Ripostegedicht zum „Chanson einer (geistig minderbemittelten) Liebenden“ von Mascha Kaleko
Präludium eines (hochbegabt umständlichen) Liebenden
Der Kuckuck war’s, nicht die Nachtigall
(die nimmt man sonst gern überall),
Der mich wachrief, nach drei Tagen dränge es sehr –
Da sei’s höchste Zeit, also bitte, der Herr,
Meiner Minderbemittelten Nachricht zu geben!
So: Ich misse sie sehr, äh, … und würd auch noch leben.
Denn sie wartet und wartet, doch erwartet ja auch
Und bei Erstkontaktanbahnung will es der Brauch,
Dass Romeo vorm ersten Schritt steht –
Den ideal auch Julia mitgeht …
Die Nachricht selbst ist Standard, drum
Geht’s um die Art vom Medium.
Es darf nicht zu eklektisch sein, nicht zu banal –
Was ist hier der passende Messagekanal?
Erfrag ich’s mit ’ner Voice-Mail,
Ob ich zu ihren Boys zähl?
Dasselbe über Video-Reel
Erscheint mir etwas unsubtil.
Doch schicke ich’s per SMS,
Fragt sie vielleicht: „Was war noch des?“
Und erreich ich sie per Mobile Call,
Ist das doch gleich wie’n Überfall!
Ich könnte es ihr auch WhatsAppen –
So ganz auf die Art all der Messenger-Deppen …
Oder eröffn‘ ich’s ihr im Signal-Chat,
Dass ich so gern ein Signal hätt‘?
Oder E-Mail? Ruft sie die überhaupt noch ab –
Verrott‘ ich dann im Spammer-Grab?
Na, vom Retro-Wert wäre es phänomenal,
Ich schick ihr was per Rauchsignal.
Nur frage ich mich auch, versteht
Die Frau das Morse-Alphabet?
Noch weniger klug und ganz sicher zu spät,
Käm ein Versuch per Fax-Gerät.
Obschon etwas Nostalgie immer gefällt –
Sie ist ja Frau der alten Welt!
Doch bleibt’s beim Entschluss, der so lang in mir garte:
Ich schreib ihr eine Ansichtskarte!
Das scheint mir die stimmigste Lösung von allen
Und ich bin mir ganz sicher – das wird ihr gefallen!

