Erste Auftragsversewoche 2021: Gewünscht wurden Gedichte zu den Themen Yoga, Serienbingen, Netflix, Geschwurbele, E-Mobilität, Marilyn’s Army, Hochzeitsfotografen und Fanfiction.
Marilyn’s Army
Wir wurden in die Arsenale bestellt
Für den Sturm auf die Charts einer anderen Welt,
Wir haben gewetzt und geschliffen.
Wir stimmten uns ein,
Immer lautstark zu sein,
Haben früh auf Besoldung gepfiffen.
Wir sind vielleicht längst schon die Letzten an Bord
Doch erfüllen verlässlich im Trance den Akkord,
Seit man uns für Verschworenheit bucht.
Gescheiterte zwar,
Gleichwohl immer noch da –
Vom Punkrock beschenkt und verflucht.
Du hast von der Lieb‘ in die Welt mich getschüsst,
Schriest „Raus hier!“ statt „love is the word“.
Ein Vorderzahn ward deiner Anmut entküsst –
Den Rest hast du selber zerstört!
So viele Spuren Hässlichkeit
Hat Zeit uns eingedörrt,
Weil jeder „Halt die Fresse!“ schreit
Und niemand sich empört.
Im Tonnenlawinengeröll liegt ein Einst –
Das hätt‘ uns auch wortlos gehört.
Mag sein, dass du darüber seltener weinst.
Die Zahnlücke pfeift “ … is the word“.
Aus eingeschnappten Schnauzen schnellen
Tsunamis von Empörungswellen
Zunehmend scheugeklapptem Wütens
Und neubewusstem Trutztrotz-Brütens.
Mit Charme sich dem entgegenstellen?
Eh wir, verarmt in Ausdruckszellen,
Uns anstandswauwauend bescheiden
Und Freiheitsbeschneidung erleiden?
Unbedingt.
Bloß sollten wir niemals partizipieren am Müll
Mit Patriarchats-Partisanen-Gebrüll,
Uns auch am falschen Weg verschulden –
Die wahre Tugend heißt Erdulden!
Mein Schritt durch die Vorstädte hallt mir zu schrill,
Womit er was klar- oder darstellen will.
Ich würde gern rufen: Das bin gar nicht ich –
Allein der Besuch hier ist wichtig für mich!
Ich ward deep im Grundrausch der Großstadt geboren,
Werd stetig durchzittert von Schallresonanz,
Das Flitterhaar brutzelt im Speck meiner Ohren,
Bin emsiger Nutzer des Fames oder Funs.
Noch klingt jeder Schritt hier mir schrill statt nur laut,
Noch sind mir der Maßstäbe Wogen vertraut.
Die Stille im Vorort berichtigt mein Ich –
Allein der Besuch dort ist wichtig für mich
Ich schminke mein Sprechen mit fleißigem Gendern,
Entsprechend gefordertem Formideal.
Fürs eigene Spiegelbild würd ich’s nicht ändern –
Dem eigenen Ohr ist Kosmetik egal!
Doch eh ich berechtigte Anliegen schmähe,
Trag ich meiner Äußerei Glitzerstaub auf.
Auch wenn manch Wort ohne dies schöner aussähe,
Nehm ich das mir Läppische lässig in Kauf.
Galant und entspannt spende ich meinen Beitrag
Zu einer fairtrefflich sich bessernden Welt,
In der nach generisch-ästhetischem Einschlag
Der Wunsch nach jed äffischem Umweg entfällt.
Lass Birken bewirken
den Zuzug von Tier’ken
gönn dir auch Robin’chen
zwischen den Schien’chen
betagg alle Wände mit „Ende Gelände“!
Betagt mault manch Gleis-Greis: „Scheiß Umweltverbände!“
Drängt’s dein wilderndes Herz noch nach weiteren Faxen?
Dann lass uns mal Schönebergs Norden bewachsen!
Es knabbert an den Tagen
Ein Mund voll Dunkelheit.
Wie kurz der Sommer war, wenn
Die ungenutzte Zeit
Schreit: Memento Mori, Blätterfall,
Ein Wall von Kältekälte!
(Obgleich ein kurzer Lichteinfall
Mich morgendlich erhellte)
Es knabbert an den Tagen
Die Jahreszeit der Nacht.
Wie kurz der Sommer war, wenn
Du nichts aus ihm gemacht!
Geh kindlich, willst du den Bann übertreten,
Zeig die beste Miene zum verachteten Spiel!
Dann winde dich um das, wozu du gebeten –
Doch sei kindlich dabei! Das verrät keinen Stil.
Geh kindlich, wenn du ihrer Bühne entfliehst,
Weil Arglosigkeit ihre Angriffslust hemmt!
Sei kindlich, wenn du dein Revolverchen ziehst –
Dann zählt mit zum Spiel, wenn der Abzug mal klemmt!
Bleib kindlich, wenn du deine Flanken entblößt!
Deine letzte Bastion ist die Schutzlosigkeit
Als Irrtum, in dem deine Gegnerschaft döst.
Du kommst, wenn du kindlich gehst, doppelt so weit!