was deren Beißerchen zerreiben,
    Das ist als Entität verloren
    Und wird vom Subjekt zum Projekt,
    Das all den Investoren schmeckt.

    Nach satter Übernahmewut,
    Ner reichlich ungestüm’chen,
    Werd’n Gans und Blume neues Gut,
    Beworb’n als Gänseblümchen.

    Ein verheißungsvolles Top-Produkt:
    Die Softness der Daunen, von Blüten der Duft …
    Doch
    Was vom großen Maul geschluckt,
    Gedeiht in dessen Magengruft,
    Zum Einheitsbrei – und is
    Am Ende bloß Beschiss.


  • Fuhrpark & das zweitausendzweihundertfünfundsiebzigste Gedicht

    Farm in Viñales

    Entresuelos

    Im Zwischengeschoss war’n die Dienstangestellten
    Und teilten sich leicht übersehbare Welten
    Samt dem Los der Überschaubarkeit,
    Sehr groß im Kompensier’n von Leid.

    Gefüllt mit nie erfüllten Träumen,
    Zerknüllt von solchen Zwischenräumen,
    Leckt diese „Längst Geschichte!“-Schicht –
    Fast scheint’s, sie existierte nicht.


  • Café mit Meerblick & das zweitausendzweihundertneunundsechzigste Gedicht

    Strandbar vom Las Dunas am Cayo Santa Maria

    Grauer Vogel von hinten

    So ein mattgrauer Vogel von hinten
    Ist kein gleich begeisterndes Fotomotiv.
    Dennoch zückt zuckbereit eure Flinten
    Und erweckt die Beachtung, die allzu tief schlief!

    Oft schwelt in dem uns Abgewandten
    Der Docht von noch entfernter Kunst!
    Man spürt im früh ins Bild Gebannten:

    Künft’ge Faszination ist im Kern unterunst.


  • Vedado & das zweitausendzweihundertachtundsechzigste Gedicht

    Am Malecon in Verdado

    Lost in Havanna

    Aus dem Dunkel der Winkel lockt’s hektisch:
    „An Anhaltspunkt: Alter, versteck disch!“
    Plötzlich löscht alle Richtung sich aus meinem Weg,
    Orientierung verrinnt, schon ist Licht Privileg.
    Wie rasend schabt sich Resignieren
    In mein früh’res Souverän,
    Ich muss Verirrtheit konstatieren,
    Fahrigflach lass ich mich geh’n.

    Vor Demut ob der Gassen Massen Macht
    Geh ich zurück zu sich’rem Ursprung.
    Rasselnd japst es in mir sacht:
    „Warst grad ganz schön aus der Spur, Jung!“

    Doch ein Blick auf den Stadtplan am Morgen beweist:
    Ich habe mein Ziel einfach sehr gut umkreist.


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