Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten

Wasser

Verse für die Phlegmatiker, denen man Wasser, Winter, Nacht, Baby- und Greisenalter zuordnet.
Die beschreibenden und erzählenden Gedichte.
Von der Naturlyrik bis zu allen Längenvarianten der Ballade.

Sollte Ihnen ein hier eingereihtes Gedicht eher den anderen Kategorien Erde, Luft oder Feuer entsprechen, bitte ich, mir eine Nachricht über www.hirnpoma.de zukommen zu lassen!


  • Löwenzahn & das eintausendvierhundertvierzigste Gedicht

    Frühlingswiese bei Schäftlarn

    Das Löwenzahnlos

    Wie Möwen um ’nen Dieselkahn
    Schwirrt durch die Wies‘ der Löwenzahn.

    Wo jene sich ’nen Pott erwähl’n,
    Heißt’s hier der Blüten Zottel zähl’n,
    Die sich vom tief orangenen Kern
    In strahlend helles Gelb vermehr’n.

    Trotz solcher Chance zu faszinier’n,
    Kann diese Pflanze nur verlier’n:
    Als zuu gewöhnlich abgetan
    Wird allgemein der Löwenzahn.


  • Schleißheim & das eintausendvierhunderteinunddreißigste Gedicht

    Neues Schloss Schleißheim

    Schlossparksymmetrien

    Mein Augenmerk ergeht sich in
    Der Schlossparksymmetrie.
    Bald schöpft sich Welt aus einem Sinn,
    Im Heil der Dioptrie.

    Die Barken der Sichtachsen nehmen mich auf,
    Es kreuzen sie Ufer um Ufer.
    Ein schnurrender Grundriss beschmust meinen Lauf,
    Umsäuselt vom Planquadratrufer.

    Ein akkurat‘ Simultankanon-Geblüh
    Bewahrt eine ferne erlernte Idee,
    Spielt streng die Verspieltheit, doch löst sich von Müh‘

    Und ist, wird und war Allerjemals‘ Allee.


  • Back to Schwabing & das eintausendvierhundertdreißigste Gedicht

    Baumblüte in Schwabing

    Das Frühlingserwachen zu Corona

    Der Frühling haut grad richtig raus
    Und macht auf dicke Buxe!
    Der grünt hier ein für tausend „Woah!“s,
    Es blüht das „Hallo, guck’se!?“.

    Doch kann der allerfarb Brillanz
    Das Zepter sich nicht nehmen:
    Es lähmt den Blick die Dominanz
    Des Themas aller Themen.


  • Straßenbarriere & das eintausendvierhundertvierte Gedicht

    Hindernis auf der Straße zwischen Anse Fourmis und Anse Patates auf La Digue

    Idylle am Strand

    Mit der frischen Entkräftung des Schwimmgangs aus der Wellen sprühzischelndem Schaum ans Land
    Sich am Strand
    Auf ein Hand-
    Tuch zu werfen, das im pudrigen Sand
    Sonnenstrahlbetankt ausliegt –
    Das ist dem Ideal
    So nah, dass selbst dein Wanst egal
    Oder wie viel die neben dir seufzende Maus wiegt.


  • Takamaka & das eintausendvierhundertzweite Gedicht

    Am Anse Takamaka auf Mahe

    Das Geisterschiff

    Im Hafen liegt ein schweres Boot,
    Das pferchte sich ein dort mit Macht.
    Das schweigt sich aus, womit es eigentlich droht,
    Löscht die Definition seiner Macht.

    Für die Gezeiten ist’s zu spät –
    Was hier fraglich blieb, ist unterschrieben.

    Man starrt auf des Geisterschiffs Monströsität,
    Ist längste Zeit furchtlos geblieben.


  • Lebendschachfeld & das eintausenddreihundertsechsundneunzigste Gedicht

    Marostica Hauptplatz

    Immernächte in Berlin

    Für jede Minute der Nacht ist gesorgt,
    Das Krakeelen im Schacht hört nie auf.
    Berlin hat sich alldies höchst unfair geborgt
    Und hält mit dem Selfiestick drauf.
    Aber all dies ist da – in den Winkeln vom Echt
    Hält es bis kurz vorm Tiefschlaf mich wach!
    Hier muss Welt nicht schön sein und auch nicht gerecht –
    Sie versorgt uns verlässlich mit Krach.


  • Unterwasser & das eintausenddreihunderteinundneunzigste Gedicht

    Venedig Blick gen San Marco

    Holz

    Ein Volk von Annodazumal
    Rammte hier einst Pfahl um Pfahl
    Tief ins sumpf‘ge Erdenreich,
    Dass der Stämme harte Leich‘
    Stütze eine ganze Stadt,
    Im Abgetauchtsein konserviert,
    Für Ewigkeiten einplaniert.

    Selbst den Mittelpunkt der Welt
    Hielt hier, wie es jetzt noch hält:
    Holz, dem aller Stolz gebührt,
    Nie von Sauerstoff berührt.
    Was sich oben abgespielt,
    Wer da was mit wem gedealt –
    Alles fand und fand nicht statt.
    Was oberflächlich int‘ressiert
    Ist immer schon recht bald krepiert.
    Doch ewig stählt das Meer den Thron
    Aus eingepfähltem Immerschon.


  • Coronaleere & das eintausenddreihundertneunundachtzigste Gedicht

    Leere beim Karneval von Venedig 2020 unter Coronaeinfluss

    Ein Ripostegedicht auf „Die Made“ von Ringelnatz wurde sich gewünscht. Da dieses Gedicht gemeinhin Heinz Erhardt zugeschrieben wird, war mir der gewünschte Autor eine zusätzliche Verpflichtung.

    Das Mädchen von Ringelnuts

    Aus eines Baumes Li-li-anen
    Erklingt Gevatter Natters Warnen:

    „Och, Tochter, könnt ich bloß erspar’n
    Dir die Gefahr’n vom Größenwahn,
    Durch den ich ward zum Single, Schatz!
    Mit Kosenamen Ringelnuts –
    Denn Angst um dich macht mich verrückt,
    Wie’s schlingend nahtlos mich bedrückt
    Gleich nuts, wie inglish Nüsse heißen,
    In die wir Schlangen büßend beißen.

    Kind, glaub mir, du als Ringelnatter
    Machst halswärts rasch ein Raubtier satter
    Drum bleibe in den Li-li-anen
    Die unsre Natternleiber tarnen!
    Verbring’n wir unsrer beider Zeit
    Mit Demut und Bescheidenheit!
    Komm, form’n wir eine nette Schlinge,
    Und tun halt Ringelnatterdinge
    Im Blattwerk, wo auch Mama hing,
    Bevor sie einst gen Minga ging.
    Wohin sie schied, ihr Glück zu suchen
    Und mied, die Fahrt zurück zu buchen.
    Sie darbt nun aus vernarrtem Zwange
    Am Startup-Tun als Warteschlange!

    Auch du wirst bald zur schlanken Schlange,
    Drum wird’s um dich mir langsam bange,
    Wann wohlbeseh’ne Eitelkeit
    Dir von den Zeh’n zum Scheitel schreit,
    Weil Repperdeppen nach dir stier’n,
    Die dich zur Tilie reduzier’n,
    Auf Hüfte, Po und ranke Beine!
    Nun gut, da hab’n wir Schlangen keine …
    Wir sind der Welt ja eher Strich –
    Und auf ebenjenen schickt man dich!
    Und wer erst durchs Bordell verdorben,
    Ist selbst für RTL gestorben.

    Drum, vom Gelege bis zum Grab,
    Geh nie vom rechten Wege ab!
    Ich spiel uns jetzt ’nen Jingle ein,
    Dann tanzen wir hier Ringelreih’n!“

    So rattert runter, Satz um Satz,
    Der Mund von Vatter Ringelnuts.
    Doch
    Manch reich geschmückte Schreckenswarnung
    Erweckt im Schützling erst die Ahnung,
    Dass der Hort, in dem man wohnt,
    Rein als Ort so gar nicht lohnt,
    Und dass wohl jene Minga-Stadt
    Viel mehr an schönen Dingen hat,
    Die einem jungen Natterleben
    Den nöt’gen Schwung viel satter geben.

    Und von dem Rat des Vaters weicht,
    Als nachts es aus dem Blattwerk schleicht
    ’s Töchterchen vom Ringelnuts.
    Doch prompt verschlingt es ratzefatz
    Ein Habicht, der grad rumgegroovt
    Und kurz zuvor noch „Hab dich!“ ruft.

    Und in des Baumes Li-li-anen
    Hallt zwar noch fort das alte Warnen …
    Bloß im Bestand an Nattern hat’s
    Da nur noch Vatter Ringelnuts.


  • Canale Grande & das eintausenddreihundertachtundachtzigste Gedicht

    Auf dem Canale Grande

    Venedig, meerfarben

    Lagune ist ein schönes Wort – und welch ein Ort für eine Stadt!
    Umflüstert von dem Gruß der See, ein Grün beschwappt sie, seidig-matt,

    Mit Seichtheit verhehlender Ungründigkeit.

    Und welch ein schönes Wort: Lagune (sag ich nicht zum letzten Mal)!
    ’s streicht jeden Stein mit Marmorglanz zum Meerstatuen-Ideal.

    In Eselsmilch schwebendes Leben auf Zeit.


  • Lido di Jesolo & das eintausenddreihundertfünfundachtzigste Gedicht

    Lido di Jesolo Mainstreet

    Zu Gast in der Off-Season

    Der Urlaub hat jetzt Ferien
    Und niemand kommt hier her.
    Die zieh’n auf Netflix Serien
    Und nix zieht wen ans Meer.

    Der Nachtportier gießt jeden Sonntag die Pflanzen
    Und neigt dazu sich selbst im Spiegel zu grüßen.
    Es gibt so viel Raum aus der Reihe zu tanzen
    Und bis vor April wird man nicht dafür büßen.

    Die Vorhänge schreien: Wir haben geschlossen!
    Der Flair vom Entree übt das Barrikadieren,
    Besuchende werden mit Argwohn beschossen –
    Hier will vor April nichts und niemand passieren!

    So säumen den Ort, wo sonst Hunderte wohnen,
    Paläste von düsteren Schlüsselpatronen,
    Denen Nachsaisonkühle die Flure bereinigt,
    Bis dass kein Gebrunst mehr die Einsamkeit peinigt,
    Für die – insgeheim – diese Straßen geschaffen
    Als der Welt letztes WLAN-Netz-Schutzreservat,

    Das in dem Moment Parasiten begaffen
    Zur Planung von Kaper- und Brandschatzerfahrt
    Auf Buchungsportalen und in Katalogen,
    Weil man zur Erholung sich einnisten will.

    Derweil sind wir zwei durch die Gassen gezogen
    Und war’n im Gealber so unglaublich still.


Die 272 Städte/Länder der Fotos (2016-2026)


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