Erde

Verse für die Melancholiker, denen man Erde, Herbst, Abend, Erwachsenenalter zuordnet.
Die besinnlichen und leisen Gedichte.
Von Aphorismen bis zur Vanitasdichtung.

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Flammenspucker & das eintausendzehnte Gedicht

Im Giardino Giusti

Gliederfüßer

Den Krabben, die über die Uferbank krabbeln
Schäumt ein schillernder Blasenbehang von der Schnüss
Der gleicht jenem nach einen Lungendürchschüss
Ins kehlige Gürgeln versandenden Brabbeln

Wenn ich durch Mund und Nase schlürf
Bin ich ein Tier mit Blasenwürf?
Vielleicht auch am Verbluten?
Das lässt sich nur vermuten

Cansignorio & das eintausendfünfte Gedicht

Scaliger Grabmal Cansignorio

Verona

Ganz oben ruht stolz wie in Sänften gemauert
Das Rudel der Scaliger Hunde
Ich stürz durch die Piazzas wie aufsaugetoll
Tauch auch in arenige Runde

Was sonst so vom Ewig das Jetzt überdauert'
Kann schwerlich ein Tag ganz erzählen
Da gilt's zum Passieren von Speicher und Zoll
Den prägendsten Ausschnitt zu wählen

Castel San Pietro & das eintausendvierte Gedicht

Blick auf Castel San Pietro

Die aufgegebene Fabrik

Die aufgegebene Fabrik
Flüstert immer noch Worte wie Kapazität
Auslastungsgrad oder Marktpotential
All die Willenskraft schwebt im Jahrhundertaspik
Und gerät in die Strömung vom Nu-is-egal

Des Gebäudes Geschichte ist längstens geschrieben
Und ein Mörtelstrang ragt aus der Wandnostalgie
Die Arbeit ward aus den Maschinen vertrieben
Und harrt auf den Neustart - ich wüsste nicht wie

Geschulterte Vermächtnisse
Ruh'n in unsteten Schreinen der Handlangerei
Untradiert über ein Handmanual
Doch die Fertigkeit stummer Gedächtnisse wiegt
Nur im Hain alter Mauern noch resthaft real

Wie den Eifer und Schliff noch im Guten vergeuden?
Allen Unterschied, den bald schon niemand mehr merkt?
Du wirkst für die Aura von toten Gebäuden
Und wirst von den Damalssekunden gestärkt

Mauritius revisited & das neunhundertsechsundneunzigste Gedicht

Black River Gorges Nationalpark

Radlergedanken

Das Sirren meiner Fahrradkette
Schmiert die unbeirrte Wette:
Irgendwie wird's weitergeh'n!
Weiß ich auch, dass ihre Glieder
Immerfort und immer wieder
Immerzu im Kreis sich dreh'n

Madagaskar revisited & das neunhundertneunundachtzigste Gedicht

Madagaskar Chamäleon

Für Verbliebene

Dein Grab ist längst schon eingeebnet
Doch das Loch meines Kosmos' nicht zu
Ich spüre sein Gähnen noch hinter der Rückwand
Von nicht zu verrückenden Schränken
Und manchmal, da frage ich mehr dich als mich: "Wie-
So ist der Gewürzstreuer leer?"

So lang ist das alles schon her ...
Und manchmal, da frage ich mehr mich als die, die
Grad parallel deiner gedenken:
"Verzeihst du ein wenig, wie ich noch zum Glück fand?"
Viel zu friedvoll und ruhig raunst du:
"Mein Grab ist längst schon eingeebnet!"

Sardinien revisited & das neunhundertvierundachtzigste Gedicht

Am strand von Alghero

Generation YZA

In den Fußschweißhöhlen der Heavy User
Schwillt die lodernde Masse verlorener Zeit
Der Teigrand im Pizzakarton zischelt: "Loser!"
Und ständig scheint wer für zu wenig bereit

Doch was A nicht vollbracht', wird auch C nicht vollenden
Verkürzt man's auch zur Kleinigkeit

Schon längst glitt der Schlachtplan aus unseren Händen
Es findet nur Ruh, wer sich selber verzeiht ...

Davos revisited & das neunhunderteinundachtzigste Gedicht

Davos Parsenn

Das Hoch

Noch brennt uns der Sommer ins Narkosement
Doch wir können das Wetter nicht halten
Nur loses Gewölk bandagiert den Verstand
Der Blick in die Sonne wirft Falten

Es sei unsre Welt seit Äonen geheilt
Heißt feist uns der Trägheit Versprechen
Der Nachschub wird uns in den Mund abgeseilt
Wen scheren da künft'ge Gebrechen?

Noch dümpelt der Zweifel von nirgendwo her
Es zerdrückt ihn die Schwere der Hitze
Wir fläzen uns bäuchlings zum Durchgangsverkehr
Verarbeiten all das Geschwitze

Die Sonne brennt uns in narkotisches Glück
Als vergäße die Welt sich zu drehen
Die Temperatur findet immer zurück
Und bleibt gern an Nullpunkten stehen

Paris revisited & das neunhundertneunundsiebzigste Gedicht

Blick vom Eiffelturm

Am Wachwechsel

"Wir räumen das später weg", wurde gedacht
Doch dann wurde sehr zeitig gestorben
Von Tätern erträumt, steht das "Wird noch gemacht"
Vor dem Tor der Geschichte
Und im Fort der Gedichte
Und fühlt sich wie weiters umworben

Hawaii revisited & das neunhundertsiebenundsiebzigste Gedicht

Maui - Black Beach at the Road to Hana

Nach dem Abbau (und Gründe zu grinsen)

Wir kamen nicht nur viel zu spät zu dem Fest
Wir waren noch nicht einmal da
Uns tarnte die eigne Präsenz nur zum Test
Wie alles, was löschenswert war

Die Einladung quillt wie kopiert durchs Revers
Ich könnt ihre Anzahl nicht schätzen
Du nimmst, sag ich mir, einfach alles zu schwer!
Doch vieles scheint leicht zu ersetzen

Wir sehn uns - nach allem - noch immer im Recht
Und errechneten schon unsre Zinsen
Wir hielten die Haltung in diesem Geflecht
Wir bunkerten Gründe zu grinsen

Gletschereis & das neunhundertneunundsechzigste Gedicht

Die entscheidenden Schritte

Lässt es sich im Blut erkennen
Dass dich von dem Weiter trennen
Schritte von zu großer Weite -
So steht Scheitern fürs Gescheite

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