Verse für die Melancholiker, denen man Erde, Herbst, Abend, Erwachsenenalter zuordnet.
Die besinnlichen und leisen Gedichte.
Von Aphorismen bis zur Vanitasdichtung.
Sollte Ihnen ein hier eingereihtes Gedicht eher den anderen Kategorien Erde, Luft oder Feuer entsprechen, bitte ich, mir eine Nachricht über www.hirnpoma.de zukommen zu lassen!
Es gibt da einen Ort, an dem die
Mythen, die Diebe, die Chuzpelust
Seit jeher und fortan besteh’n.
Dort macht sich die Seele bequem, sie
Bewirkt’s und tangiert’s von alleine. Du musst
Aus eigner Sorge dorthin geh’n.
Denn das Verlieren der Fühler – es schreitet voran!
Dereinst treuer Schüler, begreifst du: Es kann
Früher überzeugt Erlerntes
Hinfällig einstmals erscheinen.
Und als ein sehr, sehr weit Entferntes
Nicht zu dem mehr zähl’n, das wir beweinen.
Es gibt da einen Ort, der speichert
Der Kupferstecher Beute,
Der verliert seinen Sog.
Er hortet so viel, das bereichert.
Misstraue dem Heute,
Das stets dich betrog.
Wie beeinheimischt schlurf ich die Straße entlang –
Die ich einfach mal Poststraße nenn.
Bin völlig bereinigt vom Sightseeingzwang,
Weil ich alles bereits bestens kenn.
Außer: die richtigen Namen der Straßen,
Der Gassen, der Winkel und Leute …
Ich merk sie manchmal, doch immer in Maßen –
Als Kurzgesprächsrüstzeug fürs Heute.
Die mir so verblieb’nen Erkenntnismomente
Will ich mir enthaltsam bewahren
Als das vom Alltäglichen sauber Getrennte.
Ich war heut mit künftigen Leichen baden.
Ich muss sagen, sie schwammen sehr gut.
Da schwärmten sie: „Erika, zeig deine Waden!“
Für Lebende ganz schön viel Mut!
Ich hab manche Hintern vorm Stillstand geseh’n.
Ich muss sagen, sie blieben mir fern.
Ich zerrte sie in Silhouetten von Reh’n
Vor einem erloschenen Stern.
Die Straffen hab’n frech für ein Mehr kandidiert.
Ich muss sagen, die wirkten gesund.
Da wurd‘ manche Zweisamkeit abzelebriert
In Gemeinsamkeit mit einem Hund.
Mag sein, ihre Haut wird durch Luft präpariert.
Ich muss sagen, die kennen den Dreh!
Für jeden, der doch in ’nen Sarg sich verirrt,
Steht hinten am Waldrand ein Reh.
Ich wünsche mir vor meines Lebens Erblindung
Noch so etwas wie eine Eiscremeerfindung.
Etwas Nützliches, dass dem Genusse entspringt –
Etwas Nutzloses, dass sich als Must-have verdingt.
Ein Gewöhnung verpönendes Mahl des Verwöhnens,
Ein unübergehbares Mal des Versöhnens,
Unwiderlegbar als „Is the world nice?!“-Meme –
Kurzum, ein bisschen so etwas wie Eiscreme.
So ’ne Erfindung der Welt hinterlassen,
Als letzter Akt vorm finalen Erblassen,
Irgendwie etwas wie Eiscreme vererben …
Gut, man kann friedlich auch ohne dies sterben.
Doch das als ein Restzielchen nicht aufzugeben –
Das ist letztendlich mein Anspruch ans Leben.
Ach, wie elend lang war ich nun hier nicht mehr da!
Ich fürchte mich vor dem Versprechen,
Ich machte mich fortan nie wieder so rar –
Solch Leichtfertigkeit wird sich rächen!
Unser Wiederseh’n ächzt unter Melancholie –
Wie viel Tonnen davon kann man tragen?
Wir befinden, spät sei ja doch besser als nie
Und man könne sich gar nicht beklagen.
Wenn ich „Stimmt so!“ sag, mein ich: „Behalte den Rest gern
Für dich!“ – hier verlangt’s niemand nach Kommentaren!
Mein Ich, das hier rumstreunt, kommt immer von Gestern
Und grüßt die Gefährten, die wir einmal waren.
Ich sehe noch so viele Tiefen der Welt,
Die wehren sich meiner Erkenntnis!
Längst habe ich weniger Zeit noch als Geld –
Egal, wie erfolglos die Band is‘.
Wenn möglich, würd ich von Natur noch begreifen:
Den Herzschlag, den Rhythmus, den Kreis.
Doch kann alle Weisheit noch bestenfalls streifen –
Ein Weder/Noch ist’s, was ich weiß!