Traurige Plurals
Das Verfallsdatum von Schönheit
Ist von außen nicht zu seh’n –
Und uns bleibt nur die Schlittellust
Auf längst geschmolz’nen Schneen.
Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos
Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 37 Länder auf 5 Kontinenten
Wintergedichte! Verse, die der kalten Jahreszeit huldigen.
Traurige Plurals
Das Verfallsdatum von Schönheit
Ist von außen nicht zu seh’n –
Und uns bleibt nur die Schlittellust
Auf längst geschmolz’nen Schneen.
Verschmelzungen
Für irgendwen ist jeder Schnee der erste Schnee im Leben
Und den wird es naturgemäß für ihn nie wieder geben.
Und doch birgt jeder Folgeschnee die selbe Sensation
Und weckt beinahe deckungsgleich ’ne Schnee-Re-Reaktion.
Solch Technik möchte ich erlern’n (ich denke schon, ich muss)
Für’s neu entfachte „Hab dich gern, du achtmillionster Kuss!“
Vorbereitung auf den Winter
Wo nichts mehr fährt, kann niemand heizen
Und muss dann auch beim Gas-Geb’n geizen.
Wir werden alle bald erkalten –
So woll’ns halt die Naturgewalten!
Ripostegedicht auf „Herbsttag“ (1902) von R. M. Rilke
Wintertag (2022)
Gott: ist dat kalt! Und der Frost macht bald groß.
Wir lesen schnatternd Gasstandsuhren
Und kurz hernach geht’s Winseln los.
Deck dich mit Konserven und Trockenobst ein;
Begib dich ins Loch ungemütlicher Tage,
Bedrängt von Entwertung und Weltfinanzlage –
Diese Welt voller Büsser fängt schwer an zu wein’n.
Wer jetzt sein Haus heizt, hat bald keines mehr,
Wird schrei’n: „Ej, verleiht hier wer Thermoglasscheiben!?“,
Wird Wasser schleppen, preppen, um letzlich auch ’nen Campinggaskocher aufzutreiben.
Und wird nach allem Hin und Her
Sich wundern, wo die Blackouts bleiben.
Piteraq (am Eismeerbeach)
Auf der Masse im Jenseits acht arktischer Staaten
Lastet achtzig Prozent aller Nacht.
Dort, wo achtsame Spalten auf Wanderer warten,
Zahlt das Unbarmherz bargeldlos Pacht.
Doch auf schmelzenden Schilden voll gleißendem Licht
Braut ein Lab, wenn’s durchtränkt wird vom Eise.
Es knarzt die auf Hoffnung beharrende Schicht
Und ein Gletscherkalb geht auf die Reise.
Jeder Eisluftsturz tobt in die Beiläufigkeit,
Entgrimmt sich gewiss bis zur Tagesschauzeit,
Unerbittlich durchfährt uns belebender Frost
Und alles wird sichtbar. Und alles ist lost.
Zum Ausbleiben der Auffrischungsimpfung (Winterferiensonne)
Sonne, du Geizhals, ist dir nicht bekannt
Wie winters dein schöner Schein streichelt dies Land,
Das finster von Unbill und Frösten gemolken?
Klar, du insistierst: „Das liegt nur an den Wolken,
Die frech vor die Huld meines Strahlspotlights wandern!“
Ja, ja, ne, is klar: Schuld sind immer die andern …
Winterliches Ausfälligwerden
Diese Kälte ist wie ein Verbrechen
Und lügt mir eisglatt ins Gesicht.
Der Frost lässt für jeden Spaß blechen
Und überall mangelt’s an Licht.
Du salbaderst, solch Prüfung sei alldieweil nötig,
Den Frühling gebührend willkommen zu heißen?!
Noch so’n frommen Spruch, Arsch, und ich töt dich,
Ich kack dir den Mund zu, du Pisser – geh scheißen!

Verwintert
Wieder steh / ich am See
Und betrachte, wie der Schnee-
Derwisch ohne Widerstand
Biederweiß bewischt das Land.
Wenn ich wenig See auch seh,
Widersteh ich nie der Seh-
Nsucht nach einem Bad im See.
Immer wieder, wie der Schnee.

Frühling in den Bergen
In den Bergen greift der Frühling glatt
Dem Winter zwischen die Beine.
Das Grün raunt: „Wie jefällt uns dat?!“
Jede Blüte postet unter #ichoderkeine
In den Bergen gleißen parallel
Das Schneeige und Kleeige –
Zwei Helligkeiten im Duell.
Schafft’s heute der Noch- oder Schon-wieder-Fähige?
In den Bergen ist Frühling ein rüder Verdränger.
Der Winter weicht lästernd: „Ich kann dafür länger!“

Kalte Gedanken
Kann den Winter ja immer noch lieben,
Obschon sein Beginn schmerzhaft schwermütig macht,
Und ganz gleich auch, wie schlimm er’s getrieben –
Der Rest der Tonsur schwindet uneitel sacht.
Doch droht mir ein Dasein, da ich wohl gewillt
Bin, immer zu schrei’n, dass der Winter mich killt!
Bisher ist sein Zorn mir erträglich geblieben
Und mir’s manchmal möglich, den Winter zu lieben.
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