Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten

Essen

Meine Heimatstadt, obschon 1998 gen Hamburg verlassen, ist immer noch jedes Jahr für mindestens sechs Auftritte und unzählige Zwischenstopps gut.
Jede Menge Essen-Gedichte finden sich in meinem Buch „Büdchenzauber und Zechenverse“ (http://www.conbook-verlag.de/buecher/ruhrgebiet/)


  • Südfriedhof & das eintausenddreihundertsiebte Gedicht

    Herbst am Südfriedhof Essen

    Die Gemütlichkeit der Hingabe

    Dräng‘ ich in die Verlorenheit
    Auf wortumschmückten Spuren,
    Pflückt‘ ausdrücklich Bedeutsamkeit
    Ich über Lautgravuren,
    Geläng’s mit Dürers Akribie
    Profanstem zu entlocken
    Die angeborene Magie,
    Sie kühn an Erkenntnis zu docken,
    Um doch im akkuraten Schreiben
    Ganz eingetaucht nur Schelm zu bleiben,
    Das wär‘ ein ernstes Viel

    Und fast schon wie ein Ziel.


  • Sonnenwende & das eintausendzweihundertsechsunddreißigste Gedicht

    18. Juli 2019

    Die Vollkommenheit

    In die herrlichsten Gärten, die der Sommer beblüht,
    Wird das Abendrot sehnend sich senken –
    Dort auch im Verdruss oder niederschlagsmüd
    An vollkommene Schönheit nur denken.


  • Wachwechsel & das eintausendzweihundertzweiunddreißigste Gedicht

    Flüchtiges Gedicht

    Ein eingefang’nes Hirngespinst sind dieses Verses Zeilen,
    Auf denen die Gedanken nun zur Anprobe verweilen.

    Vermag es deinem Spiegelbild heut‘ Stimmigkeit verleihen,
    So denke dran, das Hirngespinst beizeiten zu befreien!


  • Sommergewitter & das eintausendzweihunderteinunddreißigste Gedicht

    Sommergewitter im Anzug

    Rechnen lernen müssen

    Ich kann jetzt rechnen im Bereich
    Der negativen Zahlen
    Und setz‘ ein schiefes Kleinergleich.
    Das vordem auszumalen,
    War alltagsfernste Theorie.

    Die Subtraktion reicht übers Nichts
    In unbegrenzte Leere
    Als Härtegrad gelöschten Lichts.
    Dass Null der Endpunkt wäre,
    Ward alltagsfernste Theorie.


  • Südblick & das eintausendzweihundertdreißigste Gedicht

    Blick auf Essen

    Kurs halten

    Du hast das Steuerrad tapfer gehalten
    Bis zum bittren Moment, da du gingst.
    Kurz darauf war wie unberührt wieder beim Alten
    All die Richtung, an der du so hingst.

    Doch, es kommt auf die paar Grade Unterschied an!
    Nein, es ähneln mitnichten sich Wellen!

    Man muss sich verpflichten zu sehen – und dann
    Die Zeiger der Uhr danach stellen.
    Und sei’s nur zur Kur dieses eigenen Lebens.
    Erscheint’s uns auch kurz, war’s doch niemals vergebens.


  • Nachbaramsel & das eintausendzweihundertneunundzwanzigste Gedicht

    Abendamsel im Echstenkämperweg

    Von allen Dächern

    Die Spatzen pfeifen es von allen Dächern
    Und dann schlittert’s die Schindeln hinab.
    In den Mäulern der Dachrinnen scheppert es blechern,
    Von dort schnappt es sich irgendein Rab
    Und stibitzt noch die letzte Erinn’rung ans Oben –
    Er versenkt es als Rest in den Grund,
    Beschleunigt die Zeit, und zersetzt von Mikroben
    Wird jedwede Sperrigkeit rund.
    Und verlor’n ist die Möglichkeit anderer Reife –
    Für das Haben der Raben. Und der Spatzen Gepfeife.


  • Bahnhof Ü-Holthausen & das eintausendeinhunderteinundachtzigste Gedicht

    Bahnhof Überruhr-Holthausen

    Alte Heimat

    Verlasse Essen immer
    Bei allerschönstem Wetter.
    Von nun an wird’s nur schlimmer
    (from now on it gets better).

    Ich bin in Essen ständig
    Von Traurigkeit umweht.
    Denn alles wird lebendig
    (‚cause everything seems dead).

    Bleib Essen stets verbunden
    Und kehr zurück, ich schwör’s!
    Ich lecke meine Wunden
    (my sepsis became worse).


  • Überruhr Heights & das eintausendeinhundertachtzigste Gedicht

    Feld am Überruhr Holthausener Friedhof

    Mit vertrautem Gesang

    Wir werden zurück wie Verwundete geh’n
    Und hangeln uns durch das Erinnern.
    Wir werden verwundert die Uhren umdreh’n
    Beim Ausschauversuch nach Gewinnern.

    Es zieht eine Schwermut die Ufer entlang,
    Die werden wir nicht mehr verdauen.
    Wir säuseln uns ein mit vertrautem Gesang
    Und wir schauen und schauen und schauen.


  • Kettwiger & das eintausendeinhundertzweiundzwanzigste Gedicht

    Blick auf den Einstieg zur Fußgängerzone Kettwiger Straße

    Ripostegedicht zu der „Lederhosen-Saga“ von Börries von Münchhausen.

    Lederhosen-Saga 2.0

    Vaters Hose harrt noch immer
    Blutgehärtet am Kamin,
    Und der Wunsch dröhnt durch das Zimmer,
    Sie mal wieder anzuzieh’n!
    Als ein Spross vom Stamm der Reiter
    Führt man die Geschichte weiter!
    Die Schlächter kommen, die Schlächter vergehen –
    Hirschlederne Reithosen bleiben bestehen!

    Das erste Blut ist, frisch geschossen,
    Aus jenem armen Hirsch geflossen.
    Mit Waidmannsheil in grüner Tracht –
    Wie man das unter Jägern macht.
    Schon effektiver stahl man Leben
    Beim Treffen in den Schützengräben,
    Wo man in grauen Uniformen
    Und Abschlachtlaune mit enormen
    Schmiss die Hose hieß zu gerben,
    Um patiniert sie zu vererben.
    Von Schweiß und Schlamm wie Matsch verdreckt,
    Von Blut und großer Schuld befleckt.
    Die Zügel konnt‘ man uns entzieh’n –
    Doch nicht die Hose am Kamin.

    Und nur ein Gen’ratiönchen später
    Ward man Wiederholungstäter.
    Braunbehost kläfft man // Von Rassenverpflichtung,
    Fühlt sich gotterkoren // Zur Massenvernichtung.
    Das heilige Beinkleid, // Vom Blut reich gesotten –
    Mög’n auch die Gebeine // Im Schlachtfeld verrotten!
    Es steht im Ahnenbuch der Väter:
    Uns bleibt die Aussicht auf ein Später!
    Denn Schlächter kommen und Schlächter vergehen –
    Hirschlederne Reithosen bleiben bestehen!

    Schon bringt sich neues Volk in Pose
    In altbewährter Reiterhose.
    Und wie Münchhausen auch erwägt,
    Die Farbe nun ins Blaue schlägt:
    Man ist das Leben als Passant satt,
    Will zeigen, wer die Hosen anhat!
    Denn wir gehör’n zum Stamm der Reiter
    Und führen die Geschichte weiter!
    Der Wald wägt ab: Was ist den Blauen
    An Blutverwandtschaft zuzutrauen?

    Mag sein, man wechselt die Methoden
    Die Farbnuance bei Hosenmoden:
    Doch ewig glänzt des Leders Speck –
    Den kriegt auch keiner davon weg!
    Die Schlächter kommen, die Schlächter vergehen –
    Hirschlederne Reithosen bleiben bestehen!

    Und diese Geschichte fing früh schon schlecht an, denn
    Dem Hirsch – hat die Hose am besten gestanden.


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