An Haltestellen, hoffnungsvoll
An Haltestellen, sehr hoffnungslos stehend
Und tranig der Fahrtwege Welten besehend,
Sinkt des Lebens Sinn hin
In tiefere Tiefen
Wenn die Dinge so laufen, wie sie bislang liefen,
Verfaul ich, wo ich bin.
Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos
Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten
Verse für die Melancholiker, denen man Erde, Herbst, Abend, Erwachsenenalter zuordnet.
Die besinnlichen und leisen Gedichte.
Von Aphorismen bis zur Vanitasdichtung.
Sollte Ihnen ein hier eingereihtes Gedicht eher den anderen Kategorien Erde, Luft oder Feuer entsprechen, bitte ich, mir eine Nachricht über www.hirnpoma.de zukommen zu lassen!
An Haltestellen, hoffnungsvoll
An Haltestellen, sehr hoffnungslos stehend
Und tranig der Fahrtwege Welten besehend,
Sinkt des Lebens Sinn hin
In tiefere Tiefen
Wenn die Dinge so laufen, wie sie bislang liefen,
Verfaul ich, wo ich bin.
13.333 km
Es war nur eine prüde Zahl,
Die mich anhielt, kurz inne zu halten.
Mich rührte ihr „Es war einmal …“
Und es schalt mich, mal tiefer zu schalten.
Dein Rad hab ich bewahrt, nur manch Rat
Hab ich zu erinnern vergessen.
So unentrinnbar läuft die Fahrt –
Und die Abstände werden vermessen.

Die Kommoden
Noch stemmt sich etwas Restepracht
Gegen Kantenschleifer.
Unverwandt, doch gut bedacht,
Markt sie blinden Eifer
Als Abzulehnendes,
Zu nichts Verwehendes.
Sie hält den Lauf der Welt nicht auf,
Sie hält nur kurz den Schritt.
Sie winkt kommod dem Ausverkauf –
Und ich, ich winke mit.
Als Neumünchner an alten Lieblingsplätzen
Ich hab seit München wohl die Schweiz
Schon hinreichend daheim.
So hock ich still vor einst’gem Reiz
Und find doch keinen Reim.
Ripostegedicht auf „Herbsttag“ (1902) von R. M. Rilke
Wintertag (2022)
Gott: ist dat kalt! Und der Frost macht bald groß.
Wir lesen schnatternd Gasstandsuhren
Und kurz hernach geht’s Winseln los.
Deck dich mit Konserven und Trockenobst ein;
Begib dich ins Loch ungemütlicher Tage,
Bedrängt von Entwertung und Weltfinanzlage –
Diese Welt voller Büsser fängt schwer an zu wein’n.
Wer jetzt sein Haus heizt, hat bald keines mehr,
Wird schrei’n: „Ej, verleiht hier wer Thermoglasscheiben!?“,
Wird Wasser schleppen, preppen, um letzlich auch ’nen Campinggaskocher aufzutreiben.
Und wird nach allem Hin und Her
Sich wundern, wo die Blackouts bleiben.
Bilanz im Herbst
Gülden streicht der Seelenpinsel
Mit der weichsten Quaste
Und erwärmte Blattgerinnsel,
Sprungbereit vom Aste,
Fangen seine Farbe ein.
Ich wollt dieses Jahr noch küssen,
Ehe es mir blindet,
Dass man’s in den Zeitenflüssen
Einst auch wiederfindet,
Ihm noch etwas Glanz verleih’n!
Doch schon ruht im späten Licht
Weisheit wider Ehrgeiz,
Schnurrt in Schönheit: Sorg dich nicht,
Jedes Jahr birgt mehr Reiz!

Spätes Frühstück
In Käse dräut der Überdruss
Mit unbestimmten Noten.
Ich fläze mich im Nicht-Entschluss,
Wo Eile wär geboten.
Ach, heilige Uneinsigkeit
Im Tee jeder Entscheidung!
Ich füttre dich mit meiner Zeit,
In zu bequemer Kleidung.
Es knuspert auch ganz ohne Biss –
Das wahrt mir meine Ehre
Und sei, sagt mir mein Selbst-Beschiss,
Die Art, wie ich mich wehre.
(…) II
Ich liege bar in einem Strom –
Nur Himmelblau und Wolken.
Beim Reset auf mein Erstgenom
Werd ich vom Fluss gemolken.
Ein sprudelnd Dudeldiedelei
Bespült und kühlt mein Köpfchen high –
Nur Himmelblau und Wolken.
Und nun ersäuft’s mir allen Reim
Im murmelndgurgelnden Daheim –
Nur Himmelblau und Wolken.
Es umströmt und umströmen mich Reinheit und Klarheit
Wie göttlich zur Wurzel gereichende Wahrheit –
Nur Himmelblau und Wolken.
Bis Narrenhandwerk, ungeübt,
Den Fluss zu solch Erkenntnis trübt,
Das stolz zu dies erlaubt sich glaubt
Und sich im Raubbau selbst beraubt,
Im Immergrau der Wolken.
Ausarbeitung/Fortsetzung vom gleichnamigen Text vom 22. Juli 2022
Erwachen
Das Augenreiben besiegelt
Den Abschied von nächtlichen Träumen,
Jede Pforte zurück ist verriegelt –
Und so schau ich bedrückt ins Versäumen.
Eine lyrische Transformation als kuba-schwabinger Übersetzung der Texte der Dichterin Luz de Cuba
Die Ahnen (Egungun)
Im Erahnen der Ahnen
Und ihren weisen Hinweisen
Besänftigt sich meine Tortur.
Sie rüsten mich fürs Überwinden,
Aus zähem Dunkel rauszufinden,
Sind Licht und Lichtung pur,
Greifen ein wie ein Handwink, der meinen Weg leitet,
Sind das Nichts, das den Körper als Seele begleitet,
Ein spirituelles Vermächtnis,
Dessen Schatz testamentlos hier echt ist
Und sich üppig wie endlos vererbt.
Auch ungeglaubt entern sie Wirklichkeitssphären,
Wie als Teenager mir meine Oma erschien,
Entflammt aus der Ahn‘reihen magischem Schwären,
Unfassbar real, seither nicht zu entzieh‘n,
Spür ich ihre Präsenz, nachts im Traum, jederzeit,
Und wenn ich einst geh, steh‘n die Ahnen bereit,
Mich einzubinden in ihrem Geflecht
Von Stämmen, Historie, Familiengeschlecht,
Bis dass ich vollends Ahnin bin,
Dass ein Enkelkind oder Großenkelin
Als spirituelle Verbindung auf Erden,
Meine Seele ruft, wiedergeboren zu werden.
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