Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 37 Länder auf 5 Kontinenten

Einakter

Alles, was zwölf Zeilen überschreitet.


  • Schlossparkkanal & das zweitausendfünfhundertzweiundzwanzigste Gedicht

    Gondel im Schlosspark Nymphenburg

    Eine Busfahrt bei Regen

    Der Bus, er durchrädert ein Pfützengespritze,
    Feuchtneblig erblinden die Scheiben.
    Die vom Sommer noch kürzlich beschienenen Sitze
    Erklammt neues Kühl, um zu bleiben.

    Es wird Herbst, schreit die tropfnasse Kondensation.
    Es bleibt sommerlich, kontert mein Hoffen.
    Doch die Busfahrerdurchsagen ändert ein Ton,
    Der macht mich bedenklich betroffen.

    Ich bestelle dem Sommer zehn Comebackabsichten,
    Mit Lieferzeit zwei bis drei Wochen.
    Bis dahin mag Regen sein Unheil verrichten,
    Den Sommer zur Abheftung lochen.

    Es wird Herbst, hört man’s Frühchen der Dunkelheit plärren.
    Es bleibt sommerlich, schnauz‘ ich zurück.
    Werd‘ mich mit viel Beharr gegen’s Aufgeben sperren,
    Bewahr‘ meine Rolle im Stück
    „Eine Busfahrt bei Regen“.

    Ich mag mich deswegen ja gar nicht beklagen,
    Werd‘ weiter vom Hof der Gewissheit verjagen,
    Was Schlusspunktesetzer in Hetze platzieren.

    Noch geht die Fahrt weiter, kann so viel passieren …


  • Artemis & das zweitausendfünfhundertzwanzigste Gedicht

    Artemis-Statue im Schloßpark Glienicke

    Februar 2024 (Rückblick 2)

    Sodann beschloss der Februar,
    Dass dieses Jahr ein Schaltjahr war.
    Und man schalt einander bis zur Spaltung,
    Verdammte stets die Ampelschaltung:
    „Leuchten Rot, Gelb und Grün – heißt das Fahr‘n oder Halten?!“
    Ist ein Schaltjahr die Chance, einmal schneller zu schalten?
    Die Fregatte „Hessen“ kriegt ihr Go!,
    Den „Taurus“ bremst das Kanzler-“No!“
    Der Ukrainekrieg feiert den zweiten Geburtstag,
    Macron denkt ob Bodentruppeinsätze kurz nach,
    Es lässt die Wut im Gazastreifen
    Die nächste Brut der Hamas reifen,
    Zum Berlinale-Finale lärmen Antisemiten
    Und die Bild fragt: „Frau Roth, lassen Sie sich das bieten?“
    Ja, die Welt scheint in Entscheidungsnot:
    Wie, wann und wo intervenieren?
    Plötzlich heißt es, pardauz!, „Der Nawalny ist tot!“
    Ja, wie konnte denn sowas passieren?
    Die Konflikte, die Krisen, die Kriege – sie drängeln,
    Dringen uns ins Gemüt wie Saharasand –
    Vielleicht gräbt das Bezahlkarten-Flüchtlinge-Gängeln
    Einen dichteren Ruhewall um unser Land!?
    Drinnen jagen wir emsig RAF-Pensionäre –
    Auf dass die Welt bald sich‘rer wäre.
    Was sie am letzten Februar
    Dann leider Gottes doch nicht war.


  • Neuer Garten Blüte & das zweitausendfünfhundertachtzehnte Gedicht

    Im Garten vom Schloss Cecilienhof im Neuen Garten in Potsdam

    Januar 2024 (Rückblick 1)

    Was gab’s, was war und was geschah
    Im damals ja noch neuen Jahr
    Im ersten Monat Januar?
    Ja nu, a-nfangs sah man da,
    Dass Japan erbebte
    An Neujahr, Margrethe
    Von Dänemark hat abgedankt,
    Ecuador
    Erfasst Furor –
    Vom Drogenhandel vollgetankt,
    Treckerbauern und Beckenbauer
    Belegen die Zitzen der Titelblattspalten.
    Wo erstere sich auf Berlin-Fahrt erhitzen,
    Muss jener nach Abpfiff in Salzburg erkalten.
    Es enthüllt und entmüllt uns das Correctiv
    Den Potsdam-Kotzkram-Vorjahrsmief –
    Da erlern’n wir das Mordswörtchen Remigration
    Und zu Pfingsten auf Sylt, da beherrscht man es schon.
    Doch rekordzahl’nverdächtig formiert sich Protest
    Zum Quod-erat-demonstrandum-Fest.
    War ganz schön was los, da in unseren Straßen –
    ’ne Werteunion (so ganz ohne Herrn Maaßen).


  • Tudorschornstein & das zweitausendfünfhundertsechzehnte Gedicht

    Schornsteine im Tudorstil vom Schloss Cecilienhof im Neuen Garten in Potsdam

    Unter auf Krawall Gebürsteten

    Wir machen’s uns nicht schön, wie Sie
    Ob Wohlstandsgrads vermuten –
    Wir schießen uns ins eigne Knie
    Und filmen uns beim Bluten.

    Der morgendliche Joggingkurs
    Kreuzt unsre Leidenswege.
    Allmächt’ger Kanonklang des Durs –
    Nun komm’nwa ins Gehege!

    Denn das Idyll als Ideal
    Hat abgedankt, Frau Holle!
    Das Glück und Pech sind gleich egal,
    Sie paradier’n im Molle.

    Wir haben Lasten angehäuft
    Und wollen uns beschweren.
    Uns ist jetzt klar, wie was hier läuft,
    Bell’n: „Einspruch, Euer Ehren!“

    Die Tonlage heißt einig Wut
    Und stetig knickt ein Knie.
    Allein der Ärger tut uns gut
    Und wir erklären, wie.


  • St. Borromäus & das zweitausendfünfhundertzwölfte Gedicht

    Kath. Kirche St. Karl Borromäus in St. Moritz

    Die Scholle

    Es gibt da einen Ort, an dem die
    Mythen, die Diebe, die Chuzpelust
    Seit jeher und fortan besteh’n.

    Dort macht sich die Seele bequem, sie
    Bewirkt’s und tangiert’s von alleine. Du musst
    Aus eigner Sorge dorthin geh’n.

    Denn das Verlieren der Fühler – es schreitet voran!
    Dereinst treuer Schüler, begreifst du: Es kann
    Früher überzeugt Erlerntes
    Hinfällig einstmals erscheinen.
    Und als ein sehr, sehr weit Entferntes
    Nicht zu dem mehr zähl’n, das wir beweinen.

    Es gibt da einen Ort, der speichert
    Der Kupferstecher Beute,
    Der verliert seinen Sog.

    Er hortet so viel, das bereichert.
    Misstraue dem Heute,
    Das stets dich betrog.


  • Weitseeausgang & das zweitausendfünfhundertfünfte Gedicht

    Ufer vom Weitsee im Dreiseengebiet zwischen Ruhpolding und Reit im Winkl

    Nach dem See

    Ich war heut mit künftigen Leichen baden.
    Ich muss sagen, sie schwammen sehr gut.
    Da schwärmten sie: „Erika, zeig deine Waden!“
    Für Lebende ganz schön viel Mut!

    Ich hab manche Hintern vorm Stillstand geseh’n.
    Ich muss sagen, sie blieben mir fern.
    Ich zerrte sie in Silhouetten von Reh’n
    Vor einem erloschenen Stern.

    Die Straffen hab’n frech für ein Mehr kandidiert.
    Ich muss sagen, die wirkten gesund.
    Da wurd‘ manche Zweisamkeit abzelebriert
    In Gemeinsamkeit mit einem Hund.

    Mag sein, ihre Haut wird durch Luft präpariert.
    Ich muss sagen, die kennen den Dreh!
    Für jeden, der doch in ’nen Sarg sich verirrt,
    Steht hinten am Waldrand ein Reh.


  • Jedermann-Festspieltribüne & das zweitausendfünfhundertdritte Gedicht

    Die Jedermann-Zuschauertribüne der Salzburger Festspiele am Domplatz

    Vielleicht, dass Schmetterl …

    Kaum, dass der Sommer dir versprach,
    Du würdest nie mehr frieren,
    Verfinstert sich der Rest vom Tag
    In längst geleerten Bieren.

    Die Brunnen sind noch in Betrieb –
    Dann hab’n wir’s noch nicht Winter!
    Du schwörst, es hätt‘ dich jemand lieb
    und kommst auch noch dahinter …

    Die Würfel sind im freien Fall –
    Da ist noch nichts entschieden
    Und alles ist jetzt überall.
    Der Schlusspunkt ward vermieden.

    Noch laufen vor allem die Brunnen vorm Tore –
    Doch die schönen Geschichten sind alle erzählt.

    Ich schwitze den Alkohol aus jeder Pore –
    Vielleicht, dass aus mir sich ein Schmetterling schält …?


  • Bahnwärterwacht & das zweitausendvierhundertneunundneunzigste Gedicht

    Auf dem Gelände des Bahnwärter Thiel

    Crème de la Crème

    Ich wünsche mir vor meines Lebens Erblindung
    Noch so etwas wie eine Eiscremeerfindung.
    Etwas Nützliches, dass dem Genusse entspringt –
    Etwas Nutzloses, dass sich als Must-have verdingt.
    Ein Gewöhnung verpönendes Mahl des Verwöhnens,
    Ein unübergehbares Mal des Versöhnens,
    Unwiderlegbar als „Is the world nice?!“-Meme –
    Kurzum, ein bisschen so etwas wie Eiscreme.

    So ’ne Erfindung der Welt hinterlassen,
    Als letzter Akt vorm finalen Erblassen,
    Irgendwie etwas wie Eiscreme vererben …

    Gut, man kann friedlich auch ohne dies sterben.
    Doch das als ein Restzielchen nicht aufzugeben –
    Das ist letztendlich mein Anspruch ans Leben.


  • Schlafenszeit & das zweitausendvierhundertsiebenundneunzigste Gedicht

    Eingangsportaluhr der Blutenburg

    Das Gerüst

    Wenn ihr Clowns euch schlafen legt,
    Muss ich aufbau’n, unentwegt,
    Das Gerüst; muss prüfend schauen,
    Ob der Lift zum Morgengrauen
    Sicher funktioniert, dass die
    Liebe Sonne irgendwie
    Ihren Weg ans Firmament
    Absolviert. Derweil ihr pennt.

    Ich erschaff zur Schlafenszeit,
    Eskortiert von Wachsamkeit,
    Das Gerüst vom neuen Tag.
    Einfach, weil ich euch so mag.
    Würd ich nicht um euch mich sorgen,
    Verseleer wär euer Morgen!

    Doch dass ich dann dösend den Tag zu nichts nutze
    (verrichteter Pflicht gemäß hab ich ja frei),
    Es müßigt euch zu einem Runtergeputze:
    Ihr bezichtigt mich schlichtweg der Tagträumerei!


  • Kircus und Cirche & das zweitausendvierhundertneunzigste Gedicht

    Ausblick auf Kochel

    Zum Neumischen der Karten

    Bevor alles beim Alten bleibt,
    Wappnen wir uns fürs Rückschritte-Rennen.
    Es ist ja egal, wer nun wie übertreibt,
    Da wir beide Seiten schon kennen.

    Doch schon wieder ertappst du dich, mehr zu erwarten –
    Treu verfolgst du die Phalanx der Prognosen!
    Ob der Möglichkeit anderer Kann-Kandidaten
    Hortest du Hope – in nicht-impfbaren Dosen.

    Litaneien von „Eigentlich kann das nicht sein!“
    Setzt Realität unter Dauerbeschuss.
    Sie krächzen und ächzen ihr stöhnendes „Nein …!“,
    Steh’n fassungslos vor – scheint’s gewöhnbarem – Stuss.

    Wir haben das nicht mehr für möglich gehalten –
    Ohne Chancen, auf and’res zu hoffen.

    Es gilt, die Prinzipien im Off zu verwalten,
    Als stünd das Ergebnis noch offen.


Die 266 Städte/Länder der Fotos (2016-2026)


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