Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 37 Länder auf 5 Kontinenten

Einakter

Alles, was zwölf Zeilen überschreitet.


  • Frankfurt & das zweihundertzweiundzwanzigste Gedicht

    Frankfurt am Main. Fußgänger-Einflugschneise vom Bahnhof.

    Frankfurt am Main. Fußgänger-Einflugschneise vom Bahnhof. Alt vs. Neu.

    Auf der Bank

    Wenn das Junge sich über das Alte erhebt
    Und den ersten Geschmack seiner Reife erlebt
    Gerät dies oft rauschhaft und unbalanciert
    Was freilich im Eifer kein Schwein int’ressiert

    Und doch müssen all die gewachsenen Bachen
    Den berstenden Ferkeln stets Übermut machen
    Ermuntern zum abermals nächsten Versuch
    Bewundern: „Ja, hast du denn noch nicht genug!?“

    Man war ja schließlich auch mal jung
    Durchlebte jenen Überschwung
    So selbstverliebt wie unverfror’n
    Doch ging mit dem Haar auch der Ehrgeiz verlor’n

    Nun, lasst uns die Jugend mit Nachsicht betrachten
    Gleich wie man vordem uns getan
    Wir rücken eins auf auf dem Bänkchen zum Schlachten
    Und sie steht direkt hintenan


  • Theaterhinterhöfe & das zweihundertfünfzehnte Gedicht

    Thalia Theater Hamburg

    Drei Theater – der gleiche Eindruck: Da waren wenig Menschenfreunde am Innenausbau der Garderoben beschäftigt.

    Kein Platz so grau

    Kein Platz so profan wie die großen Theater rücklings umgürtelnden Neonlichtgänge
    Wo Künstler und Technik im Hektikgedränge
    Auf grau meliert grauem Linoleum knarzen

    Kein Platz so gefühllos und unglamouriert als der Bau hinter wuchtigen Stahlbrandschutztüren
    Wo aus Garderoben die prächtigsten Roben sich bühnenwärts in eine Scheinwelt entführen
    Wie Sicherheitsvorschriften fliehende Parzen

    Von scheppernden Boxen zum Auftritt gerufen
    Rutschfester Noppenbelag auf den Stufen
    So, wo ging’s hier noch mal lang?
    Hinweiszettel, Kabelstrang
    Ein Wegegewirr, das ins Nirgends sich streckt
    Verwaist weiße Wände, vom Anseh’n verdreckt
    Sich ans hinterkulissige Dunkel gewöhnen
    Feuerwehrmänner beim feixenden Klönen
    Wegweiserpfeile am Aufgang entdecken
    Gelbschwarz gebrandmarkte Kopfanstoß-Ecken
    Und dann stracks sich vom Eindruck der Taubheit befrei’n

    Freilich, dafür musste Schauspieler sein!


  • Frühstück & das zweihundertdritte Gedicht

    Hopfenfelder

    Bevor der Tag beginnt, sitzt man manches Mal bereits im Zug. Und rauscht an Hopfen und Hoffnung vorbei.

    Spätes Frühstück

    Nun,

    Dem frühen Vogel mag
    Jeden Morgen, jeden Tag
    Etwas Wurmverwandtes langen

    Doch Nachtigall,
    Die Nacht war geil –
    Da brauche ich um anzufangen
    Vorneweg, direkt zum Start:

    Weck-Gebäck, das knusperzart
    Jäh verweht des Schlafes Schwere,
    Wenn ich’s beim Kaffee verzehre

    So legt auf die Gabel
    Derweil ich noch gähne
    Ein Starthilfekabel
    Für Ozeankähne
    Es werden dann, schon halbwegs klar
    Der Tag und ich ein spätes Paar


  • Noch höher & das hundertdreiundsiebzigste Gedicht

    Auf dem Schlossberg Würzburg

    Schlecht drauf, oder was? Erste Abrechnungen – und das zum Nicht-Mal-Zenit der Tour?

    Über Fragen

    Fragst mich, warum ich Menschen hasse?
    Weil sie diesen Moloch der geltenden Masse
    Bilden
    Ungebildet bleiben
    Eingebildet übertreiben
    Frag mich, wieso sollt‘ ich wohl weiterhin schreiben!

    Weil das Doofe der Welt sich fragen soll:
    „Was hört der Kerl nicht einfach auf?“
    Die Blasierten der anderen Seite sich voll
    Echauffier’n soll’n: „De Aff‘ schafft’s net wekklisch hier nauf?!“
    Und so gedopt, verheiz‘ ich mich
    Dass nichts je meinem Eifer glich

    Erst, wenn alles schreit: „Hey, wir könn’n nichts erkennen!
    Da muss doch was sein?! Sag, was müssen wir wissen?“
    Werd‘ ich mich von dem Schreiben trennen
    Schweigen. Vor – letztlich versandenden – Rissen


  • Auf der Höhe & das hundertzweiundsiebzigste Gedicht

    Auf dem Schlossberg Würzburg

    Irgendwie stachelt mich ein auf nahen Hügeln gelagertes Gebäude immer wieder zum Aufstieg an, obschon man es sich auch in der Ebene gemütlich machen könnte. Von der Feste herabgedichtet:

    Straight up/down to the Top

    Ständig muss ich mich erhöhen
    Obenauf im Ausguck stöhen
    Und dem Ausblick Aug ins Aug seh’n

    Gipfel, Wipfel, Kämme, Dämme, Kuppen, Türme stürme ich
    Und auf Berg, Burg, Zinnen sinnen Übersicht und Über-Ich

    Weit lass ich die Blicke schweifen
    Schwelle an vom Welt-Begreifen
    Wachend über all Gescheh’n

    Doch begnüg ich mich durchaus mit
    Einem Blick in deinen Ausschnitt

    Spähend hüpf ich
    Unterschlüpfrig
    Tief ins Jenseits vom Versteh’n


  • Berlinmilde & das hundertsiebenundsechzigste Gedicht

    Silhouette Berlin

    Noch mal was zur alten Heimat Berlin. Und dem ewigen Update-Stress dieser Stadt.

    Berlin vermag

    Berlin vermag
    An einem Tag
    Den Charme einer Pangalaxie zu verlieren
    Kann im Großen und Ganzen
    Verstoßen
    Verranzen
    Verstörend den Rest alter Gunst infiltrieren

    Doch sogleich
    Kann’s butterweich
    Flüstern: „Hab dir jrad verlor’n, wa?
    Bis‘ mir so een kleener Zornja …!
    Willste mir keen Lächeln borgen?
    Krisst ooch wieda. Übermorgen.“


  • Chemnitz & das hundertvierundfünfzigste Gedicht

    Chemnitz

    Und nun wirklich: Chemnitz.

    Geheimnisvolles Chemnitz

    Als ICE-Halt abgeprallt
    Umgeben von diffusem Wald
    Liegt Chemnitz da, man weiß nicht wo
    Nicht, wie’s dort ausschaut – sowieso

    Ach, Fremder, solltest nicht erwarten
    Dir würde man nun mehr verraten
    Es raunt die Stadt geheimnisvoll:
    „Ja, is‘ hier wirklich nich‘ so toll!“

    Denn würde man
    Mal irgendwann
    Was Chemnitz‘ Reize bieten, zeigen
    Würd’n zeitnah auch die Mieten steigen

    So hüllt man Insel, Park und See
    Im Schrecken vom Betonklischee
    Mit leergepafftem Schornsteinschlund
    (Scheint einer auch entwaffnend bunt)
    Gilt gern als „Bäh!“ und dankt der Welt
    Dass nie ein ICE hier hält


  • Sardinien & das hundertsechsunddreißigste Gedicht

    Bahnfahrt Sardinien

    Angekommen.

    Das Landen auf Inseln

    Wenn die Linie der Küste sich sichtbar erstreckt
    Und das Meer türkisgrünend den Gelbrand beleckt
    Querst du erstmal das Füllhorn an landiger Masse
    (Sofern du nicht falschseitig ohne Gewähr bist
    Nur siehst, dass das Meer halt noch immer ein Meer ist)
    Was hieraufhin folgt, ist ’ne bauchmulmig krasse
    Kurve, durch die Meer und Himmel verschwimmen
    Im taumelnden Glauben, dies möge so stimmen
    Fliegt man schiefer und schiefer
    Und taucht immer tiefer
    Dann macht die Maschine recht fremde Geräusche
    Ist das noch in Ordnung? Klingt nicht so – ich täusche
    Mich da hoffentlich … und: ja!
    Hier ist der Boden, wir sind da.


  • 100 Tage & das hundertzweiunddreißigste Gedicht

    Helsinki Achterbahn

    100 Tage des neuen Jahres – und meiner Slam-Abschiedstour sind vergangen. Schnell, finde ich. Ein Foto aus Helsinki als Blick zurück.

    Hundert, immer schon

    Verwundert
    Blick‘ ich auf die hundert
    Nunmehr schon vergang’nen Jahre
    Die ich im Gewirr der Strecken
    Stimmungstiefen abzustecken
    Durch die Republiken fahre

    Vermindert
    Gleichwohl ungehindert
    Schleichen sich die Schlussakkorde
    An die unverändert breiten
    Hürden der Beständigkeiten
    Fähig zum Tyrannenmord

    Verwundet und vermint
    Sind Weggefährten, Wege
    Was nur dem Stillstand dient
    Der tatverblassten Hege


  • Schären & das hundertfünfundzwanzigste Gedicht

    Schären

    Noch mehr vom Vortage: Schärenmaterial.

    Die Felsen der Schären

    Diese unverwandt wasserhervorigen Steine
    Sind seltsam glatt und weichgestalt
    Beinahe organischen Ursprungs. Ich meine
    Auch, dass sich bei Sonnenbescheinung recht bald
    Aus dem Innersten mählich die Steinhaut erwärmt
    Und Grad um Grad Körper die Poren beschwärmt
    Das kenn‘ ich von Reptilien
    Die bis zum Temp’raturbehag
    Strecken sich zur Sonne hin
    Erst dann bereit sind für den Tag

    Nennt mich sehr gern einen Voll-Übertreiber
    Doch vielleicht sind’s versteinerte Saurierleiber!?
    Diese Felsen in Wasser und sonnigem Scheine
    Sind einfach zu seltsam für „einfach nur Steine“

    Aber irgendwas müssen die Felsen ja sein
    Vielleicht also Saurier. Gefällt euch das? Nein?


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