Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten

Dutzendzeiler


  • Abu Dhabi revisited & das neunhundertachtzigste Gedicht

    Abu Dhabi Stadtstrand

    Der Entertainer

    Du starbst nach ’nem Auftritt, im Billighotel
    Gekrümmt auf ’ner toten Matratze
    Die fremde Umgebung verzeichnete grell
    Den finalen Versuch einer Fratze

    Du starbst nach ’nem Auftritt, im Billighotel
    In allem zu fern von Zuhause
    Die Show war vom Ansatz hoch professionell
    Und du hieltst das Niveau bis zur Pause

    Du starbst nach ’nem Auftritt, im Billighotel
    Neues Publikum starrt durch die Tür
    Es musste so kommen, doch kam’s dann sehr schnell
    Und im Raum steht die Frage „Wofür?“


  • Hawaii revisited & das neunhundertsiebenundsiebzigste Gedicht

    Maui - Black Beach at the Road to Hana

    Nach dem Abbau (und Gründe zu grinsen)

    Wir kamen nicht nur viel zu spät zu dem Fest
    Wir waren noch nicht einmal da
    Uns tarnte die eigne Präsenz nur zum Test
    Wie alles, was löschenswert war

    Die Einladung quillt wie kopiert durchs Revers
    Ich könnt ihre Anzahl nicht schätzen
    Du nimmst, sag ich mir, einfach alles zu schwer!
    Doch vieles scheint leicht zu ersetzen

    Wir sehn uns – nach allem – noch immer im Recht
    Und errechneten schon unsre Zinsen
    Wir hielten die Haltung in diesem Geflecht
    Wir bunkerten Gründe zu grinsen


  • Kazile Island Lodge & das neunhundertfünfzigste Gedicht

    Kazile Island Lodge am Kwando

    Tented Camping

    Wo der Strom fehlt, gibt es die meisten Geräusche –
    Pfeift ein nächtlicher Vogel, ist’s ein Frosch? Nun, ich täusche
    Mich gern hinein ins Unbedarftsein,
    Werd‘ mir Deutungen von der Exotik entleih’n:
    Dort schnauft grad ein Hippo, dort heult die Hyäne,
    Dort raschelt des Löwen vergoldete Mähne,
    Verstummt im Schrei ein Beutetier …

    So deute ich das Dunkel mir
    Und dämm’re in dies Hörspiel hin,
    Bis dass ich zugehörig bin.

    Am Morgen lässt Generatorenbrummen
    Alle Verbundenheit wieder verstummen.


  • KÜStenKArneval & das neunhundertsiebenundvierzigste Gedicht

    Flug nach Swakopmund

    Nach der Unabhängigkeit

    Ich steh‘ an einer Plüschbar
    Vom Skakopmunder Küska
    Am Rande des Verstands

    Hier, wo sich alte Zeiten
    Ein kleines Jetzt bereiten
    Im Schoß verlor’nen Lands

    Das, was aus alten Bauten
    Die Einstigen beschauten
    Ruft scheu noch sein Helau

    Ein Stückchen Nordseebade
    Im Glück der Maskerade …

    Entplüscht es nicht zu rau!


  • Strauß & das neunhunderteinundvierzigste Gedicht

    Vogelstrauß an der Ausers Lodge

    Vogelstrauß

    Natürlich fliegt der Vogelstrauß
    Und sieht dabei viel nobler aus
    Als Biologen ahnen

    Doch zieht er bislang unentdeckt
    Und wissenschaftlich inkorrekt
    Am Himmel seine Bahnen

    Wenn er die Stummelflügel weitet
    Und lügnerisch durchs Umland gleitet
    Zerrüttet er als „wenig klug“
    Das Wissen übern Vogelflug

    Und weil das auch die Lehre checkt
    Bleibt solche Flugkunst unentdeckt


  • Berliner Sommer & das neunhundertzweiundzwanzigste Gedicht

    Berliner Sommer am S-Bahnhof Landsberger Allee

    Berlin kann kein Sommer

    Berlin ist im Sommer immer so hilflos
    Und sieht dabei oft scheiße aus
    Stolziert dann umher wie’n williger MILFschoß
    Und pfeift sich selbst nach: „Heiße Maus!“

    Hier dörrt jeder Grashalm ’n Spürchen zu schnell
    Und verkleidet sich manch Mensch zu mutig
    Hier staubt hohle Wärme ’n wenig zu grell
    Ist das Grillgut ein bisschen zu blutig

    Bei brüllendster Hitze wird romantisiert:
    Diese Stadt macht aus uns Sukkulenten!

    Berlin kann kein Sommer – dein Touristguide irrt
    Diesen Kram glaub’n hier nur die Studenten


  • Thun & das neunhundertsiebzehnte Gedicht

    Thun

    Auf früher vertrauteren Straßen

    Auf früher vertrauteren Straßen
    In alten Gedanken zu geh’n
    Erkennend noch, was wir vergaßen
    Geblendet vom Zwischengescheh’n

    Und stolpern wir über die Brüche
    Mit denen uns Schicksal verdaut
    Geleiten uns traute Gerüche
    Und Blutbahnen unter der Haut

    Doch es sinkt immer stärker ins Schwinden
    Das Gefühle, man kehre zurück
    Zu winzig wird das, was wir finden
    Zu spurlos das kindliche Glück


  • Schöner Brunnen & das neunhundertneunte Gedicht

    Schöner Brunnen in Nürnberg

    Die Überzeugten

    Voll Verhängnis bergen Schatten
    Ohnehin verlor’nes Sein
    Und es dringt die Flut der Ratten
    Durch das Tor des Zornes ein

    Satt umrülpst sie die Empfängnis
    Schlingt die Brut in einem Rausch
    Und ihr Wille wird Gefängnis
    Zielgewissheit lenkt den Tausch

    Längst rückt mit gezückter Sichel
    Blutgeschwärzter Mondschein ein
    Meuchelt Zweifel wie Gestichel

    Später auch die Engelein


  • Ernte & das neunhundertste Gedicht

    Frühlingsgemüse

    Was ist Liebe?

    Was ist Liebe?
    Das ist ein dreiviertel Body
    Der sich autonom nennen muss

    Was ist Liebe?
    Das ist so ’ne zweidrittel Party
    Ist „Geht ja auch ohne dich, irgendwie“-Stuss

    Was ist Liebe?
    Das ist etwas, das sich mächtigstens wehrt
    Wenn wer’s mit Gedichten so schmächtig entehrt

    Was ist Liebe?
    Ein Austausch von traulichen Blicken
    Ein Bau aus verstetigtem „Komm, lass ma ficken!“


  • Traumstadt & das achthundertdreiundneunzigste Gedicht

    Ulm von oben

    Riposte-Crossovergedicht zu Heinz Erhardts „Ein Naßhorn“ und „In der Traumstadt (Lächeln)“ von Peter Paul Althaus

    Horn und Sporn

    In der Traumstadt ist ein Nashorn stehengeblieben
    Niemand weiß, wem es gehört
    Und beim Versuch es fortzuschieben
    Hat ein Polizist sich die Schulter gezerrt

    Und das Nashorn weiß gar nicht, wie viel es gewogen
    Bevor es nach Schwabing gekommen
    Doch es hat hier, nachdem’s durch die Kneipen gezogen
    Wohl deutlich noch zugenommen

    Langsam stapft es nun von hinnen
    Trotz der Masse: leicht verstört
    Will als „Ansporn“ neu beginnen
    Weil’s sich quasi gleich anhört


Die 272 Städte/Länder der Fotos (2016-2026)


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