Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten

Dutzendzeiler


  • Smaragdanbau & das eintausendfünfhundertfünfzehnte Gedicht

    Von der Heydt Statue im Smaragd-Anbau vom Rietberg Museum

    Spätsommer

    Es knabbert an den Tagen
    Ein Mund voll Dunkelheit.
    Wie kurz der Sommer war, wenn
    Die ungenutzte Zeit
    Schreit: Memento Mori, Blätterfall,
    Ein Wall von Kältekälte!
    (Obgleich ein kurzer Lichteinfall
    Mich morgendlich erhellte)

    Es knabbert an den Tagen
    Die Jahreszeit der Nacht.
    Wie kurz der Sommer war, wenn
    Du nichts aus ihm gemacht!


  • Ushindi & das eintausendfünfhundertzehnte Gedicht

    Das im Mai 2020 geborene Breitmaulnashorn Baby Ushindi mit Mutter in der Lewa Savanne des Zoo Zürich

    Die kindliche Kriegerin

    Geh kindlich, willst du den Bann übertreten,
    Zeig die beste Miene zum verachteten Spiel!
    Dann winde dich um das, wozu du gebeten –
    Doch sei kindlich dabei! Das verrät keinen Stil.

    Geh kindlich, wenn du ihrer Bühne entfliehst,
    Weil Arglosigkeit ihre Angriffslust hemmt!
    Sei kindlich, wenn du dein Revolverchen ziehst –
    Dann zählt mit zum Spiel, wenn der Abzug mal klemmt!

    Bleib kindlich, wenn du deine Flanken entblößt!
    Deine letzte Bastion ist die Schutzlosigkeit
    Als Irrtum, in dem deine Gegnerschaft döst.
    Du kommst, wenn du kindlich gehst, doppelt so weit!


  • Tüpfelhy & das eintausendfünfhundertfünfte Gedicht

    Tüpfelhyäne in der Sewa Savanne im Zoo Zürich

    Sommerliche Handtuchfläze

    Ich will auf diesem Badetuch
    Mein Wonnigsein belegen
    Und tonnenweise Sonnenschein
    Zum Strahlbesuch bewegen.

    Oh, derart niederflach gelegt
    Bin ich niemals gewesen!
    So stahlbeschwert und unbewegt
    War ich zuletzt am Tresen,

    Frittiere nun hier auf Frottiertem
    In dem Duft von frisch Cremiertem:
    Körper-, Geist- und Seelenruh.

    Ich grüß mein Ich fast wie ein Du.


  • Zürich-West & das eintausendfünfhundertvierte Gedicht

    An den Viaduktbögen in Zürich-West

    Vom Suchen und Finden der Geltung

    Mit dem Reichtum wächst auch die Bedeutung.

    Vielleicht hat man‘s dich anders gelehrt?
    So wappne dich für die Enttäuschung:
    Es zählt nur der zählbare Wert.

    Etwas leichtfertig hast du den Schmeichlern geglaubt,
    Dein Kühnheitsdrang hielt‘ sie gebannt.
    Allein das aus Reichtum sich reckende Haupt
    Wird uneingeschränkt anerkannt.

    Es bedeutet ein Haus, wenn‘s ein Anwesen ist,
    Es bedeutet der, der darin wohnt.
    Der Grund, dass man dich da grad treudoofer misst:
    Man gönnt sich, dass das gar nicht lohnt.

    Erzähl ihn‘n die rührenden Aufsteigerstories –
    Doch beginne sie stets gut betucht!
    Klar, findet man kurz, dass Herr Außenvor boah! is –
    Aber einer wie du wird gesucht.


  • Koaribik & das eintausendfünfhundertdrittte Gedicht

    Am Strand vom Walchensee

    Am Walchensee

    Um irgendwalchen Silbenseen
    Salch Wortgebilde nachzuseh’n,
    Muss ich erst schwammig Runden dreh’n.

    Obschon Poeten es begrüßen,
    Vokabularien zu versüßen
    Und sehr auf neue Silben steh’n –
    Bei wal-chen schrei ich nich: „Die lieb ich!“
    (ach, wol-chen wär doch so ergiebig!).

    Doch nach dem Walchenseedurchschwimmen
    Kommt nicht umhin man, zuzustimmen
    Dem Lob voll Teichbegeisterschwung:

    Der See ist ’ne Bereicherung!


  • Vorletzter Tag & das eintausendvierhundertneunundneunzigste Gedicht

    Flora auf dem Rheinsteig

    Der alte Schankraum

    Dass der Tisch und die Stühle da immer noch steh’n,
    Wie wir sie – bald sterbend – verließen.
    Als plane die Tür noch uns wiederzuseh’n,
    Als wüsste sie noch, wie wir hießen.

    Man sieht’s an dem Alter der Photographien:
    Die haben ihr Trinkgeld gegeben.
    Der Thrill vom am Stammtisch geschlag’nen Partien
    Dräut dunstig in anderen Eben-en.

    (Was haben wir die einst mit allem gefüllt,
    Was wir für erachtenswert hielten,
    Was haben wir wie unter Schmerzen gebrüllt,
    Wenn andre zu nachlässig zielten!)

    De-platziert von der Zeit stehen unverrückt da:
    Die Stühle, der Tisch und der Tod.
    Kein spät’res Int’resse kommt uns jemals nah –
    Jede Zeit hat ihr eigenes Lot.


  • Bei St. Goarshausen & das eintausendvierhundertneunundachtzigste Gedicht

    Feld auf dem Rheinsteig

    Familienpensionen

    Das „Guten Morgen!“-Gepfeiffe in Familienpensionen
    Erfolgt immer zu laut und zu früh.
    Aber trotz seines Einfalls in schmerzhafte Zonen
    Wird’s wohlig verdaut zum Gebrüh
    Der allerabstrusesten Kaffeeversuche.

    Und das ist’s genau, hey, warum ich euch buche!

    Die Abwesenheit allen Strebens nach oben
    Lässt in dieser Welt sich nicht hinlänglich loben.
    Sicher sah ich schon besser gespieltes Gemeine –
    Doch die Bodenhaftung als Wärme-Event
    Beschämt das durchdachteste Rundum-Designe
    Und schafft Heime, die man vorm Betreten schon kennt.


  • Kreuzotter & das eintausendvierhundertneunundsiebzigste Gedicht

    Am Kreuzotternpfad im Bayrischen Wald bei Riedlhütte

    Kreuzotter

    Ein dünner halber Meter trügt
    Die Ungefährlichkeit.
    So wenig Gift im Wald genügt,
    Dass wer „Zu Hülfe!“ schreit.

    Ein wechselwarmer Stolperstein
    Trübt unser Sich-so-sicher-Sein.

    Exotisch bleibt ein Rest Gefahr,
    Wo alles schon bereinigt war.

    Ein dünner halber Meter nur.

    Du weißt: Es kann ihn geben.

    So schleicht ein Stücklein Urnatur
    Durch Unterholz und Leben.


  • Zum Isarkanal & das eintausendvierhundertvierundsiebzigste Gedicht

    Brücke über den Isarkanal bei Unterföhring

    Korridore

    Steh’n wir wirklich schon wieder vorm selben Problem,
    Vorm erneuten Versuch einer Klage
    Mit den Klonzellenspielchen vom x-ten Poem –
    Und stell’n nicht den Sermon infrage?!

    Wir – die kein Zeichen der Lösung erlöst –
    Schimpfen unverwandt stur auf die Täter
    Mit dem Vorwurf, in dem die Genügsamkeit döst,
    Dass sich alles bestätigt im Später.

    Und dann steh’n wir noch immer vorm selben Problem –
    Alle Wahrheit scheint chronisch erlahmt.
    Wir umschwärmen von hinten das gleiche Extrem,
    Fern vom Spektrum, das restlos verarmt.


  • Schweinebucht & das eintausendvierhundertachtundsechzigste Gedicht

    Schweinebucht bei Übersse am Chiemsee

    Partyerwachen

    Die aufgekratzte Stimmung war
    Am Morgen schon verschorft,
    Da späten Glucksens Immerdar
    In neues Elend morpht.

    Verdampfte Ausgelassenheit
    Macht Kopfverbände klamm,
    Bis jemand „Nicht zu fassen!“, schreit,
    „Ich hau die Brut zusamm’n!“

    Wenn Übermut im Unterschaum
    Mit Scham sich arrangiert,
    Fühl ich im fortgewünschten Raum
    Mich sichtbar bandagiert.


Die 272 Städte/Länder der Fotos (2016-2026)


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