Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 37 Länder auf 5 Kontinenten

Erde

Verse für die Melancholiker, denen man Erde, Herbst, Abend, Erwachsenenalter zuordnet.
Die besinnlichen und leisen Gedichte.
Von Aphorismen bis zur Vanitasdichtung.

Sollte Ihnen ein hier eingereihtes Gedicht eher den anderen Kategorien Erde, Luft oder Feuer entsprechen, bitte ich, mir eine Nachricht über www.hirnpoma.de zukommen zu lassen!


  • Potsdamer Drache & das zweitausendfünfhundertdreizehnte Gedicht

    Am Drachenhaus auf dem Bornstedter Höhenzug, am Nordrand der Potsdamer Parkanlage Sanssouci,

    Rast (Am Drachenhaus)

    Ich schlürfe unterm Drachen aus:
    Mein Tassenglück Kaffee.
    All die Entspannung gibt’s frei Haus,
    Der Kuchen schmeckt juchhe!

    Die Ungeheuer picken starr
    Mir unbemerkt im Nacken.
    Ich weiß es wohl, doch nimm’s nicht wahr,
    Will nur verstärkt entschlacken.


  • St. Borromäus & das zweitausendfünfhundertzwölfte Gedicht

    Kath. Kirche St. Karl Borromäus in St. Moritz

    Die Scholle

    Es gibt da einen Ort, an dem die
    Mythen, die Diebe, die Chuzpelust
    Seit jeher und fortan besteh’n.

    Dort macht sich die Seele bequem, sie
    Bewirkt’s und tangiert’s von alleine. Du musst
    Aus eigner Sorge dorthin geh’n.

    Denn das Verlieren der Fühler – es schreitet voran!
    Dereinst treuer Schüler, begreifst du: Es kann
    Früher überzeugt Erlerntes
    Hinfällig einstmals erscheinen.
    Und als ein sehr, sehr weit Entferntes
    Nicht zu dem mehr zähl’n, das wir beweinen.

    Es gibt da einen Ort, der speichert
    Der Kupferstecher Beute,
    Der verliert seinen Sog.

    Er hortet so viel, das bereichert.
    Misstraue dem Heute,
    Das stets dich betrog.


  • Wasserburg & das zweitausendfünfhundertsechste Gedicht

    Große Kunstausstellung in Wasserburg

    Aufenthaltsamkeit

    Wie beeinheimischt schlurf ich die Straße entlang –
    Die ich einfach mal Poststraße nenn.
    Bin völlig bereinigt vom Sightseeingzwang,
    Weil ich alles bereits bestens kenn.

    Außer: die richtigen Namen der Straßen,
    Der Gassen, der Winkel und Leute …
    Ich merk sie manchmal, doch immer in Maßen –
    Als Kurzgesprächsrüstzeug fürs Heute.

    Die mir so verblieb’nen Erkenntnismomente
    Will ich mir enthaltsam bewahren
    Als das vom Alltäglichen sauber Getrennte.

    Dann schaff ich’s zum Stammgast seit Jahren.


  • Weitseeausgang & das zweitausendfünfhundertfünfte Gedicht

    Ufer vom Weitsee im Dreiseengebiet zwischen Ruhpolding und Reit im Winkl

    Nach dem See

    Ich war heut mit künftigen Leichen baden.
    Ich muss sagen, sie schwammen sehr gut.
    Da schwärmten sie: „Erika, zeig deine Waden!“
    Für Lebende ganz schön viel Mut!

    Ich hab manche Hintern vorm Stillstand geseh’n.
    Ich muss sagen, sie blieben mir fern.
    Ich zerrte sie in Silhouetten von Reh’n
    Vor einem erloschenen Stern.

    Die Straffen hab’n frech für ein Mehr kandidiert.
    Ich muss sagen, die wirkten gesund.
    Da wurd‘ manche Zweisamkeit abzelebriert
    In Gemeinsamkeit mit einem Hund.

    Mag sein, ihre Haut wird durch Luft präpariert.
    Ich muss sagen, die kennen den Dreh!
    Für jeden, der doch in ’nen Sarg sich verirrt,
    Steht hinten am Waldrand ein Reh.


  • Jedermann-Festspieltribüne & das zweitausendfünfhundertdritte Gedicht

    Die Jedermann-Zuschauertribüne der Salzburger Festspiele am Domplatz

    Vielleicht, dass Schmetterl …

    Kaum, dass der Sommer dir versprach,
    Du würdest nie mehr frieren,
    Verfinstert sich der Rest vom Tag
    In längst geleerten Bieren.

    Die Brunnen sind noch in Betrieb –
    Dann hab’n wir’s noch nicht Winter!
    Du schwörst, es hätt‘ dich jemand lieb
    und kommst auch noch dahinter …

    Die Würfel sind im freien Fall –
    Da ist noch nichts entschieden
    Und alles ist jetzt überall.
    Der Schlusspunkt ward vermieden.

    Noch laufen vor allem die Brunnen vorm Tore –
    Doch die schönen Geschichten sind alle erzählt.

    Ich schwitze den Alkohol aus jeder Pore –
    Vielleicht, dass aus mir sich ein Schmetterling schält …?


  • Mirabellgarten & das zweitausendfünfhunderterste Gedicht

    Der Garten von Schloss Mirabell in Salzburg

    Urlaubsgefühle

    Mancherlei Profanes krallt im Urlaub sich Gewicht:
    Die Gastfreundschaft der Menschen, dieses ganz besondre Licht!

    Das füllt nicht nur ein Storyboard, das fühlt man ganz real –
    Nur ist solche Empfindsamkeit zuhause marginal.

    Alles neigt zur Inflation, ist erst das Eis gebrochen.
    Die Wertigkeit bleibt später Lohn für jene zwei, drei Wochen.


  • Bahnwärterwacht & das zweitausendvierhundertneunundneunzigste Gedicht

    Auf dem Gelände des Bahnwärter Thiel

    Crème de la Crème

    Ich wünsche mir vor meines Lebens Erblindung
    Noch so etwas wie eine Eiscremeerfindung.
    Etwas Nützliches, dass dem Genusse entspringt –
    Etwas Nutzloses, dass sich als Must-have verdingt.
    Ein Gewöhnung verpönendes Mahl des Verwöhnens,
    Ein unübergehbares Mal des Versöhnens,
    Unwiderlegbar als „Is the world nice?!“-Meme –
    Kurzum, ein bisschen so etwas wie Eiscreme.

    So ’ne Erfindung der Welt hinterlassen,
    Als letzter Akt vorm finalen Erblassen,
    Irgendwie etwas wie Eiscreme vererben …

    Gut, man kann friedlich auch ohne dies sterben.
    Doch das als ein Restzielchen nicht aufzugeben –
    Das ist letztendlich mein Anspruch ans Leben.


  • Neuzuzug & das zweitausendvierhundertzweiundneunzigste Gedicht

    Neuzuzug am Feldmochinger See

    Die Wiedersehenden

    Ach, wie elend lang war ich nun hier nicht mehr da!
    Ich fürchte mich vor dem Versprechen,
    Ich machte mich fortan nie wieder so rar –
    Solch Leichtfertigkeit wird sich rächen!

    Unser Wiederseh’n ächzt unter Melancholie –
    Wie viel Tonnen davon kann man tragen?
    Wir befinden, spät sei ja doch besser als nie
    Und man könne sich gar nicht beklagen.

    Wenn ich „Stimmt so!“ sag, mein ich: „Behalte den Rest gern
    Für dich!“ – hier verlangt’s niemand nach Kommentaren!
    Mein Ich, das hier rumstreunt, kommt immer von Gestern
    Und grüßt die Gefährten, die wir einmal waren.


  • Auf Moorrunde & das zweitausendvierhunderteinundneunzigste Gedicht

    Umgebung Morwege rund ums Kloster Benediktbeuern

    Noch

    Ich sehe noch so viele Tiefen der Welt,
    Die wehren sich meiner Erkenntnis!
    Längst habe ich weniger Zeit noch als Geld –
    Egal, wie erfolglos die Band is‘.

    Wenn möglich, würd ich von Natur noch begreifen:
    Den Herzschlag, den Rhythmus, den Kreis.
    Doch kann alle Weisheit noch bestenfalls streifen –
    Ein Weder/Noch ist’s, was ich weiß!


  • Kircus und Cirche & das zweitausendvierhundertneunzigste Gedicht

    Ausblick auf Kochel

    Zum Neumischen der Karten

    Bevor alles beim Alten bleibt,
    Wappnen wir uns fürs Rückschritte-Rennen.
    Es ist ja egal, wer nun wie übertreibt,
    Da wir beide Seiten schon kennen.

    Doch schon wieder ertappst du dich, mehr zu erwarten –
    Treu verfolgst du die Phalanx der Prognosen!
    Ob der Möglichkeit anderer Kann-Kandidaten
    Hortest du Hope – in nicht-impfbaren Dosen.

    Litaneien von „Eigentlich kann das nicht sein!“
    Setzt Realität unter Dauerbeschuss.
    Sie krächzen und ächzen ihr stöhnendes „Nein …!“,
    Steh’n fassungslos vor – scheint’s gewöhnbarem – Stuss.

    Wir haben das nicht mehr für möglich gehalten –
    Ohne Chancen, auf and’res zu hoffen.

    Es gilt, die Prinzipien im Off zu verwalten,
    Als stünd das Ergebnis noch offen.


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